Weltweiter Vergleich Deutschland fördert Flüchtlingskinder besonders gut

Weltweit haben Kinder von Geflüchteten nur geringe Chancen auf gute Bildung, mahnt die Unesco. In Deutschland klappt die Integration von Geflüchteten im Vergleich zu anderen Ländern gut.

Blick ins Klassenzimmer
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Noch nie waren durch Krisen und Konflikte so viele Menschen auf der Flucht. Insgesamt 68,5 Millionen Menschen waren es im Jahr 2017 weltweit, 970.400 Menschen wurden in Deutschland aufgenommen, berichtete das Uno-Flüchtlingshilfswerk.

Damit stand Deutschland hinter der Türkei, Pakistan, Uganda, dem Libanon und Iran an sechster Stelle weltweit. Die Herausforderung, Vertriebene zu integrieren, ist seitdem groß. Vor allem Bildungssysteme und damit Erzieher, Lehrer und Professoren, müssen sich ihr stellen.

In deutschen Kitas, Schulen und Unis gelingt ihnen das im Vergleich zu anderen Ländern allerdings gut. Geflüchtete werden gefördert und vielerorts engagieren sich Menschen dafür, ihnen beim Start in ein neues Leben zu helfen. Das geht aus dem aktuellen Weltbildungsbericht hervor, den die Uno-Kulturorganisation Unesco und Außenminister Heiko Maas am Dienstag in Berlin vorstellen.

Es ist der einzige Bericht über Bildung, in dem Studien aus allen Ländern weltweit betrachtet und interpretiert werden. Jedes Jahr definieren die Autoren in der jeweiligen Metastudie einen Schwerpunkt, in diesem Jahr beschäftigten sie sich mit der Frage, wie sich Migration und Flucht auf Bildungssysteme auswirken.

Demnach heben die Autoren Maßnahmen bei der Integration von Geflüchteten und Migranten in Deutschland als positiv hervor. Sie loben

  • die Investitionen in Sprachförderung. Deutschland hat seine Mittel hier aufgestockt, besonders für die sprachliche Bildung in Kindertagesstätten.
  • die Anerkennung beruflicher Qualifikationen. Die Bundesregierung hat im Jahr 2012 das Anerkennungsgesetz beschlossen, das die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen unabhängig vom Aufenthaltsstatus oder der Staatsangehörigkeit ermöglicht.
  • die Unterstützungsprogramme. Die Bereitschaft in der Bevölkerung, bei Spracherwerb, Abschlüssen oder Ausbildung zu helfen, sei "enorm groß und eine riesige Hilfe", sagt Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission.

Bedeutet dies also, dass im deutschen Bildungssystem bei der Integration von Migranten und Geflüchteten alles richtig läuft? "Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel", sagt Böhmer.

In manchen Fällen ist es dem Bericht zufolge problematisch, dass zu viele geflüchtete Schüler für einen zu langen Zeitraum in Sonderklassen untergebracht werden. Das sind Lerngruppen, in denen die Schüler möglichst schnell Deutsch lernen sollen. Wichtig, um anzukommen - doch wenn die Kinder räumlich getrennt von den Einheimischen lernen, hindert das den Austausch beider Gruppen.

Fehlende Lehrkräfte

Laut Weltbildungsbericht fehlt es in Deutschland trotz vieler Helfer außerdem an Personal: 24.000 Lehrer und 18.000 pädagogische Fachkräfte werden zusätzlich für die Integration benötigt. Lehrkräfte sind zudem zu häufig nicht oder unzureichend darauf vorbereitet, mit persönlichen Konflikten und Traumata umzugehen, die Migration und Flucht mit sich bringen. "Wir dürfen Lehrkräfte hier nicht allein lassen", sagt Böhmer.

Die Anerkennung beruflicher Qualifikationen funktioniere in den meisten Fällen, so Böhmer. Das zeigt auch eine Zwischenbilanz der Bundesagentur für Arbeit: Im Mai 2018 gingen demnach 306.574 Personen aus den acht Haupt-Asylzugangsländern einer Beschäftigung nach. Im Mai 2017 waren es noch 203.736 Personen gewesen.

