Transsexualität Sarah heißt jetzt Luca

Sarah ist unglücklich, wütend, aggressiv, beinahe ihr ganzes junges Leben lang. "Was stimmt nicht mit mir?", fragt sie sich. Bis sie feststellt: Sie lebt im falschen Körper. Die Geschichte einer Verwandlung.

Leben im falschen Körper
Corbis

Leben im falschen Körper

Von Lena Niethammer


1. Ritalin

Sarahs* Wut ist groß. Meist reicht ein falsches Wort, dann beginnt Sarah zu beben, zu schreien, bis sie irgendwann mit dem Messer vor ihrer Großmutter steht, ihre Klassenkameradin schlägt und auch den Lehrer.

Als ihre Mutter die Namen zweier Freunde verwechselt, ist Sarah so aufgebracht, dass sie aus dem Fenster springen will. Ihr Stiefvater verhindert das - und sorgt gemeinsam mit der Mutter dafür, dass Sarah in die Psychiatrie kommt.

Woher kommt diese Wut? Sarah weiß keine Antwort. Ihre Mutter weiß keine Antwort. Ihr Stiefvater weiß keine Antwort. Und die Ärzte, die ein Dreivierteljahr lang mit ihr arbeiten, wissen auch keine. Ist es ADHS? Ist es Borderline? Am Morgen kommt die Schwester ins Zimmer, Sarah muss den Mund öffnen. Zwei Tabletten sollen ihre Wut stillen: Ritalin. Aber die Wut geht nicht weg. Ritalin nimmt Sarah nur die Möglichkeit, sie auszuleben. Als hätte man sie in einen Glaskäfig gesperrt, sagt Sarah. Sie sieht die ganze Welt, möchte sich bewegen, aber sie kann es nicht. Der Körper ist zu erschöpft. Als sie wieder nach Hause kommt, übernimmt ihr Stiefvater das mit den Tabletten. Bald schluckt Sarah das Ritalin nicht mehr, sondern versteckt es rechts oben bei den Backenzähnen. Kurz darauf eskaliert es wieder.

2. Der Tagebucheintrag

Sarah lebt im Heim, als ihr Brüste wachsen. Während die anderen Mädchen sich mit Push-up und Kajal aufhübschen und die Jungs umgarnen, bleibt Sarah allein im Zimmer. Sie ekelt sich, hasst jede Kurve, ihre Hüften, ihren Hintern. Das passt nicht zu mir, sagt Sarah. Sie will am liebsten alles abreißen. Weil das nicht geht, verhüllt sie jede Rundung mit weiten Klamotten. In der Schule nennen sie Sarah Mannsweib.

Mit 15 macht sie eine Gruppenreise. Ein Mädchen überredet sie, sich neu einzukleiden. Sie kaufen eine Röhrenjeans, einen rosafarbenen Pulli mit Streifen, gehen zum Friseur. Auf einmal ist Sarah kein Mannsweib mehr. Sarah wird akzeptiert. Endlich. Sie macht sogar mit einem Jungen rum, obwohl ihr doch Mädchen gefallen. Wohlgefühlt habe ich mich nicht, sagt Sarah.

Als sie mit 18 eine eigene Wohnung bezieht und die Rundumverpflegung des Heims wegfällt, nimmt Sarah stark ab, verliert zehn Kilo. Auf einmal schlabbern die Klamotten wieder. Neue, enge kauft sie nicht. Im Netz findet sie eine Gruppe, die sich M3nschen nennt. Ein Junge erzählt, dass er gern keinen Penis hätte, ein Mädchen bindet sich die Brust ab. Die 3 in M3nschen soll ein drittes Geschlecht symbolisieren, weder männlich noch weiblich. Ich bin die 3, denkt Sarah. Kurz darauf träumt sie zum ersten Mal, dass man sie Luca ruft. Dann wüsste man nicht, ob sie Junge oder Mädchen ist.

3. Annas Schal

Sarah lernt Anna auf einem Seminar des Bundesfreiwilligendienstes kennen. Anna ist laut. Anna ist lustig. Anna trägt einen grauen Schal. In der Nacht, als sie sich das erste Mal verabreden, stehen sie am Ende an der S-Bahn-Station. "Jetzt aber wirklich", sagen sie, lachen und verpassen die Bahn doch wieder. Der erste Sex. Die erste Liebe.

