Warnung von Jugendärzten Stress macht auch schon Jugendliche krank

Wird der Druck zu groß und die Freizeit knapp, können schon Kinder ausbrennen. Wenn nichts mehr geht, helfen manchmal nur noch Jugendärzte. Ihr Branchenverband warnt: Schulstress und Elternehrgeiz machen die Schüler krank.

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Bei Annika fing es an, als sie die sechste Klasse besuchte. Nach dem Wechsel aufs Gymnasium fühlte sie zum ersten Mal diesen Druck, immer häufiger bekam sie nun stechende Ohrenschmerzen. Ihr Kinderarzt stellte fest: Annika litt an somatoformen Beschwerden, sie hatten keine organischen, sondern psychische Ursachen. Zu viel Schulstress wahrscheinlich.

Kaum Zeit für Hobbys, dafür Druck von morgens bis abends: So sieht der Alltag von Jugendlichen und machmal sogar Kindern heute häufig aus. Darum warnen Deutsche Kinder- und Jugendärzte jetzt vor erschreckenden Folgen: "Wir Ärzte wollen nicht zum Reparaturbetrieb einer verfehlten Schulpolitik werden", sagt Annikas Arzt Uwe Büsching.

Er half Annika, einen Zeitplan zu erstellen: Darin legte sie fest, wie viele Stunden sie mit Hausaufgaben und Lernen verbringen wollte - aber auch, wann sie sich Zeit für Familie und Freunde nimmt. Sie habe erst begreifen müssen, dass das Leben nicht nur aus Schule besteht, sagt Annika. Irgendwann wurden die Ohrenschmerzen besser.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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Heute ist Annika 17 Jahre alt und geht in die elfte Klasse. In einem Jahr steht das Abitur an, und sie klagt oft über starke Kopfschmerzen. Ein neues Symptom für den Dauerstress, sagt ihr Arzt. Kopfschmerzen, Bauchkrämpfe und Schlafprobleme treffen Annika immer dann, wenn es besonders viele Referate und Klausuren hagelt, oder wenn nach freien Tagen die Schule wieder beginnt. Annika sagt, vielen Mitschülern gehe es ähnlich.

Erwartungshaltung der Eltern spielt eine Rolle

"Schule macht krank?!?", fragen und warnen Annikas Arzt Uwe Büsching und Kollegen und machten den Satz zum Motto des 20. Jugendmedizinkongress. Ihr Resümee: Psychisch bedingte Krankheitsbilder nehmen bei Schülern zu. Bereits Neunjährige würden in seiner Sprechstunde von "Höllenstress" berichten, sagt Büsching. Eine Lösung wäre für Kongressleiter Büsching eine Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit und mehr individuelle Förderung der Schüler.

In vielen Bundesländern stieß das Turbo-Abitur schon kurz nach der Einführung auf heftigen Widerstand. Derzeit erhöhen die Gegner den Druck: Mitte März forderten in Berlin Initiativen aus ganz Deutschland den "schnellstmöglichen Stopp von G8". Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen hingegen sagen, G8- und G9-Schüler seien gleichermaßen gestresst.

Auch Annikas Arzt will nicht allein das verkürzte Abitur für den Schulstress verantwortlich machen: Die Erwartungshaltung der Eltern spiele ebenso eine Rolle. Väter und Mütter hätten ihn schon um Hirndoping für ihre Kinder gebeten, berichtet er. Viele fordern von ihren Kleinen stets, ihr Bestes zu geben, damit sie in der Leistungsgesellschaft bestehen. Dabei lässt manchmal erst dieser Druck Kinder untergehen.

"Man kann doch nicht wie ein Roboter leben"

Annika berichtet, ihre Eltern würden ihr keinen großen Druck machen, auch schreibe sie immer wieder Einsen und Zweien. Trotzdem beschleicht die Schülerin von Zeit zu Zeit ein "Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung". Den Lehrern gibt sie keine Schuld: "Die müssen sich ja an den Lehrplan halten." Im Französisch Leistungskurs wurde gerade angekündigt, dass ihre Klasse mit einem Themenblock nicht durchkommt, der werden dann im nächsten Schuljahr nachgeholt.

Ihr Arzt hat Annika dazu geraten, sich einen Ausgleich zum Schulstress zu suchen, doch das ist schwierig. An drei Tagen die Woche Unterricht bis 15.30 Uhr, danach oft stundenlang Hausaufgaben. Schwimmen, ihr Lieblingssport, hat sie aufgegeben. Wettkämpfe und Training waren nicht mehr mit der Schule vereinbar.