Deutlich sei aber auch, dass fehlende Qualifikationen und Anerkennungen noch immer ein Hindernis für viele Geflüchtete auf dem Weg ins Berufsleben seien, sagt Böhmer. So könne ein Mensch, der in einem Entwicklungsland als Arzt gearbeitet habe, seinen Beruf nicht ohne Weiteres in Deutschland ausüben.

Besonders junge Frauen hätten bisher die größten Schwierigkeiten, in der deutschen Arbeitswelt Fuß zu fassen, sagt Böhmer. Diese kümmern sich häufig um die Kinder - und haben deswegen weniger Zeit, um Deutsch zu lernen oder Bewerbungen zu schreiben.

Insgesamt vier Millionen Geflüchtete ohne Schulausbildung

Weltweit haben Kinder von Geflüchteten nur wenig Chancen auf gute Bildung. Etwa vier Millionen zwischen fünf und 17 Jahren besuchen überhaupt keine Schule. In Ländern mit niedrigem Einkommen werden nur knapp die Hälfte der geflohenen Kinder eingeschult; eine weiterführende Schule besuchen nur elf Prozent.

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Lehrer- und Fachkräftemangel herrscht laut Weltbildungsbericht überall dort, wo Geflüchtete leben: Die Einschulung aller syrischen Schüler in der Türkei würde beispielsweise 80.000 zusätzliche Lehrkräfte erfordern.

Global betrachtet genügen viele Bildungssysteme an einigen Stellen nicht dem Maßstab der Unesco. Auf diesen haben sich Regierungen weltweit verpflichtet, um bis 2030 "chancengerechte und hochwertige Bildung sicherzustellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen zu fördern".

Gleiche Aufmerksamkeit für alle

Die Unesco ruft die Regierungen weltweit dazu auf, den Bildungsbedürfnissen von Migranten und Geflüchteten gerecht zu werden und ihnen dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie Einheimischen.

Einige Länder behandelten Geflohene als nur kurzzeitig anwesende Gruppen, das sei falsch. Bildungssysteme müssten gewährleisten, dass die Bildung von Geflüchteten so wenig wie möglich unterbrochen werde - zum Beispiel, weil sie innerhalb eines Landes immer wieder umziehen müssten.

