Pro & Contra Sollen Schüler ihre Lehrer bewerten?

Aufruhr in Bayern: Referendare müssen ihre Schüler jetzt regelmäßig um ein Feedback bitten. Ist das sinnvoll - oder trauen sich Lehrer bald nicht mehr, schlechte Noten zu vergeben?

Lehrerin im Unterricht (Symbolbild)
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Lehrerin im Unterricht (Symbolbild)

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Längst überfällig oder völlig absurd - die Reaktionen auf einen Vorstoß des Bayerischen Bildungsministeriums gehen weit auseinander. Die Behörde hat zum kommenden Schuljahr eine neue Regel für die Lehrerausbildung von der Grundschule bis zur Oberstufe eingeführt: Referendare müssen sich im Laufe ihrer Ausbildung zwei Mal ein Feedback von ihren Schülern einholen. Der Modellversuch startet an 55 Schulen.

Die Idee ist nicht neu, in Berlin sorgte sie schon vor fünf Jahren für Wirbel. Trotzdem ist der Ansatz in Fachkreisen noch immer heftig umstritten. Einige fürchten ein "Überwachungsinstrument" für Lehrer. Andere ärgern sich, dass die Regel nur für Referendare gelten soll: Gerade die Lehrer, die seit Jahren im immer gleichen Trott arbeiteten, müssten kein Feedback einholen. Hier lesen Sie, was Befürworter und Gegner sagen - und in welchen Punkten sie sich einig sind.

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Bayerisches Staatsministerium

Pro

"Schüler-Feedback stärkt den Lehrer"

"Die Schüler und ihr Lernerfolg stehen im Mittelpunkt des Unterrichts. Es ist sehr wichtig, sie ernst zu nehmen, sie an der Weiterentwicklung des Unterrichts zu beteiligen - und sich Rückmeldungen von ihnen zu holen.

Es geht dabei aber ganz klar nicht um Benotung. Eine Benotung der Lehrer durch die Schüler findet in Bayern nicht statt. Ein Schüler-Feedback ist vielmehr eine geplante und systematische, in der Regel schriftliche Rückmeldung zu bestimmten Fragen wie etwa Verständlichkeit und Strukturierung des Unterrichts.

Für viele Lehrkräfte in Bayern ist es schon jetzt selbstverständlich, sich Feedback von Schülern zu holen. An den Berufsschulen ist das fester Bestandteil des Qualitätsmanagements, und generell ist das Thema Feedback schon in der Lehrerausbildung aller Schularten verankert. Der kompetente Umgang mit Schüler-Feedback stärkt den einzelnen Lehrer und hilft, die Unterrichtsqualität weiter zu verbessern.

Die Referendare sollen die Rückmeldungen der Schüler mit einem Lehrer ihrer Wahl besprechen, aber sie fließen selbstverständlich nicht in ihre Staatsexamensnote ein. Ziel ist es schließlich, dass die angehenden Lehrkräfte ein Schüler-Feedback zur Weiterentwicklung des eigenen Unterrichts gerne einsetzen.

Wenn Referendare schon in ihrer Ausbildung lernen, gut mit Schüler-Feedback umzugehen und es für sich zu nutzen, dann wird die Feedback-Kultur in den Schulen nach meiner Überzeugung nachhaltig gestärkt."

Zum Autor

Georg Eisenreich ist Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kultur.

bpv

Contra

"Kein Überwachungs-algorithmus!"

"Ich sehe die Pläne zum Schüler-Feedback sehr kritisch, weil darin die Gefahr liegt, dass Schüler ihre Lehrer, in diesem Fall eben die Referendare, massiv unter Druck setzen können. So nach dem Motto: 'Wenn du mir eine schlechte Note gibst oder dich im Unterricht nicht so verhältst, wie ich mir das wünsche, dann gebe ich dir so ein schlechtes Feedback, dass du nie wieder einen Fuß in einen Klassenraum setzt.'

Oder die Referendare bewerten Schüler besonders gut, verzichten auf Hausaufgaben oder ähnliches, nur um ein gutes Feedback von ihnen zu bekommen.

Erfahrungen von Schulen und Universitäten mit einer Feedbackpflicht zeigen, dass solch negative Effekte entstehen können und sie zudem eine Bestnoteninflation provoziert - nach dem Motto: 'Ich tue dir nichts, du tust mir nichts.'

Dieses Risiko besteht vor allem, wenn die Bewertung am Ende Seminarleiter oder Schulleiter zur Gesicht bekommen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich das Schüler-Feedback dann auf die Noten der Referendare auswirkt. So darf es auf keinen Fall sein.

