Tablets im Unterricht Um sieben Uhr die erste Schüler-Mail

WLAN, E-Mails, Dokumente in der Cloud? In Schulen eine Seltenheit, dort lahmt der digitale Fortschritt. Doch einige Lehrer trauen sich, die Technik einzusetzen. Sie treffen auf hoch motivierte Schüler und ängstliche Kollegen.

Von

Schüler mit Tablet (auf der Bildungsmesse didacta): Fitter als die Lehrer
DPA

Schüler mit Tablet (auf der Bildungsmesse didacta): Fitter als die Lehrer


Die Finkenkrugschule ist keine glitzernde Vorzeigeanstalt in Berlin-Mitte, wo die digitale Intelligenz in Start-ups und schicken Cafés zu Hause sein soll. Die Förderschule mit dem nüchternen Gebäude liegt etwas abseits in Wilmersdorf, hier lernen geistig behinderte Menschen.

Doch es weht der Geist der Innovation durchs Schulgebäude. "Wir hatten bis vor Kurzem ein absolutes Handyverbot im Unterricht", sagt die stellvertretende Schulleiterin Barbara Moser, "jetzt müssen wir das überdenken." Denn seit einiger Zeit wird hier mit elektronischen Tablets gelernt, den großen Brüdern des Smartphones. Die digitalen Helfer erleichtern es Schülern mit Autismus und nicht sprechenden Kindern, sich zu verständigen.

"Früher hatten diese Schüler Geräte, die nur einfache Wort-Bild-Sequenzen darstellen konnten", sagt Sonderpädagogin Moser. Tablets erweitern diese Spezialfunktion, obendrein kann man sie mit der intelligenten Schultafel vernetzen. Genau wie Smartphones - wenn man sie nicht mehr verbietet. Tablets seien kinderleicht zu bedienen, auch für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Und die Motivation ist groß: "Alle wollen damit arbeiten."

Am Wochenende trafen in der Wilmersdorfer Schule die Vorreiter des digitalen Lernens auf Lehrer und Vertreter der Industrie. Die Konferenz "BarCamp digitale Bildung" mit Workshops und Unterrichtsanregungen zum Thema soll in den kommenden Monaten mehrfach in Köln und Berlin stattfinden.

"Ich wurde mit Fragen bestürmt"

Denn Gerätehersteller, Schulbuchverlage und kleine freie Programmier-Radikale merken, wie angespannt die Pädagogenszene ist. Jahrelang tat sich wenig beim Lernen mit Tablets und pädagogischen Plattformen. Jetzt will der Bundestag digitales Lernen vorantreiben. Das Bundesbildungsministerium investiert zwei Millionen Euro, um elektronische Schulbücher möglich zu machen.

Im BarCamp berichten Pädagogen, welche Erfahrung sie mit digitalem Lernen gemacht haben. Musiklehrer Johannes Püschel etwa erzählte, wie die Geräte und Möglichkeiten des Netzes die Schüler mitreißen können. Für ein Projekt, bei dem die Ideen der Schüler im Mittelpunkt standen, bekam er von einem Hersteller einen Klassensatz Tablets plus großen Bildschirm gestellt. "Plötzlich hatte ich schon um sieben Uhr morgens die ersten Schülermails, und im Klassenzimmer wurde ich mit Fragen bestürmt."

Püschel arbeitet an einer Sportschule, an der Weltmeister und Olympioniken lernen. Unter seiner Leitung komponierten und produzierten die Schüler eine Hymne und ein Video für eine mögliche Olympia-Bewerbung. "In diesem Projekt hat die Klasse digital kommuniziert. Das wäre analog viel aufwendiger gewesen." Die Schüler arbeiteten gemeinsam und zeitgleich an Texten, Musik und Film. Mit selbst erstellten YouTube-Lernvideos schaffte Püschel im Unterricht Platz für gemeinsames Arbeiten, "flipped classroom" heißt diese Methode.

Viele Lehrer fühlen sich überfordert

Kollaboration und Kreativität sind die Stichwörter, die Web-Pädagogen immer wieder anführen. Püschel schreibt dem Projekt-Blog die entscheidende Rolle zu. "Wenn Schüler nicht nur in ihr eigenes Heft, sondern öffentlich für Mitschüler und Lehrer schreiben, fühlen sie sich ernst und wichtig genommen", sagt der Referendar. "Und es entsteht so etwas wie Team-Druck."

Doch nicht nur Anregungen, sondern auch Hilfe bei kritischen Fragen der Internetnutzung suchten die Teilnehmer der Wilmersdorfer Tagung. Die Präsentation eines Kriminologen über sexuelle Belästigung in Kinderchats und Onlinespielen war so überlaufen, dass sie schließlich zweimal angeboten wurde. "Mein absolutes Highlight war der Kriminologe", sagte eine Lehrerin. "Es ist gut, wenn jemand Fachfremdes was ganz Neues reinwirft."

Die Lernwerkstatt zeigte allerdings auch, dass der digitale Fortschritt eine lahme Ente sein kann. Viele Pioniere klagten über mangelnde Unterstützung an ihren Schulen. Oft fehlten Schul-WLAN und moderne Geräte. Die größte Blockade aber seien skeptische bis ablehnende Lehrer. "Viele Kollegen sagen, sie hätten keine Zeit für digitale Medien, sie fühlen sich überfordert", sagte eine Pädagogin in der Abschlussdiskussion. Eine andere wies daraufhin, dass die Lehrer durch das neue Lernen "ihre Lehrerrolle in Gefahr sehen".

Barbara Moser, die Co-Chefin der Finkenkrugschule, ist froh über ihr Kollegium. Aber sie wünscht sich einen eigenen IT-Administrator, "eine Berufsgruppe, die an Schulen praktisch noch unbekannt ist." Und sie hätte auch gerne ein eigenes Budget fürs Digitale. "Was nutzt es, wenn ich Tablets habe, mir aber wichtige Apps nicht kaufen kann?"

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.