SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. September 2007, 18:46 Uhr

Trotz rassistischer Passagen

Rudolf Steiners Bücher bleiben zugänglich

Müssen zwei Werke von Rudolf Steiner, Ahnherr der Waldorfschulen, auf den Index? Die Prüfstelle für jugendgefährdende Medien hat heute entschieden: Manche Steiner-Aussagen sind rassistisch, dennoch dürfen die Bücher weiterhin verbreitet werden - kommentiert.

"Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden", dieser Satz stammt von Rudolf Steiner, dem Erfinder der Antroposophie. Zwei seiner Bücher sind wegen rassistischer Aussagen ins Visier des Bundesfamilienministeriums geraten. Trotzdem wandern sie nicht auf den Index, hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien heute entschieden.

Rudolf Steiner: Säulenheiliger der Waldorf-Bewegung
DPA

Rudolf Steiner: Säulenheiliger der Waldorf-Bewegung

Rudolf Steiner (1861 bis 1925) ist Urheber der Lehre von der "Weisheit vom Menschen", auf der die Waldorfpädagogik gründet. Immer wieder hieß es in der Vergangenheit, Steiner verbreite auch Rassismus. "Geisteswissenschaftlichen Menschenkunde" und "Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie" heißen seine Werke, die wiederholt moniert wurden.

Darin schreibt Steiner unter anderem über die "passive Negerseele", die "völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben" sei. Die "kaukasische Rasse" dagegen soll "den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen, denn sie ist auf die Sinne hin organisiert".

Die beiden Bücher seien "geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren", weil sie "Rassen diskriminierende Aussagen" enthielten, schrieb das Bundesfamilienministerium kürzlich - und stellte den Antrag, die Bücher in das Verzeichnis der jugendgefährdenden Schriften aufzunehmen. Es handele sich "keinesfalls um Zufallsprodukte oder durch den Zeitgeist bedingte rassistische Stereotype". Vielmehr seien die Aussagen als "Ausprägungen einer spezifisch Steinerschen esoterischen Rassenkunde" zu sehen.

Die Vorwürfe des Bundesfamilienministeriums wurden von der Prüfstelle teilweise bestätigt. Bestimmte Passagen seien durchaus als "rassistisch" zu werten, sagte die stellvertretende Vorsitzende Petra Meier. Die Werke würden dennoch nicht in das Verzeichnis der jugendgefährdenden Schriften gesetzt, weil der betroffene Verlag zugesichert habe, die Bücher durch kommentierte Neuauflagen zu ersetzen.

Der Bund der freien Waldorfschulen begrüßte die Entscheidung. Es sei eine gute Sache, dass der Rudolf-Steiner-Verlag gewisse Textstellen von Steiner in Zukunft kommentieren wolle. Rassistische Inhalte hätten im Unterricht der Waldorfschulen, die in Deutschland rund 80.000 Schüler besuchen, ohnehin keinen Platz.

kat/dpa

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH