Swasiland Der Freund der Kinder


Stefanescu/Leppin:

Herr Eyeington, Sie waren über lange Jahre als Lehrer am nahe gelegenen Waterford College tätig. Erzählen Sie uns etwas über ihre Arbeit dort.

Ehemaliger nationaler SOS-Direktor Richard "Dick" Eyeington

Ehemaliger nationaler SOS-Direktor Richard "Dick" Eyeington

Richard Eyeington: Das Waterford College in Swasiland war zur Zeit des Apartheid-Regimes in Südafrika die einzige Schule, an der Kinder verschiedener Rassen zusammen lernen konnten. Weil ich gegen die Apartheid kämpfen wollte, bin ich 1971 nach Swasiland gekommen. Am Waterford College habe ich unter anderem die Kinder von Nelson Mandela unterrichtet. Von 1984 bis zu meinem "Ruhestand" 1995 war ich Direktor des Colleges. SOS hat mir dann die Stelle als Nationaler Direktor in Swasiland angeboten.

Stefanescu/Leppin: Wie ist SOS auf sie aufmerksam geworden?

Eyeington: Während meiner Zeit am Waterford College habe ich auch den derzeitigen König, Mswati III. Ngwenyama, unterrichtet. Ich habe SOS geholfen, Kontakt zum König herzustellen, als es um die Planung des Dorfes hier in Mbabane ging.

Stefanescu/Leppin: Was sind Ihre Aufgaben als Nationaler Direktor?

Eyeington: Ich bin eine Art Supervisor - alle Probleme der SOS-Einrichtungen in Swasiland sind auch meine Probleme. Ich bin für die Verteilung der Gelder genauso zuständig wie für die Zusammenarbeit mit der Regierung von Swasiland. Im Grunde genommen bin ich der Administrator des Dorfes hier in Mbabane, sowie aller dazugehörigen Einrichtungen und Projekte, vom Hermann-Gmeiner-Kindergarten bis zur SOS-Klinik und dem "Family Care Programme". In der Zeit, in der ich für SOS arbeite, haben wir neben dem Dorf in Mbabane ein zweites im Osten des Landes gebaut. Das Dorf in Nhlangano mit angeschlossenem Kindergarten und einer kleinen Klinik ist jetzt endlich bezugsfertig.

Stefanescu/Leppin: Alle Mitarbeiter und Kinder nennen Sie nur "Dick".

Eyeington: Die Kinder haben zwar Respekt vor mir, doch ich bin auch ihr Freund, nicht nur der weiße Mann im Head Office - deshalb nennen sie mich Dick.

Stefanescu/Leppin: Sie sagten, Sie seien für die Verteilung der Spendengelder verantwortlich. Könnten Sie den Weg dieser Gelder nachzeichnen?

Eyeington: Der Sponsor spendet sein Geld für ein bestimmtes Dorf. Ich gebe es an den jeweiligen Dorfleiter weiter und der an die "Mütter". Die Mütter verwalten das Budget der Kinder. Die Kinder selbst bekommen kein Geld, so sieht es SOS vor. Nur die Jugendlichen sind für ihre Finanzen selbst verantwortlich. Spendet jemand für ein bestimmtes Kind, so wandert dieses Geld in einen speziellen Fonds. Wir finanzieren aus diesem Topf die Universitätsausbildung oder helfen den Jugendlichen, wenn sie das Dorf verlassen und auf eigenen Beinen stehen möchten.

Stefanescu/Leppin: Welche Ziele verfolgt SOS in der Erziehung der Kinder?

Kinder unterschiedlichen Alters aus Mbabane

Kinder unterschiedlichen Alters aus Mbabane

Eyeington: Wir möchten, dass die Kinder und Jugendlichen eine Zukunft haben. Wir ermöglichen ihnen die bestmögliche Ausbildung. Sie sollen einmal dorthin zurückkehren können, wo sie herkommen. Deshalb erzählen wir denjenigen, die nur wenig oder gar nichts über ihre Wurzeln wissen, alles über ihre Herkunft und ihr Schicksal. Dazu gehört auch, dass wir versuchen, den Kontakt zu Eltern oder Verwandten auszubauen.

Stefanescu/Leppin: Neben den SOS-Kinderdörfern unterstützt der Dachverband verschiedene Projekte, zum Beispiel mit Aids-Waisen hier im südlichen Afrika. Welche sind die wichtigsten?

Eyeington: In Mbabane betreuen wir verstärkt das HIV-Projekt. An unsere Klinik ist eine Beratungsstelle für HIV-Infizierte und Aids-Kranke angeschlossen. Die Betroffenen und ihre Angehörigen bekommen hier Informationen zur Krankheit und dem Umgang mit ihr. Die Infizierten sind ein Teil der Gesellschaft und dürfen nicht ausgegrenzt werden. Wir unterstützen einige der Familien außerdem im "Family Care Programme", und unsere Jugendlichen helfen, in den Armutsvierteln die Hütten, die vom Regen weggespült wurden, wieder aufzubauen. Wir vergeben an 180 Kinder außerhalb des Dorfes Stipendien, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen und haben eine Vorschulklasse eingerichtet, in der die Jüngsten in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden. In Nhlangano betreuen wir zudem ein Projekt, das gegen die schlechte Ernährungslage in den Townships kämpft.

Stefanescu/Leppin: Indische Arzneifabriken haben bereits billige Kopien der teuren westlichen Aids-Medikamente hergestellt, die verhindern sollen, dass sich der HI-Virus vermehrt. Warum werden solche Medikamente in ihren Einrichtungen nicht ausgeben?

Eyeington: In der Klinik und der Aids-Beratungsstelle werden keine Medikamente verabreicht, aber psychologische Hilfe angeboten. Leider können wir nicht medikamentös helfen, das Leben der Betroffenen zu verlängern. Für solche Medikamente fehlt uns das Geld. Die Therapie würde unser Budget um das Dreieinhalbfache übersteigen.

Stefanescu/Leppin: Wie kann mehr Geld für die Aids-Projekte gesammelt werden - mit Hochglanzfotos oder mit der Realität?

Eyeington: Ich persönlich würde wissen wollen, wie es wirklich ist. Sie spielen mit Ihrer Frage auf unsere Besucher aus Norwegen an, die einige der Kinder, die wir im Zuge des "Family Care Projects" betreuen, fotografiert haben. Touristen und viele Spender wollen nun einmal fröhliche Kinder sehen. Wir müssen das akzeptieren, schließlich finanziert SOS in Norwegen in einem hohen Maß dieses Projekt zur Unterstützung von Aids-Waisen. Ohne die Spenden müssten wir die Hilfe beenden.

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* Cristina Stefanescu von der Schülerzeitung "Krass" der Anna-Schmidt-Schule in Frankfurt und Jonas Leppin vom "Umlauf", der an der Kasseler Goetheschule erscheint, zählten mehrfach zu den Preisträgern im SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb.

** Richard Eyeington wurde 1940 in England geboren und ging nach seinem Studium als Lehrer nach Afrika. Von 1963 bis 1968 arbeitete er in Tansania, ging zurück in seine Heimat, merkte jedoch schnell, dass er nach Afrika zurück musste. Seit 1971 lebt und arbeitet er in Swasiland. Von 1971 bis 1995 war er als Professor am nur wenige Kilometer vom SOS-Kinderdorf in Mbabane entfernten Waterford College tätig, seit 1984 als Direktor. Von 1995 bis Oktober 2002 arbeitete er als nationaler Direktor für die SOS-Kinderdörfer in Swasiland.



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