Todesschüsse an der Berliner Mauer  Schüler-Richter strafen hart

1989 traf Chris Gueffroy eine Kugel ins Herz - er war das letzte Opfer des DDR-Schießbefehls. Seine Mutter und ein Richter im Mauerschützenprozess sind dabei, als Hamburger Schüler 21 Jahre später Antworten suchen: Wie schwer wiegt die persönliche Schuld des Todesschützen?

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Was ist Schuld? Was weiß ein junger Grenzsoldat mit Anfang 20 von Verantwortung, wenn ihm befohlen wird, auf Menschen zu schießen? Wo beginnt, wo endet Gerechtigkeit? Müssen DDR-Grenzer, ihre Kommandogeber oder die Schreibtischtäter bestraft werden und mit welchem Strafmaß?

Chris Gueffroy wusste mit 20 Jahren genau, was er nicht wollte: Dienst tun für die Nationale Volksarmee der DDR. Der Kellner aus Ostberlin wollte raus aus dem Staat, der einst das "bessere Deutschland" zu sein versprach und seine Bürger mit allen Mitteln am Verlassen der Republik hinderte. Neun Monate, bevor die Grenze fiel, versuchte Gueffroy gemeinsam mit einem Freund zu türmen.

Eine kalte Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989: Gueffroy und der Freund schleichen und robben durch die Schrebergartenkolonie "Gemütlichkeit III" in Berlin-Treptow. Sie kommen gut voran und haben nur noch einen Metallgitterzaun vor sich. Doch dann berühren sie einen Signaldraht und lösen um 23.39 Uhr Alarm aus. Sofort sind Grenzsoldaten hinter ihnen her und beginnen zu feuern.

Gueffroy versucht, dem Freund per Räuberleiter über den letzten Grenzzaun zu helfen. Eine Kugel trifft Gueffroy ins Herz. Sein Freund hat die Hände bereits an der Oberkante des Zauns, das Kalaschnikow-Feuer erwischt seine Beine, er stürzt zurück auf die Ostseite. Er ist verletzt, aber er lebt. Chris Gueffroy dagegen stirbt binnen Minuten.

Der Schütze, damals 23 Jahre alt, hatte freies Schussfeld. Das erzählt Theodor Seidel, 79-jähriger Richter im Ruhestand, Oberstufenschülern der Hamburger Sophie-Barat-Schule. Seidel urteilte 1992 als erster deutscher Richter über Todesschüsse an der deutsch-deutschen Grenze und fand für den Grenzsoldaten eine harte Strafe - in einem der wichtigsten und schwierigsten Gerichtsverfahren der deutschen Geschichte.

Christoph spielt den Mauerschützen überzeugend

An diesem Tag in Hamburg führt Marina, 17, die Verhandlung. Im Rollenspiel stellen die Schüler den ersten Mauerschützenprozess nach, der für so viel Aufregung sorgte: Anfang der neunziger Jahre, als die Gymnasiasten noch nicht geboren waren. Jetzt sollen sie in einer Stunde ein gerechtes Urteil finden.

Chris Gueffroy war der letzte "Republikflüchtling", der im Kugelhagel an der Berliner Mauer erschossen wurde. Seine Mutter Karin Gueffroy macht mit bei der Hamburger Schullektion in Politik und Geschichte, Moral und Justiz. Sie sitzt schräg hinter Sophie: Die 16-Jährige hat die schwierige Aufgabe übernommen, Karin Gueffroy als Nebenklägerin darzustellen.

Auch Richter, Schöffen und Staatsanwälte haben die Schüler bestimmt. Auf der Anklagebank mimt Christoph, 16, den Todesschützen, eingerahmt von zwei Mitschülern als Verteidiger. Christoph spielt überzeugend, beinah zu sehr. Er verheddert sich in Ausflüchte. "Es war dunkel", sagt er - dabei war der Grenzstreifen hell erleuchtet. Er schieße gut und gern, aber doch nicht auf Menschen. Der Vorhalt: Das habe er aber unterschrieben, als er zu den Grenztruppen ging. Und warum der Schuss ins Herz? Ein Versehen. Er habe auf keinen Fall töten wollen. Kaum zu glauben bei guter Sicht und im knienden Anschlag. Und so geht es weiter.

Ein Argument nach dem anderen nehmen ihm die Ankläger aus der Hand. Geraten sie ins Stocken, helfen Altrichter Seidel und Buchautor Roman Grafe, 42, beim Kreuzverhör und statten Gericht und Staatsanwälte mit zusätzlichen Argumenten aus.

Der Journalist Roman Grafe hat den Vormittag am Hamburger Gymnasium organisiert und las zur Einführung aus seinem Buch "Deutsche Gerechtigkeit" über den Fall, den die Schüler verhandeln sollen. Grafe hatte 1985 einen Ausreiseantrag gestellt. Das SED-Regime ließ ihn vier Jahre schmoren, bevor er im Januar 1989 gehen konnte.

