Umstrittene Matheprüfung "Man darf sich auch mal verrechnen"

Lehrer aus ganz Deutschland empören sich über die zentrale Matheprüfung für Zehntklässler in Berlin und Brandenburg: Die Aufgaben seien zu leicht gewesen. Ulrich Kortenkamp, Professor für Mathedidaktik, widerspricht.

Matheunterricht
imago

Matheunterricht

Ein Interview von


Zur Person
  • Christian Dohrmann
    Ulrich Kortenkamp (Jahrgang 1970) ist Vorstandsmitglied am Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM). Seit Oktober 2014 hat er den Lehrstuhl für die Didaktik der Mathematik an der Universität Potsdam inne.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kortenkamp, bei der zentralen Matheprüfung für Zehntklässler in Berlin und Brandenburg sollten die Schüler die größte Zahl angeben, die man aus den Ziffern 2, 3 und 6 bilden kann. Was hat so eine leichte Aufgabe in einer Prüfung zum mittleren Schulabschluss zu suchen?

Kortenkamp: Die Aufgabe erscheint wirklich lächerlich, da fühlen sich viele Zehntklässler veralbert. Aber wenn man sich die Frage genau durchliest, geht es weniger um Mathematik als um Textverständnis: Da ist von Plastikkapseln die Rede, die hintereinandergelegt eine Gewinnzahl ergeben sollen. Ich kenne Kinder, die nicht doof sind und auch Mathe können und mit der Aufgabe trotzdem überfordert wären - einfach, weil sie sie nicht verstehen. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund scheitern vielleicht schon am Wort Plastikkapsel.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber doch nicht der Sinn einer Matheprüfung?

Kortenkamp: Die Frage ist, was überhaupt getestet werden soll: Ob die Schüler genug Mathe können, um Tischler zu werden? Oder genug Mathe, um die Oberstufe zu überstehen? Ich finde es sehr schwierig, das in eine Prüfung zu packen. Solche zentralen Tests werden keinem gerecht. Es ist doch ein großer Unterschied, ob ich die Aufgaben Zehntklässlern vorlege, die aus der Mittelschicht kommen oder Zehntklässlern aus bildungsfernen Familien. Natürlich würde ich mir wünschen, dass alle die Fragen beantworten können, aber das Schlimme ist doch, dass dies nicht der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft denn schief?

Kortenkamp: Wir müssen nicht testen, was die Schüler können - das wissen die Lehrer sowieso. Wichtiger ist, geeignete Fördermaßnahmen zu finden. Und mit dieser Verantwortung dürfen wir die Schulen nicht alleine lassen. Die Lehrer wissen, welche Kinder wo Defizite haben, aber sie brauchen Zeit, um sich darum kümmern zu können - und die richtige Ausbildung. In vielen Grundschulen wird Mathe von fachfremden Lehrern unterrichtet. Das ist so, als ob ein Internist mal eben eine Herztransplantation machen soll.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, den Kindern fehlt die Grundlage in Mathe?

Kortenkamp: Ja, mathematisches Verständnis fängt sogar schon vor der ersten Klasse an. Kinder, die mit ihren Eltern "Mensch ärgere dich nicht" oder andere Brett- und Würfelspiele spielen, lernen früh nachzudenken und zu kombinieren. Sie wissen sofort, wie man drei Zahlen zu einer möglichst großen anordnet. Aber in vielen Familien gibt es keine gemeinsamen Spielnachmittage. In der Grundschule macht Mathe vielen Kindern noch Spaß, aber danach wird es schnell zum Horrorfach.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Kortenkamp: Die Schüler machen zu viele negative Erfahrungen. Wenn man einen Aufsatz schreibt oder ein Bild malt, ist es kein Problem, schlechter abzuschneiden als andere. In Mathe gelten Fehler sofort als ganz schlimm. Daraus resultiert dann das klassische: "Das kann ich nicht, das will ich nicht." Davon müssen wir dringend wegkommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber in Mathe gibt es anders als in Deutsch oder Kunst ja auch nur richtig oder falsch.