Im Video: Wir haben es geschafft! - Gelungene Integration

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kuestenvogel 20.11.2018
1. Spiegelt Erfahrungen wieder?
Als ich in Ba-Wü in den 80ern in die Grundschule kam, wurde uns Deutschen beigebracht, mit den drei Türken nicht zu reden - Gastarbeiterkinder. Als einzig Ungetaufte zwang man mich kurzzeitig in einen Ersatzunterricht, denn christlicher Religionsunterricht war tabu. Heute ist das zum Glück anders, bezogen auf den Artikel ist die Familie aus Syrien (?), die bei meiner Großmutter wohnt, beispielhaft. Die Mutter bemüht sich im ehrenamtlichen Sprachunterricht, der Vater hilft meiner Oma im Garten, hat alle offiziellen Kurse allerdings hingeschmissen, weil ihn die Gesamtsituation belastet. Und die beiden schulpflichtigen Kids? Sie lernen leicht, können recht gut deutsch im Gegensatz zu den Eltern und leiden... In der Schule und auf dem Dorf möchte niemand mit ihnen befreundet sein. Da wirken wohl doch noch die alten Vorurteile aus den 80ern, meine Generation ist jetzt Eltern..
j..g.. 20.11.2018
2. OGS, von niemandem gesehen., von niemandem gesehen.
Was leider weder von der Politik, noch von der Gesellschaft gesehen wird (und hierbei geht es mir nicht um persönliche Anerkennung, sondern um das Fehlen von Schulungen, fachkundigem Personal und anderen Mitteln), ist der wesentliche Beitrag zur Integration, der von offenen Ganztagsschulen geleistet wird. Ich arbeite in einer OGS im Bergischen Land, in den letzten zwei Jahren haben wir - bei 150 Kindern - etwa 30 Flüchtlingskinder aufgenommen. Der Beitrag für diese Kinder wird vom Staat übernommen, neben dem Schulbesuch ist dies zumeist die einzige Maßnahme zur Integration und auch zur psychischen Betreuung, die ergriffen wird. Es ist erstaunlich, wie gut sich die Kinder, trotz komplett fehlender oder mangelnder Deutschkenntnisse, in den Alltag der Einrichtung einfügen. Wesentlich problematischer sind die Auswirkungen der zum Teil sehr schwerwiegenden Traumatisierungen, mit denen die Flüchtlingskinder, die anderen Kinder, die die OGS besuchen und auch wir Betreuer umgehen müssen und von denen wir alle auch oft überfordert sind. Traumatisierungen kanalisieren sich sehr häufig in Gewalt, die Zahl der zum Teil erschreckend brutalen Übergriffe hat deutlich zugenommen. Auch ist es nicht leicht, beispielsweise ein völlig aufgelöstes Kind, dass von arglosen Mitschülern nach seiner auf der Flucht erschossenen Mutter gefragt wurde, zu beruhigen und aufzufangen, wenn man zeitgleich für 24 andere Kinder verantwortlich ist. Von sprachlicher Förderung, Hilfe bei den Hausaufgaben und auch einer Einbindung in die hiesige Kultur ganz zu schweigen. Diskussionen darüber, dass hier durchaus ein Junge mit mehreren Mädchen an einem Tisch sitzen darf, können schon einmal eine Weile dauern. Unterstützende Maßnahmen, um mit dieser komplett neuen Situation umzugehen, bleiben gänzlich aus. Es fühlt sich schon wie ein von der Politik auf unsere Schultern abgewälztes Problem an, das unseren Berufsalltag maßgeblich verändert hat. Nach der Bereitschaft hierzu, auch wenn diese aus humanitären Gefühlen heraus oft in erstaunlichem Maße vorhanden ist, wurden weder wir, noch die Eltern der anderen Kinder, je gefragt.
dr.haus 20.11.2018
3.
Zitat:" hat alle offiziellen Kurse hingeschmissen ", da befindet er sich in "guter" hochzahliger Gesellschaft. Es gibt ja in D, im Gegensatz zu anderen Ländern ,auch keine Sanktionen deswegen. Willkommen in der lebenslangen ,von der arbeitenden Bevölkerung erwirtschafteten Honorierung.
käthe 20.11.2018
4. Bildung fördert Integration
Ein mir persönlich bekannter junger Mann aus Syrien besucht in unserer Stadt mit sehr gutem Erfolg ein Gymnasium und wird nächstes Jahr Abitur machen, voraussichtlich mit einer Eins vor dem Komma. Dieses Gymnasium unter kirchlicher Trägerschaft hat mehrere begabte Flüchtlinge (zumeist Syrer) in verschiedenen Klassenstufen aufgenommen und zuerst einen intensiven Deutschunterricht (10 Wochenstunden) organisiert, damit die Schüler überhaupt eine Chance haben, dem restlichen Unterricht zu folgen. Die Lehrer sind sehr engagiert und geben in ihren Freistunden Förderunterricht. Was die Integration betrifft, habe ich mitbekommen, dass die Muslime eher unter sich bleiben, während "mein" Syrer einer religiösen Minderheit angehört und von Anfang an eigenständig den Kontakt zu seinen deutschen Mitschülern gesucht hat. Er ist perfekt integriert, kennt jede Menge Leute und wird z.B. auch zu Partys eingeladen (er unterliegt aber auch keinem religiösen Alkoholverbot). Der Wille zur Integration muss von den Migranten selbst ausgehen, dann werden sich auch Mitschüler finden, die mit ihnen befreundet sein wollen. Wenn religiöse Schranken dies verhindern, ist das mehr als schade.
japhet 20.11.2018
5. Kosten der Einwanderung
Laut diesem Bericht werden über 40.000 Fachkräfte - Lehrer und andere Pädagogen - zusätzlich benötigt, zusätzlich zu den bereits jetzt mit der Aus- und Weiterbildung von Zuwanderern Beschäftigten. Allein dies bedeutet jährliche Kosten im Milliardenbereich. Nun mag man trefflich darüber diskutieren können, ob dies gut angelegtes Geld ist - die Ausgaben sind auf jeden Fall da.
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