Konsulatsunterricht Wenn die Türkei Lehrer nach Deutschland schickt

Die Türkei und andere Staaten bezahlen Lehrer, die Kinder an deutschen Schulen unterrichten: Der Konsulatsunterricht steht seit Monaten in der Kritik - wie soll es nun damit weitergehen?

Türkischunterricht an einer Schule in Köln: In staatlicher Regie - oder nicht?
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Türkischunterricht an einer Schule in Köln: In staatlicher Regie - oder nicht?

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Die türkische Regierung sorgt derzeit selten für gute Nachrichten. Sie geht massiv gegen ihre Kritiker vor, hat in Behörden, Schulen und Hochschulen Tausende unerwünschte Mitarbeiter entlassen und steht im Verdacht, auch im Ausland vermeintliche oder echte politische Gegner auszuspionieren. Mehr als 50 deutsche Staatsangehörige sitzen in türkischen Gefängnissen.

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch der türkische Konsulatsunterricht mittlerweile hoch umstritten ist. Darin bekommen Kinder, deren Familien aus der Türkei stammen, in Deutschland Türkisch beigebracht. Den Unterricht organisieren die diplomatischen Vertretungen, die Lehrer werden vom türkischen Staat ausgewählt, fortgebildet und bezahlt.

Gewerkschafter, Elternvertreter und Politiker verschiedenster Parteien haben den Unterricht in den vergangenen Monaten immer wieder kritisiert, weil sie eine Einflussnahme aus Ankara fürchten.

In Berlin musste die türkische Botschaft ihre Lehrpläne für den Konsulatsunterricht vor kurzem überarbeiten. Die Erst- bis Viertklässler sollten eigentlich bis kommenden Juli auch religiöse und nationalistisch anmutende Inhalte durchnehmen.

So stand in den bisherigen Plänen zum Beispiel das "Gedenken an Atatürk", "Respekt gegenüber Flagge und Nationalhymne" und die "Wichtigkeit der Reinheit im Islam". Die Schüler sollten die Bedeutung der religiösen und nationalen Feiertage erklären, einen Gebetstext erstellen und Beispiele für Naturereignisse sammeln, "die die Existenz Gottes zeigen".

"Die Vereinbarungen zum herkunftssprachlichen Unterricht sind klar: keine religiösen und nationalistischen Inhalte, stattdessen Sprache und Heimatkunde", kritisiert Maja Lasic, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Die bisherigen türkischen Lehrpläne erfüllten diese Bedingungen nicht.

Am 18. September hat die türkische Botschaft eine überarbeitete Fassung der Pläne an den Berliner Bildungssenat geschickt. Darin gebe es "nach unserer Auffassung keine religiösen und nationalistischen Themen", sagte Cemal Yildiz, Botschaftsrat für Bildungswesen. Eine Antwort des Senats stehe noch aus.

Das Thema treibt auch Bildungspolitiker in den anderen Bundesländern um. Am kommenden Donnerstag will sich die Kultusministerkonferenz darüber austauschen. Diese Fragen dürften die Chefs der Bildungsressorts erörtern:

Seit wann gibt es türkischen Konsulatsunterricht?

Bereits im Mai 1964 beschloss die Kultusministerkonferenz, dass es sinnvoll sein kann, "Kinder ausländischer Arbeitnehmer" auch in der Sprache ihrer Eltern zu fördern. 1977 widmete sich eine Richtlinie des Europäischen Rates der schulischen Betreuung der Kinder von Arbeitsmigranten.

Auf dieser Grundlage richteten mehrere Bundesländer den sogenannten Konsulatsunterricht für verschiedene Sprachen wie Türkisch, Portugiesisch, Spanisch oder Griechisch ein. Schüler mit Migrationshintergrund sollten so darauf vorbereitet werden, in die Heimat ihrer Eltern zurückzukehren.

Wo gibt es den Unterricht?

Etwa die Hälfte der Bundesländer bietet herkunftssprachlichen Unterricht an öffentlichen Schulen mit hierzulande ausgebildeten Lehrern an. Manche Länder, wie Bayern und Baden-Württemberg, überlassen den Unterricht ganz den Konsulaten, die die Inhalte stellen und Lehrer im Herkunftsland rekrutieren. Mehrere Länder fahren zweigleisig.

