Timss-Studie Deutsche Grundschüler haben ein Mathe-Problem

Zu viele Grundschüler erreichen nicht einmal das mittlere Leistungsniveau: In Mathe steht Deutschland laut einer aktuellen Studie schlechter da als viele andere EU-Staaten, Tendenz fallend.

  Matheunterricht in Schleswig-Holstein
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Matheunterricht in Schleswig-Holstein

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Alle kennen Pisa. Aber für ihr Teilgebiet ist die Timss-Studie ebenso interessant: Sie misst und vergleicht die Leistungen von Schülern im Fach Mathe und in den Naturwissenschaften, und zwar jeweils zum Ende der vierten Klasse. Am Dienstag wurde die aktuelle Timss-Studie mit Ergebnissen von 2015 vorgestellt.

Das wichtigste Ergebnis: Die Grundschüler in Deutschland haben Probleme mit Mathe. Und sie sind im Vergleich zur Vorgängerstudie von 2011 sogar weiter abgerutscht, sie liegen nun auf dem Niveau von 2007. Immerhin: In den Naturwissenschaften konnte der Stand der Vorjahre etwa gehalten werden.

In Mathematik liegt Deutschland damit nun unterhalb des EU-Durchschnitts, in Naturwissenschaften knapp darüber. Nur jeder Zwanzigste Schüler in der Bundesrepublik erreicht die höchste von fünf Kompetenzstufen.

Besonders besorgniserregend finden die Studienautoren das untere Ende des Leistungsspektrums: "Trotz eines guten Mittelfeldes haben wir auch um die 20 Prozent unterhalb der Kompetenzstufe 3", sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, der die Studie mitverantwortet. Diese Schüler seien nicht fit für die weiterführende Schule.

Bos warnt deshalb die deutschen Bildungspolitiker davor, sich angesichts der kleinen Erfolge in den Vergleichsstudien der vergangenen Jahre zurückzulehnen. Dafür hätte auch die Timss-Studie 2011 mit ihren besseren Ergebnissen schon keinen Anlass gegeben.

So kritisiert Bos neben den Leistungen deutscher Zehnjähriger außerdem, dass der Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft in Deutschland noch immer zu eng sei. Die Studie schließt daher mit der Forderung, leistungsschwache Schüler stärker als bisher und gezielt zu unterstützen. Nötig sei überdies die Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund.

"Timss" steht für "Trends in International Mathematics and Science Study". Seit 1995 wird die Studie im vierjährigen Turnus durchgeführt. Für die aktuelle Auflage wurden 300.000 Grundschüler in 50 Staaten und Regionen getestet. In Deutschland haben etwa 4000 Schüler an 200 Grund- und Förderschulen teilgenommen.

Die wichtigsten Ergebnisse für Mathematik:

  • In Mathematik liegt Deutschland mit 522 Punkten im Mittelfeld der Untersuchung.
  • 21 Staaten und Regionen haben bessere Mathematikleistungen erzielt, darunter in der EU etwa Nordirland, Irland, Belgien, die flämische Gemeinschaft in Belgien, Portugal, Dänemark, Litauen, Finnland, die Niederlande, Ungarn und die Tschechische Republik.
  • Deutschland liegt damit leicht unter dem Schnitt der OECD-Staaten und der EU-Staaten, aber deutlich über dem internationalen Mittelwert.
  • Besonders gut sind deutsche Schüler im Umgang mit Daten und in Geometrie, besonders schwach in Arithmetik. Gut sind sie außerdem beim Lösen von Problemen, weniger gut beim Anwenden des Gelernten.
  • Die genaue Rangliste aller Länder und Regionen finden Sie am Ende des Artikels.

Die wichtigsten Ergebnisse für Naturwissenschaften:

  • In den Naturwissenschaften liegt Deutschland mit 528 Punkten deutlich in der oberen Hälfte des Rankings.
  • Deutschland liegt damit auf dem mittleren Niveau der OECD- und EU-Staaten.
  • 19 Staaten und Regionen haben besser abgeschnitten als Deutschland, signifikant bessere Ergebnisse haben immerhin noch 15 Staaten, darunter in der EU zum Beispiel Finnland, Polen, Slowenien, Ungarn, Schweden und England.
  • Geht man nach Fächern, stechen die deutschen Schüler in keinem Fach besonders hervor, fallen allerdings in Geografie etwas ab. Ebenso unauffällig sind die kognitiven Anforderungsbereiche, also das Reproduzieren, das Anwenden und das Problemlösen.
  • Die genaue Rangliste aller Länder und Regionen finden Sie am Ende des Artikels.