Kortenkamp: Nein, so ist es eben nicht! Es gibt sinnvolle oder weniger zielführende Ansätze, aber kein richtig oder falsch. Sechs mal sieben ist 42, klar, da brauchen wir nicht drüber zu diskutieren. Aber das ist auch keine mathematische Fragestellung. Das ist nur das Handwerkszeug, so, wie die Rechtschreibung in Deutsch. Und da würde ja auch keiner sagen: "Du hast Käse mit e geschrieben, du kannst es einfach nicht." In Mathe darf man sich auch mal verrechnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Zehntklässler durften in der Prüfung Taschenrechner benutzen.

Kortenkamp: Das ist auch völlig in Ordnung. Um einen Taschenrechner zu bedienen, muss man Mathe können. Es gibt sicherlich Situationen, in denen schnelles Kopfrechnen gefragt ist und vernünftige Lehrer werden das auch immer wieder mit ihren Schülern üben. Aber in der zehnten Klasse geht es um andere mathematische Fragestellungen. Ich rechne auch mit meinen Studenten hin und wieder etwas im Kopf aus - aber vor allem, um im Geist flexibel zu bleiben.



insgesamt 195 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lachina 21.06.2016
1. Das Argument
aber hat es etwas in einer Prüfung verloren? Sollte die Förderung nicht VOR der Prüfung stattfinden? Meine begabten ausländischen Schüler waren oft spitze in Mathe, haben aber bei Textaufgaben versagt. Trotzdem war Mathematik dann der Indikator für ihre Intelligenz. Sie haben das Fach nicht gehasst, sondern geliebt. Die Aufgabe mit der höheren Zahl ist aber nix für die Zehnte, sondern Teil des Schuleignungstestes. Da habe ich mit den künftigen Erstklässlern auch immer gewürfelt. (Die Frage ist nicht nach der Augenzahl, sondern wer "mehr" hat...)Das war allerdings 1992 UND mit Migranten aus dem damaligen Yugoslawien. Fast 25 Jahre später ist das also die Abschlussprüfung....hmmmm....
skeptikerjörg 21.06.2016
2. Liegt am System
Wenn ein Schulsystem so schlecht ist, dass es den Schülern bis zur 10. Klasse nicht mehr vermitteln kann, dann müssen eben Prüfungsaufgaben zum Erreichen der Mittleren Reife so aussehen. Schließlich ist ja politisch gewollt, dass möglichst viele bestehen. Die Absolventen berechnet und planen dann den neuen Flughafen.
TS_Alien 21.06.2016
3.
Textaufgaben gehören in Prüfungen. Aber nur sinnvolle Textaufgaben. Die Textaufgabe mit den Plastikkapseln ist lächerlich, denn sie prüft weder das (mathematische) Textverständnis noch die Rechenfähigkeiten ab. Natürlich gibt es in der Mathematik auch völlig falsche Lösungswege. Wenn mir z.B. jemand bei einer Textaufgabe die im Text vorhandenen Zahlen oder Größen in willkürlicher Anordnung in einem willkürlichen Term präsentiert, gibt es darauf keinen einzigen Punkt. Auch dann nicht, wenn die Berechnung des Terms korrekt ist. Wenn man einige Jahre in Deutschland lebt, sollte man den Migrationshintergrund nicht mehr als Grund für schlechtere Schulleistungen verwenden. Denn es ist nicht der Migrationshintergrund, der einen eventuell an besseren Leistungen hindert. Es kann an der fehlenden Integration(sbereitschaft) liegen oder an den fehlenden intellektuellen Fähigkeiten.
bernie86 21.06.2016
4. Am Thema vorbei
Anstatt sich zu der Fragestellung zu erklären, wird der werte Herr Kollege ausweichend, begibt sich gar auf das Feld der mangelnden Fachkräfte in der Grundschule... Was genau die Frage im MSA zu suchen hat, ist mir noch immer nicht klar, aber ihm scheinbar auch nicht wirklich.
wolf39 21.06.2016
5. Matheprüfung
Mit den Ziffern 2, 3 und 6 ist die größte Zahl 6 hoch 32. Wäre das die richtige Lösung gewesen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.