Sie sind bei Anna, wollen gerade duschen, als Sarah im Vorbeigehen in den Spiegel blickt. Was sie sieht, hat sie so seit Jahren nicht gesehen, die bloße Nacktheit. Sie bricht in Tränen aus. Anna nimmt sie in den Arm. Zum ersten Mal platzt das große Geheimnis aus Sarah heraus: "Ich will keine Frau sein. Ich will keine Brust haben. Ich wäre am liebsten geschlechtslos."

"Okay", sagt Anna. "Das ist okay." Aber Anna hat sich doch in eine Frau verliebt. "Sarah, ich hab Angst, dass du irgendwann Testosteron nehmen willst." Sarah sagt: "Testosteron? Nee, nie im Leben."

Dann gehen sie in die Küche. 15 Lagen Frischhaltefolie wickelt Anna um Sarahs Brust. T-Shirt drüber. Sarah kann kaum atmen, die Rippen sind zusammengepresst, der Rücken tut weh. Aber als sie jetzt in den Spiegel schaut, ist sie flach, spürt das große Glück. Doch eins bleibt ihr im Kopf. Das Wort Testosteron. Will sie das vielleicht doch?

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4. Der Stift

Was in der Theorie okay schien, ist es in der Praxis nicht. Anna liebt Brüste, sie will sie anfassen, streicheln, küssen. Und jedes Mal, wenn sie das tut, ist das für Sarah wie ein Schlag. Oft liegt sie nur da und hofft, dass es schnell vorbeigeht.

Aus der Euphorie wird Traurigkeit. Und aus der Liebe wird Angst vor dem Alleinsein. Einmal fragt Sarah, ob Anna sich vorstellen könne, sie Luca zu nennen. Anna heult.

Dann kommt die Verzweiflung, die Lethargie, Sarah arbeitet nicht mehr, isst nicht mehr, lacht nicht mehr. Sie trinkt. Absturz. Krisendienst. Akutklinik. Tagesklinik. Diagnose: schwere depressive Episode, Verdacht auf Borderline. Einem Arzt erzählt sie, sie sei im falschen Körper geboren. Er antwortet, sie müsse endlich lernen, mit sich zufrieden zu sein. "Du kommst so nicht weiter", sagt sich Sarah. "Entweder lebst du so, wie du bist, oder du beendest es." Die Entscheidung trifft sie, während sie mit ihrer Mutter telefoniert. Auf einmal spürt sie, wie die Ruhe kommt, die Erleichterung, die Fröhlichkeit. Die Mutter fragt: "Hast du abgeschlossen?" Sie lässt Sarah stationär einweisen, doch Sarah taktiert. Am ersten Tag tut sie so, als ginge es ihr schlecht, dann geht es Tag für Tag bergauf. Sieben Abschiedsbriefe schreibt sie, heimlich. Sarah hat einen Plan: durchhalten, bis sie raus darf, dann Trennung von Anna, zur Mutter nach Wiesbaden, dort gibt es eine Brücke, die Theodor-Heuss-Brücke, die kennt Sarah gut, da war sie früher oft, von der will sie springen. Nach sieben Tagen wird sie entlassen.

5. Der Binder

Sarah macht sich auf zu sterben. Doch als sie zu Hause ankommt, merkt sie, dass alles, was ihr bisher im Weg stand, nicht mehr da ist. Die Ärzte sind weg. Anna ist weg. Es gibt nur noch Sarah. Und diese Nachrichten. Es ist die Zeit, als Caitlyn Jenner ihre Anpassung zur Frau öffentlich macht. Überall ist über Transsexualität zu lesen. Sarah liest, saugt alles auf. Und immer öfter denkt sie: ja.

Als sie morgens aufwacht, scheint die Sonne auf das Bett. Da liegt der Laptop. Sarah zögert keine Sekunde, das Leibchen zum Abbinden der Brust kostet 50 Euro, sie bestellt es. In der Küche trinkt die Mutter Kaffee. "Mama? Ich habe mir einen Binder bestellt", sagt Sarah. "Ich bin transsexuell. Ich heiße jetzt Luca."