Hier finden Sie eine Auswahl der Timss-Aufgaben, mit denen deutsche Schüler getestet wurden, sowie die Lösungen:

Timss Test

Mit Material von dpa

Timss-Leistungen 2015 in Mathematik

Teilnehmer Punkte
Singapur 618
Hongkong 615
Republik Korea (Südkorea) 608
Taiwan 597
Japan 593
Nordirland 570
Russische Föderation 564
Norwegen (5. Jgst.) 549
Irland 547
England 546
Belgien (Fläm. Gem.) 546
Kasachstan 544
Portugal 541
USA 539
Dänemark 539
Litauen 535
Finnland 535
Polen 535
Niederlande 530
Ungarn 529
Tschechische Republik 528
Vergleichswert OECD 528
Vergleichswert EU 527
Bulgarien 524
Zypern 523
Deutschland 522
Slowenien 520
Schweden 519
Serbien 518
Australien 517
Kanada 511
Internationaler Mittelwert 509
Italien 507
Spanien 505
Kroatien 502
Slowakei 498
Neuseeland 491
Frankreich 488
Türkei 483
Georgien 463
Chile 459
Vereinigte Arabische Emirate (VAE) 452
Bahrain 451
Katar 439
Iran 431
Oman 425
Indonesien 397
Saudi-Arabien 383
Marokko 377
Kuwait 353

Timss 2015

Timss-Leistungen 2015 in Naturwissenschaften

Teilnehmer Punkte
Singapur 590
Republik Korea (Südkorea) 589
Japan 569
Russische Föderation 567
Hongkong 557
Taiwan 555
Finnland 554
Kasachstan 550
Polen 547
USA 546
Slowenien 543
Ungarn 542
Schweden 540
Norwegen (5. Jgst.) 538
England 536
Bulgarien 536
Tschechische Republik 534
Kroatien 533
Irland 529
Deutschland 528
Litauen 528
Vergleichswert OECD 527
Dänemark 527
Vergleichswert EU 525
Kanada 525
Serbien 525
Australien 524
Slowakei 520
Nordirland 520
Spanien 518
Niederlande 517
Italien 516
Belgien (Fläm. Gem.) 512
Portugal 508
Neuseeland 506
Internationaler Mittelwert 505
Frankreich 487
Türkei 483
Zypern 481
Chile 478
Bahrain 459
Georgien 451
Vereinigte Arabische Emirate (VAE) 451
Katar 436
Oman 431
Iran 421
Indonesien 397
Saudi-Arabien 390
Marokko 352
Kuwait 337

