Tod eines Schülers "Ich hielt den Schmerz kaum aus"

Ich weiß immer, was zu tun ist - das dachte Lehrer Arne Ulbricht bisher. Dann starb plötzlich einer seiner Schüler, und er fragte sich: Was nun?

  Am Tag nach der Todesnachricht ging Lehrer Ulbricht mit der Klasse in einen Park
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Am Tag nach der Todesnachricht ging Lehrer Ulbricht mit der Klasse in einen Park


Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher: "Lehrer, Traumberuf oder Horrorjob?", "Schule ohne Lehrer". Jüngst ist sein Roman "Nicht von dieser Welt" erschienen.
Einer meiner Schüler soll einen Autounfall gehabt haben. Ein beneidenswert bescheidener, witziger und lebensbejahender Schüler, äußerst beliebt. Er sei tot, sagte mein Kollege.

Ich saß gerade mit den anderen Lehrern meiner Schule in der Konferenz, am nächsten Tag sollte nach sechs Wochen Sommerferien der Unterricht wieder beginnen. Völlig verzweifelt verließ ich die Sitzung und rief einen meiner Schüler an. Er bestätigte das Gerücht. Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche. Nein, sagte er.

Und ich? Ich stand mit dieser Information in einem leeren Gang und hielt den Schmerz kaum aus. Wie überwältigend muss erst die Trauer der Eltern sein, der Freundin und der Mitschüler?, fragte ich mich. Und was mache ich nun? Schließlich bin ich der Klassenlehrer.

Als Lehrer erlebe ich ständig neue Situationen, die manchmal unbequem sind. Aber eine solche Situation ist nicht nur neu und unbequem, eine solche Situation ist der "worst case".

So etwas passiert in der Regel jedoch nur den anderen

Noch am gleichen Tag informierte ich alle Kollegen, die in der Klasse unterrichten, anschließend ging ich zur Direktorin. Auf dem Weg zu ihr schossen mir tausend Fragen durch den Kopf. Oder war es nur eine Frage, die dafür tausendmal? Die Frage, auf die ich keine Antwort wusste: Was mache ich, der Klassenlehrer, mit der Klasse am folgenden Tag?

Meine Direktorin kontaktierte die Berufsschulpfarrerin, und zu dritt entschieden wir, dass die Pfarrerin und ich am folgenden Tag gemeinsam unterrichten würden. Sie wollte die Gestaltung der Stunden übernehmen, ich selbst wollte die Klasse zumindest begrüßen und sie über den Tod informieren. Und nach der ersten Doppelstunde wollte ich die Schüler zu einem Spaziergang einladen.

An dem Abend zuvor las ich die Informationen, die mir ein Verein zur Trauerbegleitung geschickt hatte. Dort standen viele Tipps, die selbstverständlich sind, zum Beispiel, dass in einer solchen Situation Gefühle gezeigt werden dürften. Ich wäre aber von selbst nicht darauf gekommen, Taschentücher einzustecken.

Den Rest des Abends dachte ich an meinen Schüler

24 Stunden zuvor hatte er noch gelebt. Vermutlich hätte er darauf gewettet, er würde bald sein Abitur machen. Selten hat mich ein Todesfall derart betroffen gemacht. Dabei war ich doch nur sein Klassenlehrer gewesen. Aber ist das nicht vielleicht sogar eine ganze Menge?

Am nächsten Morgen betraten einige Schüler weinend den Klassenraum. Nachdem ich sie begrüßt und Taschentücher verteilt hatte, übernahm die Pfarrerin. Nach einer Weile sagten einige Schüler, was sie gerade dachten. Viele schwiegen aber auch.

Nach der großen Pause löste sich die Stimmung. Auf den Spaziergang kamen fast alle mit. Wir redeten über die Ferien. Irgendwann setzten wir uns an einen See in die Sonne, wir lachten ein wenig. Und ich dachte: So nah war ich der Klasse noch nie.

In jenen Tagen habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, wie sehr die gemeinsame Trauer ein Kollegium zusammenschweißt. (Mir haben so viele Kollegen Hilfe angeboten, dass ich ganz verwirrt war.)