Die Mutter schweigt. Schweigt lange. Sie ist überfordert, braucht Zeit. Die nächsten Tage nennt sie Luca nur "das Kind". Dass die Mutter erst um die verlorene Tochter trauern muss, das weiß Luca. Er erzählt ihr von den Abschiedsbriefen, zeigt ihr ihren, zeigt ihr alle. Sie weint beim Lesen. Und ihr fällt etwas auf, was Luca nicht gesehen hat: Jeder Brief erklärt eine Facette von Lucas Leid, jeder eine andere. Liest man sie alle hintereinander, findet man darin die Lösung: Luca war immer ein Junge. Die Mutter behält den Brief, den Luca an sie geschrieben hat, als Erinnerung an die Tochter, die sie mal hatte. Und sie sucht Luca einen Zweitnamen aus. Sebastian. So hatte sie ihr Kind schon vor 20 Jahren nennen wollen, wäre es ein Junge gewesen.

6. Antrag zur Namensänderung

Schwing die Arme nicht beim Gehen. Halt die Ellenbogen weg vom Körper, wenn du gestikulierst. Sitz breitbeinig.

Ein Name macht noch keinen Mann. Luca beobachtet, macht sich Notizen, trainiert vor dem Spiegel. Manchmal läuft er auf der Straße Jungs hinterher und versucht, sie nachzuahmen. Er kauft Männerdeo, Männerklamotten, lässt sich die Haare schneiden, besucht zum ersten Mal ein Männerklo. Er ist 21 Jahre alt. Das Testosteron, das er seit einem halben Jahr nimmt, hat sein Gesicht kantiger gemacht. Er ist im Stimmbruch, hat sich verliebt. In einer Begleittherapie lernt er, mit Ablehnung umzugehen. Bald stehen die offizielle Namensänderung und die Entfernung der Brust, die Mastektomie, an. Doch als Luca merkt, wie leicht ihm das Leben nun fällt, als er zum ersten Mal das Gefühl hat, durch und durch glücklich zu sein, kommen ihm Zweifel. Kann es sein, dass eine so einfache Lösung den Lebenswillen zurückgibt? Von jetzt auf gleich?

Was, wenn das Hochgefühl nicht bleibt? Wegen dieses Misstrauens, sagt Luca, habe er zunächst seine Abschiedsbriefe behalten, sie bei sich getragen, in seinem Rucksack. Es dauert Monate, bis er sich so gefestigt fühlt, dass er loslassen kann. Dann nimmt er die Briefe, fährt zur Spree und versenkt sie im Wasser. Im selben Moment, in einer anderen Stadt, versenkt auch seine Mutter den für sie bestimmten Abschiedsbrief im Rhein.

*In Wirklichkeit heißt der Protagonist anders. Er möchte unerkannt bleiben.



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Seite 1
kiray.santoro 25.05.2016
1. Hoffnung
Ich hoffe nur, dass es nicht mehr lange dauert, bis es für Transsexuelle, Lesben, Schwule, etc pp kein Martyrium mehr ist zu sich selbst zu finden und zu stehen. Mein Sohn ist 7 Jahre alt und meine größte Hoffnung ist, dass er niemals Angst hat, mit solchen Gedanken zu mir zu kommen. Wenn die Eltern zu 1000% hinter ihren Kindern stehen, können diese Kinder mit solch einer Situation sicher besser umgehen.
fatherted98 25.05.2016
2. Ist doch...
...OK wenn sie es merkt und zum Er wird. Wer hat was dagegen...deshalb muss man allerdings keine Gender-Debatte führen...eine Geschlechts-Umwandlung sollte das normalste von der Welt sein...und ein drittes, viertes, fünftes Geschlecht ist deshalb nicht vorhanden...sonden nur ein neuer Mann und keine Frau mehr....
jean.kore 25.05.2016
3. traurig und schön
das ist wirklich eine gänsehautgeschichte. genial, dass sich die zeiten endlich ändern. schade, dass die toleranz vieler für transsexualität, homosexualität etc. auch heute noch zu wünschen übrig lässt. ich wünsche alles gute!
spon-3zq-9qj9 25.05.2016
4. Lucas Körper
ist nicht falsch. Falsch ist die Sicht, die andere auf Lucas Körper haben. Luca "verwandelt" sich nicht. Er passt sein Äusseres an sein Inneres an. Trans*Menschen leiden nicht an sich selbst, sondern an den Vorurteilen und den Diskriminierungen, denen sie ausgesetzt sind.
matty-b 25.05.2016
5.
Was immer wir an Meinungen, Anschauungen, Urteile über andere Menschen haben - sie reichen an die Existenz dieses Menschen nicht heran. Die Kluft überbrücken kann nur das Einanderzuhören. Vielen Dank für diese Geschichte.
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