Die Schulverbesserer, Teil 8 Sollte nach der Grundschulzeit sortiert werden?

Keiner soll unterfordert sein, keiner überfordert - geht das? In der Serie "Wie werden unsere Schulen besser?" diskutieren Schüler, Lehrer und Bildungsexperten die Frage: Hilft es, Schüler früh auf verschiedene Schulformen festzulegen?

Von Jan Friedmann und Hauke Goos

Grundschülerinnen (Archiv): Wie halten Sie es mit der einen Schule für alle?
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Grundschülerinnen (Archiv): Wie halten Sie es mit der einen Schule für alle?


Der Streit über das gegliederte Schulsystem ist die Mutter aller ideologischen Debatten in der Schulpolitik. Zwar fahren die meisten Bundesländer derzeit eine pragmatische Linie, doch noch immer polarisiert die Frage: Wie halten Sie es mit der Gemeinschaftsschule?

Das dreigliedrige Schulsystem, so viel steht jedenfalls fest, ist auf dem Rückzug. Die meisten Bundesländer etablieren ein Zwei-Säulen-Modell bei den weiterführenden Schulen, das aus dem Gymnasium und einem weiteren Schultyp besteht.

Der heißt je nach Bundesland zum Beispiel Gemeinschaftsschule, Stadtteilschule oder Oberschule. Die Hauptschule ist mangels Zuspruch der Eltern vielerorts tot, selbst die CDU hat sich davon verabschiedet, die Hauptschule zu unterstützen.

Doch von einer einheitlichen Linie, wie es von der Grundschule in die weiterführende Schule gehen soll, sind die Bundesländer noch weit entfernt. In Berlin und Brandenburg beispielsweise dauert die Grundschule sechs Jahre lang, in Hamburg scheiterte die Einführung der sogenannten Primarschule krachend am Votum der Wähler.

Traditionell finden sich die Anhänger des gegliederten Schulsystems bei konservativen Wählern, während SPD- und Grüne-Anhänger eher zur Gemeinschaftsschule neigen. Empirische Bildungsforscher hingegen rollen bei der Frage nach der richtigen Schulform häufig die Augen. Ihr Credo: Auf den Unterricht kommt es an, egal in welcher Schulform.

Der SPIEGEL fragte in seiner großen Schulumfrage: Sollte nach der Grundschulzeit überhaupt sortiert werden? Lesen Sie die Argumente von Bildungsministern, Wissenschaftlern, Lehrern und Schülern.


"Ja, weil es richtig ist", sagen:

DPA

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands:
"Es wird nicht 'sortiert', sondern die Kinder werden in verschiedenen Schulformen individueller gefördert. Der Zeitpunkt der Differenzierung nach Klasse vier ist richtig. Wenn man später oder gar nicht differenziert, wird je ein Drittel der Schüler überfordert bzw. unterfordert sein."

DPA

Brunhild Kurth (CDU), Kultusministerin von Sachsen:
"Sachsen steht für Kontinuität im Schulsystem. Diese Kontinuität ist eine der Stärken des sächsischen Bildungssystems und deshalb halten wir daran fest. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten besteht im Freistaat ein zweigliedriges Schulsystem. Nach der Grundschule folgen die weiterführenden Oberschulen und Gymnasien."

SPIEGEL ONLINE

Mona Steininger, Preisträgerin beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb:
"Man kann einfach nicht alle Schüler über einen Kamm scheren, manche sind einfach besser in der Schule als andere. Ich bin der Meinung, dass sortiert werden sollte, jedoch vielleicht später und in anderen Maßen."


"Falsche Frage", sagen:

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Manfred Prenzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie:
"Was heißt 'sortiert'? Ein differenzierendes Schulsystem muss durch verlässliche Informationen über Stärken und Schwächen und Lernfähigkeit beraten und Schulwege nahelegen, die aber auch für einen Wechsel offen sind."

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Hans-Günther Roßbach, Professor für Elementar- und Familienpädagogik, Universität Bamberg:
"Es geht um die Verbesserung von Unterricht, egal ob in einem gegliederten Schulsystem oder in einer Gesamtschule."


"Die Leute wollen es halt so", sagen:

DPA

Ties Rabe (SPD), Schulsenator von Hamburg:
"Als Vater habe ich für meine drei Kinder keine Sortierung gebraucht. Aber es macht wenig Sinn, jedes Jahr wieder die Grundüberzeugungen vieler Eltern in Frage zu stellen. Das ist nun mal so."

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Mathias Brodkorb (SPD), Schulminister von Mecklenburg-Vorpommern:
"Ich denke, auf eine äußere Differenzierung kann man zumindest zum Schluss der Schulkarriere nicht ganz verzichten, zum Beispiel wenn es um das Abitur geht."


"Nein, Sortierung ist falsch", sagen:

DPA

Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft:
"Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass eine frühe Sortierung in unterschiedliche Schulformen zu mehr Bildungsverlierern führt und der Leistungsbilanz von Schulsystemen schadet. Nach der Grundschule sind die Kinder noch viel zu jung, als dass deren Bildungsweg fundiert vorausgesagt werden kann."

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Richard David Precht, Bestseller-Autor:
"Nein, sortieren in Schultypen ist ungerecht und überholt. Stattdessen sollte nach dem sechsten Schuljahr das Angebot der Schule an Kursen und Projekten dafür sorgen, dass die Schüler sich nach ihren Neigungen und Stärken selbst 'sortieren'."

