Trotz Hungerstreik und Kopfgeld Dorfschule droht das Aus

Das Ultimatum ist abgelaufen. Bis Freitagmittag hätten sich 40 Schüler an einer Brandenburger Dorfschule für die siebte Klasse anmelden müssen, doch diese Mindestzahl hat die Schule knapp verfehlt. Nun droht ihr langfristig die Schließung. Die Eltern kündigten an, mit einer Klage für ihre Zwergschule zu kämpfen.

Von Leon Stebe


Eltern im Hungerstreik: Dorfschule droht dennoch die Schließung
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Eltern im Hungerstreik: Dorfschule droht dennoch die Schließung

Heckelberg-Brunow - Am Schluss waren es nur 38 Schüler, die sich offiziell bis zum Ablauf des Ultimatums gemeldet haben - zwei weniger als nötig. Vom Bildungsministerium anerkannt wurden sogar nur 36. Das Ultimatum war eine letzte Galgenfrist des brandenburgischen Bildungsministers, Steffen Reiche. Sie wurde der Grund- und Gesamtschule in Heckelberg-Brunow gewährt, nachdem Eltern mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam machten.

Zunächst traten die Eltern in einen Hungerstreik: Vier Mütter und ein Vater harrten tagelang auf Camping-Liegen und Luftmatratzen in der Schule ihrer Kinder aus, um das Ende der Klassenstufe 7 zu verhindern. Als das nichts brachte, köderte das Dorf neue Schüler sogar mit einem Extra-Taschengeld. Jeder Jugendliche, der sich freiwillig für die siebte Klasse anmeldet, sollte 10 Euro pro Woche erhalten. Doch auch dieses Lockmittel half nichts.

"Das ist Beamten-BSE", umschreibt Wilfried Kahrs gegenüber UniSPIEGEL ONLINE die Prinzipienreiterei der Schulbehörden. Der Vorstand der Gewerbeförderungs-AG im Nachbardorf Freudenberg hatte das Kopfgeld für die neuen Schüler ausgesetzt. Er ist verärgert: "De facto sind es 42, weil es in den siebten Klassen jetzt vier Sitzenbleiber gibt, die das Schulamt nicht mitzählt."

Gemeinsam mit den Eltern will er weiterkämpfen. "Notfalls gehen wir vors Verwaltungsgericht", sagt Kahrs. "Meines Wissens nach steht nirgendwo, dass Sitzenbleiber keine Schüler sind." Zudem sei absehbar, dass sich im Sommer vier bis sechs Integrationsschüler für die 7. Klasse in Heckelberg anmelden - das sind Kinder aus Heimen. Kahrs ist verärgert: "Die ganze Geschichte wäre eigentlich schnell zu beenden, aber das letzte Wort hat das Ministerium."

Zum Start des laufenden Schuljahres wurden wegen geringer Anmeldezahlen an 26 brandenburgischen Schulen keine siebten Klassen geschaffen, zum Beginn des nächsten Schuljahres rechnet das Bildungsministerium mit 90 weiteren Schulen. Damit sei die Schließung dieser Standorte in den meisten Fällen absehbar, hieß es aus dem Ministerium. Überall in Ostdeutschland grassiert der Schülerschwund und dürfte in den nächsten Jahren beträchtliche Lücken in das Schulnetz reißen.

Der Sprecher Martin Groholt sagte gegenüber UniSPIEGEL ONLINE: "In Heckelberg sind eindeutig zu wenig Anmeldungen eingereicht worden. Daran gibt es nicht zu rütteln." Im nächsten Schuljahr werde es daher definitiv keine 7. Klasse mehr geben. Und das, so Groholt weiter, bedeute auch für die Gesamtschule in Heckelberg aller Voraussicht nach das endgültige Aus - "es ist illusorisch, da weiter zu protestieren".



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