Ich finde außerdem kritisch, wenn der Modellversuch in Bayern am Ende dazu führt, dass sich eines Tages alle Lehrer bis hin zum Schulleiter regelmäßig von Schülern bewerten lassen müssen. Das darf kein Zwang sein, kein vom Staat verordneter Überwachungsalgorithmus! Schüler und auch Eltern können auf Lehrkräfte damit letztlich starken Druck ausüben, wenn dieses Feedback öffentlich gemacht wird.

Es besteht die Gefahr, dass sich die Maßstäbe verschieben: Es geht dann nicht mehr darum, was ein Schüler tun muss, um seine Note zu verbessern, sondern was der Lehrer tun muss, damit der Schüler besser wird.

Ich lehne insgesamt überhaupt nicht ab, dass Schüler ihren Lehrern eine Rückmeldung darüber geben, wie ihr Unterricht bei ihnen ankommt. Im Gegenteil. Das kann ein sehr hilfreiches Instrument sein, damit sich Lehrer weiterentwickeln und ihren Unterricht verbessern. Es gibt dazu bereits einige sehr positive Ansätze an Schulen.

Diese Feedback-Kultur sollte man weiterentwickeln, und zwar so dass die Lehrer das Feedback freiwillig auf einer Basis des gegenseitigen Vertrauens einholen. Außerdem muss das Feedback, das die Schüler ihren Lehrern geben, genauso vertraulich sein wie die Noten, die sie von ihnen bekommen. Ich gebe ja auch niemandem einem Fünf und posaune das dann in der Schule hinaus."

Zum Autor

Max Schmidt ist Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes.



insgesamt 98 Beiträge
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viwaldi 23.06.2016
1. Unsinn
Aus der Uni kenne ich das schon: Studenten bewerten die Dozenten. Riesiger Quatsch, weil beliebt ist der Dozente, der eine einfache Klausur bietet, das Lehrbuch durch ein Skript ersetzt und nichts sagt, wenn Studenten während der Vorlesung essen, trinken und mit Handy die Vorlesung abfilmen. Edutainment eben. Das Niveau rauscht ab, gute Nacht Deutschland. Auch bei Studenten und Schülern gilt in der Regel: klappern gehört zum Geschäft, d.h. man klagt immer über Lernstress usw., weil man weiß das gehört dazu. Am Ende ist der tollste Leherer der, der Filme zeigt. Da weder ein Student noch ein Schüler überschauen kann, was später für ihn relevant ist (oft weiß das der Lehrer ja auch nicht), ist eine Bewertung zeitnah Quatsch. Sowas würde evtl. 5 Jahre später Sinn machen, wenn man im Beruf/Uni angekommen ist und dann abschätzen kann, was einem wirklich geholfen hat.
SPONU 23.06.2016
2. Wer schonmal Menschen geführt hat
...weiss welche schwierige Aufgabe es ist, einen anderen Menschen bzw. dessen Leistungen zu bewerten. Das ist eine grosse Verantwortung sofern man diese Aufgabe ernst nimmt. Nichts gegen feedback aber dies setzt aus meiner Sicht Reife und Lebenserfahrung, Gelassenheit und Selbstreflexion voraus. Diese Fähigkeiten sehe ich noch nicht hinreichend ausgeprägt in den meisten jungen Menschen.
Spy 23.06.2016
3. Schülerfeedback ist wichtig
Ich bin Lehrer an einem Berufskolleg und lasse mich von jeder Klasse meist nach dem Zwischenzeugnis beurteilen über die Plattform SEfU (Schüler als Experten für Unterricht). Als ich SEfU das erste Mal machte, war ich über die Objektivität der Schüler positiv überrascht. Ich kann es nur jedem Lehrer empfehlen mal auszuprobieren.
spon-facebook-1261351808 23.06.2016
4. Sinnvoll!
Endlich mal eine sinnvolle Initiative im bayerischen Bildungsbereich...
Senfei1848 23.06.2016
5. Na und?
Habe ich im Ref gemacht. Negativkritik gibts immer. Wenn man seine Schüler aber mit Respekt und Wertschätzung behandelt, sind die Kritiken von diesen geprägt und bleiben sachlich. Mir hat's geholfen. Ich persönlich und meine Mitreferendare haben eher die Erfahrung gemacht, dass offener Umgang mit Kritik das Lehrer-Schülerverhältnis stärkt und sich die Schüler ernst genommen fühlen, wenn man Kritik annimmt und hinsichtlich des weiteren Unterrichtsverlaufs aufgreift. Insofern halte ich das für sinnvoll. Ob das nun ministeriell verordnet werden muss, weiß ich nicht.
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