Neuer Lehrplan in Ungarn Orbáns Regierung will Unterricht militarisieren

Ungarns Regierungschef Orbán will Schülern frühzeitig eine Laufbahn als Berufssoldat oder "Grenzjäger" schmackhaft machen - und lässt deshalb nun den Lehrplan überarbeiten. Sogar Schießunterricht wird erwogen.

Militärisches Sommercamp in Ungarn (Archivbild)
AFP

Militärisches Sommercamp in Ungarn (Archivbild)


Als junger Mann konnte Ungarns Regierungschef Viktor Orbán Drill und Gehorsam nicht ausstehen, Militarismus und staatlich verordneter Patriotismus waren ihm zuwider. Besondere Anpassungsprobleme hatte er während seines Wehrdienstes in der sozialistischen Volksarmee, den er 1981/82 ableisten musste. Weil er die Kaserne mehrfach ohne Erlaubnis verließ, beispielsweise um sich Fußballspiele anzuschauen, saß er mehrfach im Karzer.

Nun will Orbán der ungarischen Jugend verordnen, was ihm persönlich einst so verhasst war: Schüler und Schülerinnen sollen im Unterricht künftig verstärkt zu mehr nationalem Gemeinsinn, Vaterlandsliebe und Verteidigungsbereitschaft erzogen werden.

Orbán beauftragte die Ministerien für Soziales und für Verteidigung deshalb vor Kurzem, ein "Patriotismus- und Heimatwehr-Erziehungsprogramm" auszuarbeiten, das in den "Nationalen Grundlehrplan" für ungarische Schulen einfließen soll.

Am Montag nun verkündete der Vizestaatssekretär im ungarischen Sozialministerium, Zoltán Maruzsa, in einem Interview mit der Regierungszeitung "Magyar Idök" erste Einzelheiten. Es gehe nicht um die Einführung eines neues Lehrfaches, sondern darum, mehr patriotische und militärische Inhalte in den "Nationalen Grundlehrplan" aufzunehmen: "Wir sprechen von einem Lebensgefühl, das heute schon im Geschichts- und Geografieunterricht präsent ist und auch in Musik und Sport präsent sein kann." Denkbar sei beispielsweise die Einführung von Sportschießen oder Kampfsport.

Es sei wichtig, dass das Bildungssystem der Bevölkerung Verantwortung und Verpflichtung zur Heimatverteidigung und zur Heimatliebe vermittele, so Maruzsa. Zusammen mit dem Verteidigungsministerium prüfe man deshalb entsprechende Erziehungsmaßnahmen.

Schießplätze auf Schulgelände

"Patriotismus an sich ist ja erst einmal nichts Schlechtes", kommentiert der Politologe Attila Tibor Nagy vom Budapester Méltanyosság-Institut das neue Erziehungsprogramm. "Die Regierung will jedoch jetzt ihre Politik in die Schulen bringen und die Kinder so erziehen, dass sie ihrer Ideologie nahestehen."

Mit dem patriotischen und militärischen Erziehungsprogramm soll umgesetzt werden, was Ungarns Ministerpräsident und seine Regierung seit Längerem fordern. Orbán hatte beispielsweise im Herbst letzten Jahres beklagt, dass Ungarns Verteidigungskapazitäten die schwächsten der Region seien und ein umfassendes Programm zur Erhöhung der Wehrbereitschaft und zur Vergrößerung der Armee in Aussicht gestellt. Er schloss zwar eine Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Wehrpflicht aus, plädierte aber für die Aufstellung einer freiwilligen Nationalgarde mit insgesamt 20.000 Soldaten.

Orbáns Verteidigungsminister István Simicskó verlangt seinerseits, dass man Kindern und Jugendlichen eine "Gegenkultur" vermitteln müsse, in der eine sportliche, patriotische Lebensweise zum Trend erhoben werde. Denn die Jugendlichen säßen heutzutage zu viel vor dem Computer, Gemeinschaftsleben und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein seien nur minimal ausgeprägt, so Simicskó in einer programmatischen Rede im Januar letzten Jahres.

Angesichts solcher Töne warnen Vertreter von Pädagogen-Gewerkschaften, Bildungsexperten, aber auch Soziologen und Politologen zunehmend vor einer Militarisierung an Schulen wie auch der Gesellschaft insgesamt. Nicht grundlos: Kürzlich erwog die ungarische Regierung die Einführung von Schießunterricht für Schüler und die Einrichtung von Schießplätzen auf Schulgeländen. Pädagogen waren entsetzt, daraufhin verschwand das Thema vorerst von der Tagesordnung.

Ausbildung zum "Grenzjäger"

Bereits seit 2005 bietet das Verteidigungsministerium unter dem Namen "Soldatenschule" einen freiwilligen Wehrkundeunterricht an Schulen an. Das unter der sozialistisch-liberalen Regierung eingeführte Programm wurde nach dem Wahlsieg von Orbán und seiner Partei Fidesz im Frühjahr 2010 stark ausgeweitet. Es dient in erster Linie dazu, Kindern und Jugendlichen frühzeitig eine Laufbahn als Berufssoldat schmackhaft zu machen, soll aber auch für ein gutes Image der Armee sorgen.

Auch sonst schreitet die Militarisierung Ungarn voran: So arbeiten rund 80.000 Freiwillige in sogenannten Bürgerwachen, die in Ungarn in fast jeder Gemeinde Polizeihilfsdienste verrichten. Daneben gibt es mehrere Tausend hauptamtliche "Feldwächter", die in vielen Dörfern und dünn besiedelten Gebieten patrouillieren und sich in Grenzgebieten zum Teil als "Migrantenjäger" betätigen. Außerdem rekrutiert die ungarische Regierung seit letztem Jahr mehrere Tausend "Grenzjäger", die zusätzlich zur Grenzpolizei und zum Militär die ungarische Südgrenze bewachen und Flüchtlinge abfangen, die illegal nach Ungarn einreisen wollen. Auch an Schulen wirbt die Polizei unter Jugendlichen höherer Jahrgänge für eine Ausbildung zum "Grenzjäger".

Ob das ungarische Bildungswesen bei all dem zukunftsfähig ist und Kindern hilft, in der modernen Welt zu bestehen, wie auch Viktor Orbán immer wieder fordert, ist fraglich: Beim letzten Pisa-Test schnitt Ungarn so schlecht ab wie noch nie und lag durchweg deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.