Und ich habe lernen müssen, dass ich keineswegs der total professionelle Lehrer bin, der immer weiß, was zu tun ist. Der keine Hilfe braucht. Vor dem Tod des Schülers hätte ich nie damit gerechnet, dass ich Beistand auch nur akzeptieren würde. Letztendlich habe ich der Pfarrerin zu verdanken, dass ich den Dienstag, an dem er starb, und den Mittwoch, an dem ich zum ersten Mal die Klasse wiedersah, überstanden habe.

Vor allem habe ich gelernt, dass ein Klassenverband wie eine Familie ist: Man mag sich nicht immer. Oft streitet man sich sogar. Aber in einer Ausnahmesituation hält man nicht nur zusammen, sondern man wird zu einer Einheit, die gemeinsam das Unerträgliche aushält und am Ende gestärkt aus einem solchen Albtraum hervorgeht.

Für mich ist seit jenen Tagen der Klassenverband mehr denn je der Kern des gesamten Bildungssystems.



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monotrom 13.01.2015
1. Netter Zug
Als ein Kommilitone im Alter von 25 Jahren plötzlich verstarb, hielt es an der Uni keiner für nötig ihn von einer Teilnehmerliste zu nehmen die öffentlich aushing bzw. diese neu auszudrucken. Auf meine Anfrage ob bekannt ist, das er verstorben sei bekam ich ein "Ja" als Antwort. Als Student muss man das wohl aushalten können, drei Wochen nach der Unglücksnachricht nochmal mit einer Faust ins Gesicht erinnert zu werden. Als ob das nötig wäre.
ykarsunke 13.01.2015
2. praxistipps
taschentücher und eine pfarrerin: so lässt sich der schmerz doch aushalten. ernsthaft: die "klassenverbände", in die ich zu meinem unglück eingebunden war, waren horrorfamilien. das lässt sich auch aus grossem abstand nicht zu einer "Einheit, die gemeinsam das Unerträgliche aushält" verkitschen.
TS_Alien 13.01.2015
3.
Eine solche Situation ist schrecklich. Die möchte ich als Lehrer nie erleben. Ich käme aber nicht auf die Idee, selbst den Gerüchten nachzugehen und z.B. einen Schüler anzurufen. Das macht man nicht. Einen Pfarrer würde ich auch nicht holen. Der kennt den Schüler doch gar nicht. Mehr als hohle Phrasen bringt der nicht zustande. Die Schüler brauchen Zeit und Raum, um miteinander zu reden. Eine ganz schwierige Situation.
sternfeldthommy 13.01.2015
4. ....warum gleich so aggressiv?
Ich bin zwar schon 1990 aus der Kirche ausgetreten....aber, pauschalen Hass auf sämtliche Vertreter der Kirche? Das ist unfair und völlig unakzeptabel. Es gibt sicher ganz viele gute Pfarrer, die mitten im Leben stehen und konkret Hilfe anbieten. Übrigens zu Kommentar 3: Nein, dieser Fall ist eben KEIN Beweis das es keinen Gott gibt, zumindest wenn man nicht altmodisch denkt und meint, da oben sitzt ein alter Herr mit grauen Bart und entscheidet was auf der Erde vorgeht.
manicmecanic 13.01.2015
5. Klassenverband verklärt
Ist ja schön wenn der Idealist das so empfindet nur sieht die Wahrheit leider in der Mehrzahl genau andersrum aus.Mir ging es wie Kommentator 2,ich habe nur Klassen erlebt wo es nur brutale Machtspiele und Cliquen gab die sich nach reinem Lottospiel ihre Opfer aussuchten und sie niedermachten bis zum geht nicht mehr.Fing auf der Grundschule an und wurde auf dem Gymnasium im sogenannten Flegelalter zur vollkommenen Perfektion ausgearbeitet.Die Lehrer waren entweder schwach oder guckten sich das nur an und zogen ihr Programm so gut durch wie es ging.
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