Umbau der Oberstufe Weniger Freiheit macht Schüler kaum besser

Mehr Pflichtfächer, mehr Prüfungen und weniger Freiheit prägen seit ein paar Jahren die gymnasiale Oberstufe. Viele Bundesländer nehmen den Schülern auf dem Weg zum Abi Wahlmöglichkeiten weg. Vom Rückschritt versprechen sie sich mehr Wissen in den Kernfächern. Forscher sehen kaum Fortschritte.

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Kollegstufe oder Klassenverband? In den Leistungen macht das kaum einen Unterschied
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Kollegstufe oder Klassenverband? In den Leistungen macht das kaum einen Unterschied


Das Abitur ist auch nicht mehr, was es einmal war. "Welches Bild von der Persönlichkeit des Sokrates erhalten wir in der Platolektüre?", hatten die Schüler des Friedrichs-Gymnasiums in Herford vor hundert Jahren noch zu beantworten. Im Jahr darauf, 1911, lautete das Thema des Abituraufsatzes dann: "Inwiefern ist Herders Wahlspruch 'Licht, Liebe, Leben' der eines jeden tüchtigen Menschen?" Die Antwort durfte immerhin auf Deutsch verfasst werden. Den Latein-Aufsatz, wie er in Preußens Schulen die Regel war, hatte Wilhelm II. einige Jahre zuvor abgeschafft.

Das Abitur sorgte schon damals für erbitterte Diskussionen, in Deutschland ist es immer mehr als nur ein Zeugnis gewesen. Als "Inbegriff bürgerlicher Bildungs- und Leistungsvorstellungen" beschreibt es der Bildungshistoriker Rainer Bölling in seiner "Kleinen Geschichte des Abiturs", die er kürzlich vorgelegt hat. Die vorletzte große Änderung in Deutschland stellt die Oberstufenreform von 1972 dar; Grund- und Leistungskurse wurden eingeführt, fürs Abitur zählen Leistungen der letzten beiden Schuljahre. Die letzte größere Änderung ist nun die Reform der Reform. Seit Jahren schränken viele Bundesländer die Wahlfreiheit der Oberstufenschüler wieder ein: keine Grund- und Leistungskurse, mehr Pflicht- und Prüfungsfächer.

Dadurch würden "wesentliche Elemente der Reform von 1972 eliminiert", schreiben Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Universität Tübingen in einer neuen Studie - und wundern sich selbst darüber, dass sich diese grundlegenden Änderungen "nahezu geräuschlos" vollziehen. Was aber bringt diese neue alte Oberstufe, verbessern sich die Leistungen der Abiturienten zumindest in den so genannten Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache? Die damalige baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan (CDU) hat genau dies zum Ziel erklärt. "In dieser Fächergruppe sind solide Grundkompetenzen für alle wichtiger als Spezialisierungsmöglichkeiten für wenige", so wird die heutige Bundesbildungsministerin in der Studie zitiert.

Reform beliebt bei Schulleitern, nicht bei Schülern

Die Forscher um Ulrich Trautwein ziehen nun ein sehr zurückhaltendes Fazit: In Mathematik verzeichnen sie einen "moderaten Anstieg" der Leistungen, "eine ebenfalls erhoffte Leistungssteigerung in Englisch blieb dagegen aus". In beiden Fächern glichen sich die Leistungen der Schüler etwas an, der Unterschied zwischen schlechten und guten Schülern verringerte sich ein wenig.

Zugleich stellten die Forscher fest, dass die Änderungen sehr unterschiedlich ankommen: Schulleiter finden sie gut, Schüler hingegen nicht. "Die Mehrheit der Abiturienten gab an, sie hätte die gymnasiale Oberstufe lieber unter den bisherigen Bedingungen durchlaufen", heißt es in der Studie. Auch die Forscher wirken wenig begeistert, wenn sie in ihrem Fazit schreiben, dass "die Bewertung der praktischen Bedeutsamkeit des Ausmaßes der vorgefundenen Leistungsveränderungen nur begrenzt möglich ist".

Alle Aussagen beruhen auf Daten aus Baden-Württemberg, die Studien tragen das wohlklingende Kürzel Tosca. Das steht für "Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren". Die erste Erhebung fand im Schuljahr 2001/2002 an allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien statt, die zweite Erhebung vier Jahre später. Da war die Oberstufe in Baden-Württemberg schon eine andere. Seitdem gilt unter anderem: Alle Schüler haben vier Unterrichtsstunden Deutsch, Mathematik und Fremdsprache pro Woche und müssen in jedem dieser Fächer eine schriftliche Abiturprüfung ablegen.

