Kultusministerin Eisenmann "Nicht alle Kinder sind fürs Gymnasium geeignet"

Die Leistung von Viertklässlern hat sich verschlechtert, gleichzeitig ist der Anteil der Förder- und Zuwandererkinder gestiegen. Gibt es einen Zusammenhang? Ja, sagt die Präsidentin der Kultusministerkonferenz im SPIEGEL.

Susanne Eisenmann
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Susanne Eisenmann

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Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Susanne Eisenmann, attestiert Deutschlands Schulen ein sinkendes Niveau in den Fächern Deutsch und Mathematik. "Der Trend geht nach unten", sagt Eisenmann, die seit 2016 auch Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

Als Grund für die negativen Entwicklungen nennt die CDU-Politikerin eine zunehmend heterogene Schülerschaft: "Die Schulen gehen damit nicht optimal um - mit Zugewanderten, mit Förderschülern oder mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen." (Lesen Sie hier das vollständige Interview im neuen SPIEGEL.)

Vor wenigen Wochen hatte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die so genannten "Bildungstrends für die Primarstufe" veröffentlicht. Deutschlandweit wurden rund 30.000 Viertklässler in Lesen, Rechtschreibung, Zuhören und verschiedenen Disziplinen der Mathematik getestet. Die Ergebnisse bereiten Kultusministern im ganzen Land Kopfzerbrechen: Nur etwa die Hälfte der getesteten Schüler erreichte die Mindestanforderungen in der Rechtschreibung. Auch in Mathe und Zuhören sackten die Leistungen im Vergleich zum vorherigen Test im Jahr 2011 fast flächendeckend ab. Stabil blieben die Ergebnisse einzig im Lesen.

"Wir haben uns zu sehr auf den Erfolgen ausgeruht"

Besonders hart traf es Eisenmanns Bundesland Baden-Württemberg. Die Schüler im Ländle verzeichneten insgesamt die stärksten Einbrüche. Im IQB-Test für Neuntklässler, der im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, zeichnete sich bereits eine ähnliche Entwicklung ab. Schon damals sagte Eisenmann, die Ergebnisse "können uns nicht zufriedenstellen" und kündigte an, "Qualität und Leistung in Baden-Württemberg" wieder in den Vordergrund zu rücken.

In der Folge setzte Eisenmann unter anderem einen prominent besetzten wissenschaftlichen Beirat unter der Leitung des Tübinger Bildungsforschers Ulrich Trautwein ein, um die Schulen im Südwesten wieder zu alter Stärke zurückzuführen. Das allerdings, warnte Trautwein, werde Jahre dauern.

Eisenmann äußert sich nun kritisch zu ihrem eigenen Bundesland. Baden-Württemberg habe jahrelang in der Spitzengruppe gelegen, so die Ministerin. "Darauf haben wir uns zu sehr ausgeruht."

Sie kritisiert zudem, dass in einigen Städten zu viele Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselten - in Freiburg, Heidelberg oder Tübingen rund 60 Prozent. "Nicht alle Kinder sind fürs Gymnasium geeignet", so die Ministerin. Es sei falsch zu sagen, "nur mit Abitur geht's weiter im Leben".

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - diese Woche bereits ab Donnerstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
Blaue Fee 03.11.2017
1.
Dann müssen sie es eben wieder wie die Bayern machen, ab einem Durchschnitt von 2,3 geht's auf Gymnasium, oder man legt sich Einstufungstests am Ende der Grundschule zu. So macht man das im Ausland wobei die Schulen entscheiden, ob der Schüler aufgenommen wird und in welche Leistungsklasse kommt, da fachspezifisch binnendifferenziert wird.
derhey 03.11.2017
2. Selbsterkenntnis
trifft wohl auf mich zu - war während meiner Schulzeit nicht für das Gymasium geeignet, ist Fakt. Dann später zweiter Bildungsweg, Abi mit 1,3, dann Studium und auch im Beruf wohl erfolgreich (Selbsteinschätzung). Auch der Beruf nach der mittleren Reife ging eigentlich in Ordnung, war nichts daran auszusetzen. Das Elternhaus, die Lehrer, die Schule überhaupt - damals Nebensache, wäre wohl auch nicht durch eine besondere Förderung besser geworden, also fürs Gymnasium geeignet geworden.
huz6789 03.11.2017
3. Anspruchsniveau gesenkt
Auch wenn ständig vehement und emotional widersprochen wird, ist das Anspruchsniveau am Gymnasium in den letzten beiden Dekaden klar gesenkt worden, und zwar weil es das erklärte Ziel der Politik war. Wir brauchen eben mehr höhere Abschlüsse, also wurden sie über eine Niveauabsenkung herbeigezaubert anstatt durch nachhaltigere Bildung. In der Folge sitzen heute zu viele im Gymi, die dort nicht hingehören, um es mal politisch inkorrekt auszudrücken. Heute bleibt doch praktisch niemand mehr sitzen. Nun kommt die erste Ahnung einer Abrechnung.
Stäffelesrutscher 03.11.2017
4.
Es ist wahrscheinlich zuviel vom CDU-Mitglied Eisenmann verlangt, aber sie sollte sich als erstes dafür einsetzen, das aus Kaisers Zeiten stammende Konzept der religiös konnotierten »Kultusministerien« abzuschaffen und echte Bildungsministerien zu schaffen, wie es in anderen Bundesländern ja auch geht.
TS_Alien 03.11.2017
5.
Niemand braucht Bildungs"forscher". Außer, sie unterrichten selbst. Denn ohne eigene unterrichtliche Erfahrungen, und zwar solche unter realen Bedingungen, wissen die gar nicht, wovon sie reden. Und wenn man richtige Forschung kennt, merkt man erst, dass im Bildungsbereich selten geforscht wird, sondern nur Papier vollgeschrieben wird. Was das dennoch an Geld kostet, kann sich kaum einer vorstellen. Ob man Kultusminister braucht, ob man Kultusministerien braucht, ist nicht sicher. Für Sonntagsreden braucht sie keiner. Und für die Verbesserung der Zustände an den Schulen zeichnen sie sich in den letzten Jahren nicht gerade aus. Im Gegenteil. Was wir brauchen, sind kleinere Klassen. Die Arbeitsmöglichkeiten sind wesentlich besser, wenn in einer Klasse nur 25 Schüler sind anstelle von 30. Noch besser wären 20 Schüler pro Klasse oder Kurs. Zwei Einwände gibt es von der Politik dagegen: die Kosten und die baulichen Veränderungen in den Schulen. Keines dieser Argumente ist überzeugend. Besser ausgebildete Schüler haben bessere Chancen, auch auf Berufe, in denen sie mehr verdienen können. Das sorgt für höhere Steuereinnahmen. Selbst wenn das nicht die Kosten aufwiegt, dann ist das eben so. Gute Bildung kostet Geld. Für Quatsch werden jedes Jahr vom Bund und den Ländern etliche Milliarden ausgegeben. Man stelle sich einmal vor, dass besser ausgebildete Beamte und Politiker Quatsch erkennen, bevor er Geld kostet. Was man dabei sparen könnte.
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