Annika versucht jetzt, sich selbst etwas weniger Druck zu machen. Sie nimmt sich Zeit für einen Tanzkurs: "Weil ich weiß, dass mir das gut tut und Kraft gibt." Ihre Pläne für die Zukunft? Nach dem Abi möchte sie ein Jahr ins Ausland. Sie brauche eine Pause, bevor es mit dem Studium weitergehe, sagt sie. "Man kann doch nicht wie ein Roboter leben."


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Seite 1
gog-magog 23.05.2014
1.
Zitat von sysopCorbisWird der Druck zu groß und die Freizeit knapp, können schon Kinder ausbrennen. Wenn nichts mehr geht, helfen manchmal nur noch Jugendärzte. Ihr Branchenverband warnt: Schulstress und Elternehrgeiz machen die Schüler krank. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/turbo-abitur-jugendaerzte-klagen-ueber-schulstress-a-961668.html
Dass Kinder im G8 nicht generell mehr Stress haben, als Kinder im G9 streite ich nach wie vor ab. Viele Kinder haben z. B. lange Schulwege zum Gymnasium und sind oft stundenlang am Tag unterwegs, weil der Staat ihnen keine Schule mehr in der Nähe bereit stellt. Fakt ist: - die Klassen sind auch im G8 viel zu groß - die Schüler sind täglich länger im Schulunterricht - die Schüler haben nicht weniger Hausaufgaben, als im G9 - viele Schüler kommen erst um 16 Uhr nach Hause und müssen dann noch lernen und Hausaufgaben machen. Nur wer keine Kinder hat, kann da behaupten, es gäbe da nicht mehr Stress. Man kann nicht davon ausgehen, dass alle Kinder - ob klug oder dumm - den ganzen Tag stressfrei und mit Freude an schulischen Dingen arbeiten und auf Freizeit verzichten. Das G9 war erfolgreich, das G8 produziert dagegen studierunfähige Bulimie-Lerner, die bereits medikamentenabhängig die Schule verlassen. Und das gilt für die breite Masse, nicht die Unfähigen, wie immer gern behauptet wird. Wenn das Gymnasium nur noch für 5% eines Jahrgangs da sein soll, dann kann man beim G8 bleiben. Dummerweise brauchen wir aber im rohstoffarmen Deutschland ein besseres Bildungssystem als das jetzige, sonst können wir einpacken.
demokrat_de 23.05.2014
2. Wischtelefon...
Ich weiß nicht, wieviel Zeit und Konzentrationsfähigkeit durch die permanente Nutzung von Facebook, Whats-App und Wischtelefon verschwendet wird. Mir fällt auf, daß unter den Jugendlichen zunehmend die Konzentrationsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit nachlässt. Von Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit ganz zu schweigen. Schuld ist hierbei sicher nicht das G8.
Sicht aus Frankreich 23.05.2014
3. Ja waaas
Das ist wohl ein Witz, dass nur noch Jugendärzte helfen. Es wäre ja schön wenn es so wäre! Es ist aber die Chemieindustrie, die hilft. Man muss nur mal die Umsätze der letzten Jahre von Ritalin studieren, dann weiss man in was für einer Gesellschaft wir leben.
gog-magog 23.05.2014
4.
Zitat von demokrat_deIch weiß nicht, wieviel Zeit und Konzentrationsfähigkeit durch die permanente Nutzung von Facebook, Whats-App und Wischtelefon verschwendet wird. Mir fällt auf, daß unter den Jugendlichen zunehmend die Konzentrationsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit nachlässt. Von Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit ganz zu schweigen. Schuld ist hierbei sicher nicht das G8.
Nein, dafür ist das G8 nicht Schuld, aber dummerweise dürfte es völlig unmöglich sein, den Fortschritt wieder zurückzukehren. Handys und Facebook sind Realität so wie das Frühstück und das Abendessen. Gerade deshalb ist es absurd, auch noch die Schulzeit zusammenzustauchen und die Kinder somit vom gesellschaftlichen und technischen Fortschritt abschneiden zu wollen. Mit einer längeren Schulzeit wäre beides problemlos machbar.
gog-magog 23.05.2014
5.
Zitat von Sicht aus FrankreichDas ist wohl ein Witz, dass nur noch Jugendärzte helfen. Es wäre ja schön wenn es so wäre! Es ist aber die Chemieindustrie, die hilft. Man muss nur mal die Umsätze der letzten Jahre von Ritalin studieren, dann weiss man in was für einer Gesellschaft wir leben.
Ein G8 steigert den Medikamentenverbrauch eher, als dass es ihn senkt. Das dürfte doch wohl fest stehen.
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