Kritik aus der Türkei Verlag zieht Arbeitsblatt mit Erdogan-Karikaturen zurück

Die Türkei nach dem gescheiterten Putsch, das ist auch Thema in deutschen Schulen. Ein Arbeitsblatt mit Erdogan-Karikaturen stößt nun auf Kritik des türkischen Konsulats, der Schulbuchverlag reagiert.

Erdogan-Anhänger nach dem gescheiterten Militärputsch
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Erdogan-Anhänger nach dem gescheiterten Militärputsch


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Sultanskostüm, Hermelin über den Schultern, eine Gasmaske in der linken Hand, eine Gebetskette in der rechten: In dieser Pose der Macht hat das britische Magazin "The Economist" den Präsidenten bereits 2013 auf der Titelseite abgebildet. Jetzt ist die Karikatur Diskussionsgrundlage im Politikunterricht. Oder besser gesagt, war: Der verantwortliche Verlag hat das Arbeitspapier nach Protesten aus dem Generalkonsulat vorerst zurückgezogen.

Die türkische Botschaft habe sich beim Westermann-Verlag über das Arbeitspapier "Die Türkei nach dem gescheiterten Putsch" beschwert, berichtet der Geschäftsführer des Verlags, Thomas Michael. "Das nehmen wir ernst."

Das Papier werde zurzeit geprüft, dem Konsulat geantwortet. Während dieser "Findungsphase" sei das zweiseitige Arbeitspapier für die Klassenstufen 9 bis 13, das seit Mitte August für Lehrer kostenpflichtig zum Download angeboten wurde, zunächst von der Website genommen worden.

Erdogans Strategie - unter Berücksichtigung des Reichstagsbrands

In dem Papier war neben der Sultan-Bebilderung eine weitere Karikatur aus dem "Guardian" zu sehen, die Erdogan mit einem Hakenkreuz abbildet - anlässlich Erdogans Aussage, Hitler-Deutschland sei ein Beispiel effektiven Regierens. Beigeordnet waren Auszüge aus dem Erlass des Reichspräsidenten nach dem Reichstagsbrand 1933. Die Schüler - geeignet für die Klassenstufen 9 bis 13 - wurden aufgefordert, anhand zweier Artikelausschnitte aus Tageszeitungen zur Situation nach dem gescheiterten Militärputsch sowie dem indirekten Nazi-Vergleich "die mögliche politische Strategie" Erdogans zu erarbeiten.

Zu einseitig, befand das Generalkonsulat laut Michael. Das Konsulat vermisse demnach "die Multiperspektivität", obgleich später im Arbeitsblatt auch noch eine regierungsnahe türkische Zeitung zitiert wurde. Michael sagt, die Thematisierung der schwierigen Situation in der Türkei passe dem Konsulat generell nicht. Die sei aber unabdingbar, im Hinblick auf die Menschenrechte, die Presse- und Meinungsfreiheit, die Außen- und Sicherheitspolitik. Die Botschaft selbst war kurzfristig nicht zu erreichen.

"Türkischstämmige Schüler machen bei Hitler-Vergleichen dicht"

Dass das Thema im Schulunterricht angegangen werden müsse, steht auch für Ali Sak außer Frage. Nur wie man es thematisiere, sei wichtig, sagt der Sprecher und Co-Vorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland e.V.

Die Darstellung im Arbeitsblatt ist auch Sak, der offen den autoritären, ja antidemokratischen Führungsstil Erdogans kritisiert, zu einseitig. Es fehle an Informationen zu den Putschisten, der Hintergrund werde nicht beleuchtet und: Ein Vergleich mit Nazi-Deutschland gehe gar nicht. Der relativiere zum einen die Verbrechen, sei zum anderen aber auch für die Diskussion kontraproduktiv.

Denn gerade türkischstämmige Schüler, die die Situation in ihrem Herkunftsland teils anders erlebten, machten ob eines solchen Vergleichs dicht. Eine solche Diskreditierung berge "die Gefahr, dass die Schüler sich radikalisieren", so Sak.

Schulbehörde nicht zuständig

Sak wünscht sich, dass das Kultusministerium Stellung zu dem Arbeitspapier nimmt. Doch in Nordrhein-Westfalen, wo der Einsatz der Unterrichtshilfe kritisiert worden war, sagt das Ministerium, es sei nicht zuständig: Nur Lernmittel, die über einen längeren Zeitraum genutzt werden, seien zulassungspflichtig, sagt eine Sprecherin.

Eingreifen müsse die Schulaufsichtsbehörde erst, wenn der Lehrer gegen Grundsätze verstieße: Die Schüler dürften nicht mit Meinungen überwältigt werden und müssten sich anhand des Unterrichtsmaterials selbst ein Urteil bilden können.

Das Arbeitsblatt selbst wollte das Ministerium nicht beurteilen, doch die geforderte Multiperspektivität könne der Lehrer auch anhand weitere Materialien herstellen. Es komme also sehr darauf an, wie der Unterricht konkret ausgestaltet sei, so die Sprecherin. Und nicht darauf, wie das Arbeitspapier als einzelnes zu bewerten ist.

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