NRW-Schulgesetz Taschenrechner-Aufrüstung wird für Familien teuer

Bis zu 90 Euro für einen Taschenrechner? Oberstufenstufenschüler in NRW brauchen ab sofort teure, grafikfähige Geräte. Für Familien ist das viel Geld - manche Schüler dagegen freut die technische Aufrüstung.

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Taschenrechner im Mathe-Unterricht: Bis zu 100 Euro für grafikfähige Modelle
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Taschenrechner im Mathe-Unterricht: Bis zu 100 Euro für grafikfähige Modelle


"Von der Schule eingeführte Lernmittel", heißt es im nordrhein-westfälischen Schulgesetz zum Thema Lernmittelfreiheit, werden den Schülern "unentgeltlich überlassen". Schüler und Eltern können dabei mit einem Eigenanteil zur Kasse gebeten werden, für Oberstufenschüler darf der ein Drittel des Betrags von 71 Euro pro Schuljahr nicht überschreiten. Macht 23,67 Euro. So weit, so klar.

Umso erstaunter waren die Eltern angehender Oberstufenschüler in NRW, als sie im Frühjahr Post bekamen. Ab dem Schuljahr 2014/15 werde ein "grafikfähiger Taschenrechner" (GTR) für den Unterricht benötigt, schrieben die Schulen. So habe es das Schulministerium beschlossen.

Welches Modell das ist, konnten die Gymnasien selbst entscheiden. Per Sammelbestellungen wurden mal 67,50 Euro, mal 84,95 Euro gefordert, je nach Modell und möglichen Extras wie Schutztaschen und Namensgravur.

"Unverschämtheit" und "dreiste Verkaufsmasche"?

"Eine unvertretbare Unverschämtheit", ärgert sich Timo Gaß. Der 22-jährige Student hatte mitbekommen, dass seine 16-jährige Schwester sich den GTR kaufen musste und die Schule in ihrem Elternbrief die teuren Extras gleich mit anbot. Die Briefvorlage stammte nachweislich von einem Großhändler. Eine "dreiste Verkaufsmasche", findet Gaß, bei der sich Schule und Land "als zwischengeschaltete Botschaftsüberbringer" missbrauchen ließen.

Das NRW-Schulministerium antwortet, einen Taschenrechnerzwang gebe es nicht, weil die Schulen sich theoretisch auch für die Nutzung einer Software-Variante hätten entscheiden können. Welcher Händler mit der Sammelbestellung beauftragt werde, sei ebenfalls Sache der Schule.

Für Gaß alles nur eine schwache Ausrede, zumal seine Schwester das teure Gerät nur zwei Jahre gebrauchen kann, wenn sie in die Fußstapfen ihres Bruders tritt: "Ich darf in meinem Wirtschaftsingenieur-Studium einen solchen grafikfähigen Rechner gar nicht benutzen." Auch bei Fachleuten sind die Kleincomputer umstritten: Was Didaktiker begeistert, halten Traditionalisten für einen gefährlichen Irrweg.

Der SchulSPIEGEL wollte von Matheschülern wissen: Welche Rechner werden bei Euch im Unterricht eingesetzt - und was haltet ihr davon?

Vera Eirich, Rhauderfehn (Niedersachsen):

Vera Eirich

Mein Jahrgang war der erste "Netbook Jahrgang": Statt eines grafikfähigen Taschenrechners mussten wir uns alle ein Netbook anschaffen und Open Office installieren. Wir wurden aber nicht verpflichtet, ein bestimmtes Gerät anzuschaffen, sondern irgendeins, und das musste dann gewisse Erwartungen erfüllen (die wichtigste war eben, dass Open Office läuft). Ich habe auch ein halbes Jahr lang mein großes Notebook mitgebracht, bin dann aber aus Bequemlichkeit auf ein Netbook umgestiegen. Mittlerweile müssen wir das Netbook nicht mehr jeden Tag mitbringen, sondern die Lehrer sagen uns Bescheid, wann sie es in ihren Unterricht einbauen wollen. Ich finde es super so, weil wir das Netbook in allen Fächern benutzen können.

Mark Offermann, Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen):

SPIEGEL ONLINE

Bei uns müssen ab der 12. Jahrgangsstufe relativ teure Taschenrechner angeschafft werden. Für Klausuren und auch für den Unterricht ist in der Regel lediglich genau das von der Schule vorgeschriebene Modell zulässig. Smartphones werden auch im Unterricht leider nicht sehr gerne gesehen. Das Modell ist an unserer Schule allerdings noch etwas billiger als die 90 Euro und es handelt sich auch nicht um einen grafikfähigen Taschenrechner. Dies mag allerdings auch ein Sonderfall sein, da ich eine Gesamtschule besuche. Beschwerden aufgrund des Preises gibt es vereinzelt, wobei die meisten Eltern den Betrag bereitwillig zahlen.

Peter Kerpen, Daun (Rheinland-Pfalz):

Privat

Wir haben einen relativ einfachen Taschenrechner, den alle an meiner Schule benutzen und benutzen müssen. Aber darüber beschwert sich niemand. Denn das gute Stück hat ja alle Grundfunktionen, man braucht keine Batterien wegen des Solarzellplättchens über dem Display und er kostet auch nur rund 11 Euro. Einziges Manko: Funktionskurven anzeigen kann er nicht. Mit diesem stinknormalen Taschenrechner kam ich bisher wunderbar durch die Geometrie, Logarithmen, Berechnungen am Kreis, alles kein Problem. Und selbst bei Sinusfunktionen und Co. ergaben sich keinerlei Einschränkungen. Warum auch? Entweder weiß man, wie eine Kurve läuft oder nicht. Das Bedienen eines GTRs bringt einen nicht wirklich weiter im Leben.