Timss 2015



insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
Sepp1966 29.11.2016
1. Naja, wenn bereits im Test Fehler sind
(vgl. die Tabelle in Test 5 - was ist bitte eine "Liebslingsfarbe"), muss man sich nicht wundern. Jeder, der sich die aktuellen Schulbücher hier in Bayern ansieht, bekommt das kalte Grausen. Unlogisch, in sich unstrukturiert und widersprüchlich. Meine größere Tochter musste das Addieren und Subtrahieren nach einer "neuen Methode eines Pädagogik-Professors" lernen, mit dem Ergebniss, dass Papa am Wochenende dem kleinen Mädel das normaler Rechnen beibringen musste. Oh Wunder. Nach der alten Methode (die auch heute noch in bayerischen Wirtshäusern zu beobachten ist), bei der die Zahlen einfach untereinander geschrieben werden, klappte es prima. Die neue Mehtode führte in die Wüste. Zu meiner Schulzeit (Einschulung 1972) mussten wir jeden Morgen das kleine und große Einmaleins aufsagen, bis es wie im Schalf saß und sitzt bis heute. Ähnliche Erlebnisse im Englischen. Wie soll man einer 11-Jährigen den Unterschied des "'s" zwischen "Let's start" und "She's eleven" erklären, wenn das arme Mädel weder das Wort "us" und dessen Kurzform "'s" noch die dritte Person singular des Verbs "to be" (= is) und dessen Kurzform "'s" kennt. Wieso nicht einfach mit "Let us start" und "She is eleven" beginnen. Und Bücher, in dene mehr Comics als Informationen stehen, verwirren, statt zu helfen. Die Probleme sind auch in anderen Büchern gegeben, so das Biologiebuch für die 5. Klasse, in dem eienrseits der Knochenaufbau zwei Seiten weiter die Wirkungen von Enzymen auf Kohlenhydrate beschrieben sind, um dann wieder zum Muskelaufbau zurückzukehren.
sir wilfried 29.11.2016
2. Inklusion und andere Experimente
Wir leisten uns für jedes Bundesland ein eigenes Kultusministerium mit einem Haufen irre hoch bezahlter Beamten, die täglich versuchen, irgendeine Daseinsberechtigung darzustellen. Heraus kommen ständig wechselnde Experimente wie schreiben lernen ohne Rechtschreibregeln, Inklusion geistig behinderter Schüler, die logischerweise den Lernfortschritt einer Klasse bremsen usw. Andererseits legen zunehmend Eltern die Erziehung ihrer Kinder zu alltäglichem Sozialverhalten in die Hände der Lehrer, strapazieren aber ihre Rechtsschutzversicherung, um dem Nachwuchs Noten zu erzwingen, die nicht gerechtfertigt sind. Erstaunlich ist also eher, dass TROTZ dieser Politik noch Schüler mit hinreichender Allgemeinbildung ihren Abschluß machen.
fallobst24 29.11.2016
3. Hmm
Man muss jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, aber intensiverer Unterricht in Bezug auf Naturwissenschaften und Mathe wären tatsächlich besser für unser Land/Forschung+Entwicklung etc. Es wurde zwar schon tausendmal gesagt, aber ich sage es nochmal: Wir haben keine Ressourcen außer unserem Wissen und unserem Verstand. Ich persönlich würde auf Grund der Verbindungen von Biologie, Physik und Chemie und ihrem "Werkzeug" Mathematik nur von Naturwissenschaften reden. Mathematik ist nunmal - egal ob es einem gefällt oder nicht - für so viele Disziplinen/Studienfächer etc. das notwendige Salz. Alles, was auch nur in irgendeiner Form eine quantitative Analyse streift, braucht Mathematik. Anstatt also den Lehrplan mit allerlei Dingen (nicht alles muss zwangsläufig schlecht sein, aber vieles leider schon) vollzustopfen und an dem fundamentalen Kern selbst zu sparen, sollte es wieder eine stärkere Fokussierung geben. Gleichwohl sollten vor allem die Mathematik-Lehrpläne überarbeitet werden, da sie oft nicht anschaulich genug sind. Mathematik ist nicht so schlimm und schwer, man muss allerdings auch immer versuchen sich konkrete, anschauliche Beispiele zu suchen. Das wirkt für das Verständnis wahre Wunder. Nur trockene Theorie zu kauen, sorgt für diesen Verdruss unter den Kindern (und Erwachsenen)!!!
chris4you 29.11.2016
4. Gibt es eine vergleichbare
Studie zur Lesekompetenz von Schülern? Immerhin gibt es hunderte von Förderprogrammen für Mathematik, jedoch nur sehr wenige zur Erhöhung der Lesekompetenz (die wichtiger ist als Mathe, als Analphabet wird es mit allem anderen sehr schwer) (http://www.tagesspiegel.de/wissen/funktionale-analphabeten-in-deutschland-7-5-millionen-menschen-koennen-nicht-richtig-lesen-und-schreiben/14904662.html).
GMA 29.11.2016
5. habe selbst einen Erstklässler und bin schockiert
Man wählt seine Grundschule nicht aus, sie wird über den Wohnort festgelegt Es gibt zwar angeblich Jahreskonferenzen, wo sich Verteter der Grundschulen mit den weiterführenden Schulen zusammentun. Ein Kompromiss bei Lehrinhalten ist aber nicht vorgeschrieben. In unseren Fall sieht das so aus, dass zwei örtliche Gymnasien XYZ verlangen, die Grundschul(leiterin) das aber anders sieht und sagt das Gymnasium muss sie da abholen, wo sie stehen. GENIAL. Geht man so -ohne Einigung - auseinander, geht das Ganze natürlich voll zu Lasten der Schüler. Die gleiche Schulleiterin, hat die taffe Hortleiterin und zum Teil Eltern kritisiert, weil die Kinder "zu selbstständig sind". Also wenn nicht mal Einigkeit darin besteht, dass ein Lehrziel die Erziehung zu Selbstständigkeit ist, ist klar, das der Rest auch schiefläuft. Hätte ich sowas früher gehört, hätte ich es für einen schlechten Witz gehalten... Komme noch aus der DDR, sort waren auch Umzüge im Schuljahr möglich, weil alle den gleichen Lehrplan haten. Hier macht jeder Schulleiter offensichtlich was er will und manchmal eben ohne Absprache & Einigung zu den weiterführenden Schulen am Ort. Ich habe noch so viel andere Punkte, wo jeder mit normalem Menschenverstand sagt ,sowas ist doch Käse, wird aber trotzdem gemacht, obwohl die Eltern angeblich seit Jahren dagegen Sturm laufen... Abgesehen davon gibts natürlich auch extrem schwierige Eltern, da möchte man mit den Lehrern auch nicht tauschen... In meinem Fall muss ich wohl leider in Hausaufgaben etc voll eingreifen, und der Übergang zur 5 Klasse wird viel schwerer als für die Kinder an anderen Schulen. Leider hängt Hortplatz auch an der Schule, sonst müsste ich über einen anderen Erstwohnsitz nachdenken... Bei meinen Nichten in Frankfurt sieht der Unterricht in der ersten Klasse so komplett anderes aus, das der Unterricht bereits nach den ersten 3 Monaten überhaupt nicht vergleichbar ist. Allein die Existenz einer solchen Bandbreite und der unterschiedliche Übergang zur 5. Klasse halte ich für ein schwerwiegendes Problem. Nicht unterschätzen würde ich die Tastsache, dass berechtigte Sorgen der Eltern nie zur Schule zurückkommen, weil Eltern schlechtere Noten fürs Kind befürchten. Wenigstens haben wir einen tollen Hort&Kindergarten...und die Leiterin lässt sich -z.B. im Bereich Erziehung zur Selbständigkeit - nicht von der Schulleiterin beeinflussen.
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