"Was macht man mit jungen, wilden Pferden? - Erschießen?"

Im Vorwort seines Buches schildert Grafe detailliert den Tod von Chris Gueffroy in jener Nacht und schließt mit einer Szene, an die sich Karin Gueffroy, Mutter von Chris, aus ihrer Vernehmung erinnert. Sie sagte, Chris sei manchmal "wie ein junges, wildes Pferd" gewesen. Ein Uniformierter kam darauf zurück: "Was macht man mit jungen, wilden Pferden, die man nicht einfangen kann?" - "Man erschießt sie einfach?", fragte Karin Gueffroy zurück. Da habe der Vernehmer genickt.

Die Mutter ist davon überzeugt, die Grenzsoldaten hätten "die Jungs mit den Händen fangen können". Damals in ihrer Wohnung nahe der Mauer konnte sie die Schüsse hören. Die hätten, wenn Schnee liege, einen ganz besonderen Klang, sagt Karin Gueffroy. Vom Tod ihres Sohnes erfuhr sie erst zwei Tage später bei der Vernehmung: Wie ihr Sohn so sei? Was für ein Typ? Da war Chris schon eingeäschert, ohne dass die Mutter davon wusste.

Manchen Schülern stehen bei Karin Gueffroys Erzählung Tränen in den Augen, es ist totenstill.

Der alte Richter sieht es als Exekution

Auch Richter a.D. Seidel hat eine besondere deutsch-deutsche Vergangenheit. Einst verließ er als 19-Jähriger Familie und Freunde, übersiedelte nach Westberlin, hatte später Kontakt zu Fluchthelfern; sein Bruder saß in den sechziger Jahren wegen versuchter Republikflucht im DDR-Gefängnis. Beim Mauerschützenprozess gab es - abgelehnte - Befangenheitsanträge gegen Seidel, seine Verhandlungsführung war umstritten.

Für Seidel kamen die Schüsse auf Gueffroy einer Hinrichtung gleich. Er war schon 1991 von der Schuld des Angeklagten überzeugt und ist es noch. Den Schülern sagt er, die Grenzer hätten daneben oder auf die Füße schießen können, der Todesschütze habe aber auf Gueffroy gezielt geschossen. "Schießen hätte er dürfen", sagt Seidel, "aber nicht totschießen." Den Satz sagt er schon vor der gespielten Verhandlung und auch während die Schüler versuchen, gerecht zu urteilen.

Als Zuhörer im Prozess repräsentieren Max, 17, und knapp 40 weitere Schüler "die deutsche Öffentlichkeit", so Organisator Grafe. Wie Max die Geschichte vor dem Lehr-Prozess im Unterricht gehört hatte, war er sich bei der Schuld des Angeklagten nicht sicher: "Ich fand zuerst, man kann ihn nicht verurteilen" - weil doch der SED-Staat im Unrecht war und alle Grenzsoldaten den Schießbefehl hatten.

Die Schüler urteilen härter als die echten Richter

Was die Schüler von Seidel und Grafe nicht erfahren: Ein 23-jähriger Postenführer rief "Schieß!", bevor Chris Gueffroy ins Herz getroffen wurde. War die Aufforderung ein direkter Befehl zum Todesschuss? Richter Seidel hatte den Mauerschützen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof indes hob das Strafmaß auf, weil der Soldat "in der militärischen Hierarchie ganz unten" gestanden habe. Daher erhielt er lediglich eine zweijährige Bewährungsstrafe. "Hanebüchen", sagt dazu Seidel noch heute.

Im Prozess der Schüler fällen die Vorsitzende Richterin Marina, die anderen Richter und die beiden Schöffen ein deutlich härteres Urteil. Marina verliest es vor den stehenden Mitschülern: vier Jahre Gefängnis, keine Bewährung.

Fréderic, 17, saß als Strafverteidiger neben dem Angeklagten. Jurist will er später werden und sieht den Schul-Prozess zwiespältig - besonders wegen der ergreifenden Geschichte von Karin Gueffroy: "Das Emotionale berührt viel mehr, aber ich glaube, dass es in einer Gerichtverhandlung nichts zu suchen hat." Denn es könne das Urteil verfälschen, sagt Fréderic. "Wie sie weinend vor uns saß - davon kann sich auch kein Richter frei machen."

Ein anderer Schüler hält das Urteil für zu mild. Max hat seine Meinung geändert, nach der Verhandlung und den Worten von Karin Gueffroy. "Mit dem Hintergrundwissen von heute weiß ich: Es war ihnen wirklich freigestellt, das zu tun", sagt er. Die Mehrheit in der Schulaula ist mit dem Richterspruch von 2010 zufrieden. Die Hilfslehrer Grafe, Gueffroy und Seidel sind es auch.


Der rbb zeigt am Donnerstag, den 3. Februar, um 22.45 Uhr die Erstausstrahlung des Dokumentarfilms Das kurze Leben des Chris Gueffroy von Klaus Salge.

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