Saskia Dreßler, Stuttgart (Baden-Württemberg):

Dreßler

Mathematik ist ein Fach, mit dem die meisten Schüler auf Kriegsfuß stehen. Auch mir geht es so. Trotzdem bleibt Mathe ein wichtiges Fach für das Abitur, und zum Glück habe ich einen treuen Freund zur Unterstützung an meiner Seite - meinen Taschenrechner. Er kann nicht nur die vier Grundrechenarten, darüber hinaus zeichnet er mir zuverlässig Funktionen jeder Gattung. Ohne ihn wäre ich wohl verloren. Da die Grafiktaschenrechner in ihrer Anschaffung sehr teuer sind, ist es an meiner Schule üblich, dass diese Unterrichtsmaterialien am Anfang des Schuljahres an die Schüler ausgeliehen werden. Wenn ein Defekt auftritt oder der Schüler, nach der abgeschlossenen Prüfung, den Taschenrechner nicht mehr benötigt, wird er einfach zurückgegeben.

Matthias Hollmeier, München (Bayern):

Privat

Ich kann nicht ganz nachvollziehen, weshalb man in NRW in der Oberstufe eine solch kostspielige Investition tätigen muss. Bei uns in Bayern ist es normal, dass man ab der siebten oder achten Jahrgangsstufe einen Taschenrechner benutzen darf, der als Klassensatz und Sammelbestellung gekauft wird, im Wert von 20 Euro. Allerdings gibt es diverse Unterschiede im Vergleich zu NRW: Man ist nicht verpflichtet, einen Rechner zu kaufen, aber wenn man einen benutzen will, muss man diesen einheitlichen Rechner verwenden. Ich persönlich würde mich weigern, 90 Euro für einen Taschenrechner zu zahlen, da ich es absolut nicht nachvollziehen kann, weshalb man nicht ein billigeres Modell wie in Bayern nimmt. Ich denke, dass man nicht daran vorbei kommt, Geld für einen Taschenrechner zu zahlen. Allerdings wäre es durchaus möglich, eine billigere Version zu nehmen als in NRW.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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JBond 06.11.2014
1. Fragt doch mal die Sachsen...
...denn in Sachsen wurden die grafikfähigen Taschenrechner an Gymnasien schon Ende der 90er Jahre eingeführt. BaWü und andere Bundesländer sind dem Vorbild längst gefolgt...also was soll jetzt der Aufschrei in NRW? Sicher war der erstmal teuer - aber normalerweise braucht man den ja auch nur einmal und der hält dann für die ganze Zeit. Und den beiden Kommentatoren aus RLP und Bayern sei mal gesagt: "Versucht doch mal mit eurem 11 bzw 20€ Taschenrechner die Aufgaben des sächsischen Mathe-Abiturs zu lösen" ...das werden die meisten nämlich nicht schaffen, da die Taschenrechner einem einfache "Fleißarbeiten" wie Kurvendiskussionen abnehmen (und die deshalb kein 15, sondern vielleicht noch 3-4 Punkte bringen), und daher in den Aufgaben mehr das eigentlich Verständnis abgefragt werden kann, und nicht stupide auswendig gelernte Arbeitsabläufe.
bonngoldbaer 06.11.2014
2. Sieg der Maschine
Als ich Schüler war, war die Benutzung von Taschenrechnern verboten. Heute sollen die Schüler dazu gezwungen werden. Ich halte dies für einen Sieg der Maschinen über die menschliche Intelligenz. Und natürlich auch für einen Sieg der Marketingstrategen über die Pädogogik.
pommbaer84 06.11.2014
3. Nett aber unnötig.
Ich musste vor über 10 Jahren auch einen solchen Taschenrechner anschaffen für die Oberstufe. Wir waren der erste Jahrgang der Schule der umgestellt wurde. Genützt hat es nichts. Die Schüler haben genauso viel oder wenig von Mathe verstanden wie ohne den Taschenrechner - lediglich einige Fleißaufgaben wie das lösen von Gleichungen wurden vom Rechner erledigt. Das hat aber auch nur maximal Zeit gespart. Für diejenigen, wo Mathe für das spätere Studium eine Rolle spielt, sind die Rechner sogar kontraproduktiv. Im Studium werden Gleichungen "zu Fuß" gelöst und in der Regel sind programmierbare (grafische) Taschenrechner dort in Klausuren nicht gestattet. Den Taschenrechner der auf dem Bild zum Artikel zu sehen ist (Casio FX-991es) besitze ich auch, und damit habe ich mein gesamtes Ingenieursstudium mit Bravour gemeister. Insofern halte ich die grafischen Taschenrechner für überflüssig.
kioto 06.11.2014
4. Auch bei Mathe muß man (ab und zu) rechnen, klar
Leider verhindern immer besserer Taschenrechner, dass die Schüler Routine im Kopfrechnen, Überschlagen von Ergebnissen und Umstellen von Formeln bekommen. Irgendwann weiß nicht mal mehr ein Oberstufenschüler, wie mit verschachtelten Brüchen gerechnet werden muß. Das kann ja der Taschenrechner. Und der hat immer Recht, egal wie bescheuert das Ergebnis (durch fehlerhafte Eingabe) auch ist. Und 1,9999.... ist doch eine hervorragend gute Näherung für Wurzel 4.
Trainspotter 06.11.2014
5.
100€ für einen Taschenrechner? Mein Rechner an der Schule in Australien hat um die 300€ gekostet und konnte wesentlich mehr als dieses Modell hier
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