"Einer breiten Grundbildung aller Schülerinnen und Schüler in diesen Fächern wird damit Vorrang gegenüber individuellen Vertiefungsmöglichkeiten eingeräumt", heißt es in der Studie. Ein solcher Trend lässt sich in vielen Bundesländern beobachten, die "Stoßrichtung der Reformen, die sich in einer Rekanonisierung und Restandardisierung ausdrückt", sei überall dieselbe. Deshalb seien die Erkenntnisse nicht nur für Baden-Württemberg interessant.

"Wir sind in einem großen Kampf besiegt worden"

Im Übrigen mahnen die Forscher an, was Forscher gerne anmahnen: Bedarf an weiteren Studien. Die "einschneidenden Reformen" müssten dringend besser untersucht werden. Etwa die Risiken und Nebenwirkungen der Konzentration auf die Kernfächer: Lassen die Abiturienten nun alles andere links liegen, "gab es gegebenenfalls Nebenwirkungen der für viele Abiturienten gestiegenen Anforderungen in Mathematik auf die Anstrengungsbereitschaft und Mitarbeit in weniger 'zentralen' Fächern"? Die ewige Diskussion um die Qualität der gymnasialen Oberstufe wird weitergehen.

Dass das Abitur nicht mehr so ist, wie es früher war, ist dabei offenkundig. Bis 1890 hatten Abiturienten - wie Bildungshistoriker Bölling festhält - dreierlei zu leisten: einen Aufsatz auf Latein, eine Übersetzung ins Lateinische und eine mündliche Prüfung, in der die Schüler "stellenweise in zusammenhängender Rede ihre erlangte Fertigkeit im mündlichen lateinischen Ausdruck zu zeigen" hatten.

Doch nur weil es seitdem die eine oder andere Neuerung gegeben hat, hat das Abitur natürlich nicht jeden Wert verloren. Alle Pessimisten mag vielmehr beruhigen, dass das Abitur schon häufig totgesagt wurde. Als Wilhelm II. den Latein-Aufsatz abschaffte, wehklagte der Vorsitzende des konservativen Gymnasialvereins laut Bölling mit einem Zitat: "Magna pugna victi sumus." Für alle heutigen Abiturienten: Das ist Latein und heißt "Wir sind in einem großen Kampf besiegt worden."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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mont_ventoux 25.05.2010
1. Abitur = allgemeine Hochschulreife
Zitat von sysopMehr Pflichtfächer, mehr Prüfungen und weniger Freiheit prägen seit ein paar Jahren die gymnasiale Oberstufe. Viele Bundesländer nehmen den Schülern auf dem Weg zum Abi Wahlmöglichkeiten weg. Vom Rückschritt versprechen sie sich mehr Wissen in den Kernfächern. Forscher sehen kaum Fortschritte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,696680,00.html
In Hessen war es mal ´ne Zeit lang möglich, mit den Leistungskursen Sport und Religion (noch dazu an Gesamtschulen!) Abitur zu machen. Von "allgemeiner Hochschulreife" konnte damals keine Rede mehr sein.
Tupfi 25.05.2010
2. ...
Absoluter Unsinn diese Umstellung. Anstatt wie bisher in den Leistungskursen einen intensiven Unterricht für am Fach interessierte und gute Schüler zu machen, werden jetzt alle in einen Sack gesteckt. Da muss die Mathematikniete mit dem Mathe-Ass Mathematik auf "LK-Niveau" machen... im Endeffekt verlieren doch beide. Der eine ist noch abgeschlagener als bisher und bremst den Unterricht und die fachlich Guten werden nicht gefordert. Gepaart mit zunehmender fachlicher Inkompetenz junger Lehrer und zuviel Rücksicht auf langsame Schüler verkommt das Abitur imho zum Einheitswisch, den jeder bekommt der ein bisschen guten Willen zeigt...
Zorpheus 25.05.2010
3. Unsinn.
So ein Unsinn. Die Grundkompetenzen in Deutsch und Mathe lernt man nicht in der Abiturstufe. Das ist viel eher dran.
Gebetsmühle 25.05.2010
4. kein tittel
Zitat von mont_ventouxIn Hessen war es mal ´ne Zeit lang möglich, mit den Leistungskursen Sport und Religion (noch dazu an Gesamtschulen!) Abitur zu machen. Von "allgemeiner Hochschulreife" konnte damals keine Rede mehr sein.
damit hat koch neue wähler generiert. das hatte system.
tazzz 25.05.2010
5. nur Chaoten!
"Die letzte größere Änderung ist nun die Reform der Reform. Seit Jahren schränken viele Bundesländer die Wahlfreiheit der Oberstufenschüler wieder ein: keine Grund- und Leistungskurse, mehr Pflicht- und Prüfungsfächer. " Tja,und da haben die Strategen die 13. Klasse abgeschafft und wundern sich jetzt, daß das organisatorisch kaum zu organisieren ist. Gab's nicht mal einen Philologenverband? Gab's nicht auch eine GEW? Schlafen die alle?
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