Der Konsulatsunterricht findet meistens nachmittags außerhalb des Schulbetriebes statt, aber in Räumlichkeiten der Schulen. Recherchen des SPIEGEL zufolge gibt es türkischen Konsulatsunterricht in acht Bundesländern:

In Baden-Württemberg nahmen im vergangenen Schuljahr 24.500 Schüler am "türkischen muttersprachlichen Zusatzunterricht" teil. In Hessen besuchen rund 3000 Kinder und Jugendliche einen solchen Unterricht, in Berlin waren es gut 2300 Schüler, in Hamburg knapp 900 Schüler, in Bremen und im Saarland rund 600 Kinder.

In Schleswig-Holstein erteilen landesweit 25 Lehrer türkischen Konsulatsunterricht. In Bayern gibt sich das Kultusministerium ahnungslos: Der betreffende Unterricht liege in der Verantwortung der konsularischen Vertretungen, man habe deshalb "keine weiterführenden Informationen".

Werden türkischstämmige Schüler indoktriniert?

Konkrete Beweise dafür gibt es bisher nicht. Die türkische Botschaft in Berlin, wo immerhin die Lehrpläne neu geschrieben werden mussten, weist den Vorwurf zurück. "Es geht um die Sprache und Kultur des Heimatlandes", sagte Yildiz. "In dieser Hinsicht kann man von einer politischen und religiösen Beeinflussung nicht sprechen."

In Hamburg haben Schulaufsichtsbeamte das Recht, den Konsulatsunterricht zu inspizieren, weil der Senat ihn jedes Jahr mit 50.000 Euro unterstützt. Die Beamten führten im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit langem 20 Unterrichtsbesuche durch. Diese ergaben laut Schulsenator Ties Rabe: "In Hamburg findet zurzeit keine politische Indoktrination, sondern lediglich Heimatkunde und Sprachunterricht statt."

Auch andere Bundesländer wollen künftig genauer hinschauen, was im Konsulatsunterricht gelehrt wird. "Sollten wir belastbare Anhaltspunkte für Problemlagen haben, so geht die Schulaufsicht jedem Einzelfall umgehend nach", sagte Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann. Bisher hätten sich jedoch alle Hinweise als unbegründet erwiesen.

Wie geht es weiter?

Mehrere Länder wollen vom Konsulatsunterricht wegkommen, auch weil sie ihn nicht mehr für zeitgemäß halten. So rät unter anderem die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin, dass Kinder in ihrer Herkunftssprache so unterrichtet werden sollten, wie sie es aus der Schule gewohnt seien: "Der Unterricht bringt kaum etwas, wenn er nicht in die Konzepte an Regelschulen eingebunden ist."

Was Arabisch an deutschen Schulen bringt

Da der Konsulatsunterricht ein freiwilliges und privates Angebot ist, können die Länder ihn nicht einfach abschaffen oder verbieten. Mehrere setzen deshalb auf ein Alternativangebot, um ihn überflüssig zu machen.

Berlin, das Saarland, Schleswig-Holstein und Hamburg planen, den Türkischunterricht an öffentlichen Schulen aus- oder aufzubauen. Ob und wie stark das geschieht, ist auch eine Kostenfrage. "Pro Schüler kosten zwei zusätzliche Wochenstunden Türkisch rund 800 Euro im Jahr", sagte Hamburgs Schulsenator Rabe. Es sei jedoch wichtig, die Vielfalt der Schülerschaft auch im Unterricht abzubilden.

Baden-Württemberg rechnet mit rund 60 Millionen Euro jährlich, um den Konsulatsunterricht für alle 14 Herkunftssprachen in die Regie des Landes zu überführen. Es müssten auch Lehrer ausgebildet und Bildungspläne erarbeitet werden. "Dies wäre nicht von heute auf morgen umsetzbar", sagt Ministerin Eisenmann - und will zunächst am günstigeren Konsulatsmodell festhalten.

Hessen ist das einzige Bundesland, das den Konsulatsunterricht sogar noch stärkt. Bereits 1999 habe man entschieden, den Unterricht in der Herkunftssprache komplett in die Verantwortung der Herkunftsländer zu überführen, teilte das Kultusministerium mit. Daran hat auch die aktuelle politische Debatte über die Türkei nichts geändert.

Zusammengefasst: Seit Jahrzehnten organisieren Konsulate in Deutschland freiwilligen Unterricht für Schüler mit Migrationshintergrund. Die Lehrer werden meist von den jeweiligen Staaten ausgewählt, fortgebildet und bezahlt. Die Verantwortung für den Unterricht liegt dort komplett in der Hand der Herkunftsländer. Gewerkschafter, Elternvertreter und Politiker kritisieren nun besonders den türkischen Konsulatsunterricht. In Berlin sah die Planung beispielsweise religiöse und nationalistisch anmutende Inhalte vor.

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