DPA

Eva Quante-Brandt (SPD), Schulsenatorin von Bremen:
"Nein. Daher führen in Bremen Gymnasien und Oberschulen als gleichberechtigte Schulformen sowohl zum Abitur als auch zu den mittleren Schulabschlüssen. Haupt- und Realschule sind abgeschafft."


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Sor­tie­ren

Sollte nach der Grundschulzeit überhaupt sortiert werden?

In Teil 1 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 2 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 3 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 4 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 5 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 6 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 7 fragten wir die Schulverbesserer:

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syracusa 12.01.2015
1. aussortiert = Versager
Man muss sich vor der katastrophalen Wirkung hüten, die die Einordnung eines Schülers in einen geringerwertigen Ausbildungsweg mit sich bringt. Das wird immer als demotivierende persönliche Niederlage wahrgenommen, die den weiteren Ausbildungsweg schon im Vorfeld schwer belastet. Prüfungen und daraus resultierende Sortierungen nach verschiedenwertigen Ausbildungswegen kann nur funktionieren, wenn das die Motivation der Schüler nicht lähmt, sondern beflügelt. Und ob das gelingen kann, hängt von Lehrinhalten und Ausstattungen der Schulen ab.
hemithea 12.01.2015
2. Bremen
Na, deswegen ist Bremen ja so ein erfolgreiches Bundesland bei Thema Bildung.... Ich bin für "Sortieren". Wobei sortieren so negativ behaftet ist. Es gibt nun mal unterschiedlich talentierte und unterschiedlich schlaue Kinder. Sie haben dann andere Ansprüche an Förderung, Unterricht und Schulform. Es werden unterschiedliche Schulformen benötigt, damit es eben nicht zu Unter- bzw. Ünerförderung kommt. Beides ist nicht gut. Diese Diskussion kommt doch in den letzten Jahren auf, weil die Schulabschlüsse immer weiter angewertet werden. Ein Realschulabschluss und ein Hauptschulabschluss sind nichts oder zumindest kaum was Wert. Da müssen wir angreifen. Endlich den Unterricht verbessern, bessere Lehrerausbildung, mehr Schulmittel usw. Wenn wir die Schulen wieder zu dem gemacht haben, was sie eigentlich sein sollten: Wissensvermittlungsinstitution, die frei jedeglicher Ideologie ist. Die Menschen sind nun mal nicht alle gleich und benötigen daher alle einen unterschiedlichen Umgang. Und das ist gut so! So muss das sein, das trägt unsere Gesellschaft und macht uns so interessant. Erst dann kann man darüber diskutieren, ab wann die Trennung für wen sinnvoll ist: für manche nach der 4., für manche nach der 6. Oder sogar eventuell nach der 9.
speckfester 12.01.2015
3.
Solange das Abitur von den meisten als standard angesehen wird und alles andere nur 2. Wahl darstellt wird sich da auch nichts ändern. Als erstes sollte man sich bundesweit einigen wohin die Reise gehen soll. 20-25% abi sollte ausreichen, die können dann auch direkt universitär studieren, 50-60% Mittelschule das sollte für die meisten Lehrberufe ausreichend sein, der "Rest" Hauptschule für viele Berufe immer noch genug. Dafür kann man aber auf der Hauptschule den Lehrplan auf Deutsch, Mathe, Englisch zusammen schrumpfen und durch praxisnahe Lerninhalte ersetzen
n.laus 12.01.2015
4. Durchlässigkeit ist Trumpf
Ende der 60er Jahre gab es in Niedersachsen Gymnasien, die eine Klasse für Realschulabgänger eingerichtet hatten (11-13). Da musste man zwar heftiger rann als die normalen Gymnasiasten, aber es war völlig in Ordnung. 50% hatten das Abi geschafft. Meine damaligen Mitschüler haben es auch zu Uni-Professoren und weltweit bekannten Wissenschaftlern gebracht. Dieses Bildungschaos, das es heute gibt, macht die Schüler auch nicht schlauer. Wohl eher im Gegenteil.
der_stille_beobachter 12.01.2015
5.
egal wann und wie "sortiert" oder vielmehr leistungsgerecht gefördert und gefordert wird, eines funktioniert in jedem Fall nicht: Richard David Precht, Bestseller-Autor: "Nein, sortieren in Schultypen ist ungerecht und überholt. Stattdessen sollte nach dem sechsten Schuljahr das Angebot der Schule an Kursen und Projekten dafür sorgen, dass die Schüler sich nach ihren Neigungen und Stärken selbst 'sortieren'." Nach diesem Vorschlag hätte ich mich ab der sechsten Klasse nur noch mit Mathe und Physik beschäftigt. Rückblickend muss ich inzwischen aber feststellen, dass die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben sowie die ein oder andere Fremdsprache mich doch weiter bringt als ich es damals gedacht hätte. Und für meine früheren Klassenkameradinnen und Kameraden ist es sicherlich auch sinnvoll, dass sie sich ein wenig mathematisch-physikalische Grundlagen aneignen mussten. Ein Modell zum Kompromiss wäre eine frühe Unterteilung in einen Pflichtteil und einen Wahlteil, bzw. die Stärkung der ausgeprägten Interessen in speziellen Kursen. Vor allem vor dem Hintergrund der Gesamttagsschule können diese AGs, früher als es noch Freizeit gab auch Hobbies genannt, gut umgesetzt werden.
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