Ungerechte Grundschullehrer "Auch der intelligente Kevin ist dumm dran"

Die Wissenschaftlerin Astrid Kaiser hat die Lehrer gegen sich aufgebracht: Eine Studie ihres Lehrstuhls zeigt, dass Grundschulpädagogen kleinen Kevins weniger zutrauen als Simons. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät sie, mit welchen Namen Kinder verloren haben - und mit welchen sie gewinnen.

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DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Kaiser, welchen Namen würden Sie Ihrem eigenen Kind auf keinen Fall geben?

Astrid Kaiser: Adolf.

SPIEGEL ONLINE: Die Frage stammt aus einer Studie, die Sie betreut haben und für die rund 1800 Lehrer online befragt wurden, 500 Bögen haben Sie auswerten lassen. Die meisten Grundschullehrer nannten nicht Adolf, sondern Kevin, gefolgt von Jaqueline und Chantal.

Kaiser: Justin, Marvin und Mandy kamen auch nicht besonders gut weg.

SPIEGEL ONLINE: Das Ergebnis der Studie lautet: Grundschullehrer verbinden bestimmte Vornamen mit Vorurteilen, Kevin gilt sogar als Prototyp des verhaltensauffälligen Kindes. Wie verbreitet sind solche Meinungen unter Lehrern?

Kaiser: Sehr weit, das hat die Untersuchung deutlich gezeigt. Ich kenne das auch aus dem Alltag. Ich habe früher als Lehrerin gearbeitet und habe bei mir selbst Vorurteile gegenüber manchen Namen beobachtet. Heute bilde ich Lehrer aus. Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen - und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sprechen die Lehrer wirklich aus Erfahrung. Vielleicht kommen tatsächlich viele Kevins aus Familien, in denen die Erziehung überwiegend durch Trickfilmprogramme stattfindet - und seltener aus Familien, die auf musikalische Früherziehung setzen.

Kaiser: Sicher bringen bildungsferne Schichten mehr Kevins und Justins hervor als Alexanders oder Maximilians. Aber bildungsfern heißt nicht unintelligent, sondern ungefördert. Der hochbegabte Kevin bekommt nicht die schulische Förderung, die er bräuchte, weil er aus der falschen Schicht kommt und seine Lehrer ihn schon beim ersten Blick auf die Klassenliste entsprechend sortieren. Der intelligente Kevin ist dumm dran.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den dummen Kevins?

Kaiser: Auch der unintelligente Kevin wird schlechter gefördert und erzielt nicht die Leistungen, die er erbringen könnte. Die Forschung zeigt: Vorurteile führen zu ungerechten Bewertungen.

SPIEGEL ONLINE: Wo zeigt sich das?

Kaiser: Zum Beispiel bei Diktaten: Wenn ein Lehrer einem Kind viel zutraut, übersieht er mehr Fehler. Bei Kindern, die er für leistungsschwach hält, korrigiert er sehr akribisch und findet mehr.

SPIEGEL ONLINE: Viele Grundschullehrer sind empört, sie fühlen sich ungerecht behandelt und sagen: Hier werde die eigene Erfahrung schlechtgeredet.

Kaiser: Erfahrung ist gut, aber Verallgemeinerung ist schlecht. Man kann bei neun Kevins richtig liegen, aber die Lehrer müssen auch beim zehnten Kevin wieder genau hingucken: Was kann der? Was braucht der? Wie kann ich ihn fördern?

SPIEGEL ONLINE: Freunde machen Sie sich mit dem Thema nicht bei den Lehrern.

Kaiser: Ja, man macht sich unbeliebt. Mich beschäftigt das Thema schon lange, aber ich habe nie jemanden gefunden, der das genauer untersuchen wollte. Eine Habilitandin lehnte das Thema ab, weil sie Angst hatte, dass man ihr Lehrerschelte vorwirft. Auch andere sind abgesprungen. Um so glücklicher bin ich, dass die Autorin der Studie, Julia Kube, sich des Themas angenommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Aufregung bei Lehrern?

Kaiser: Unter der Hand und in privaten Gesprächen bestätigen fast alle Lehrer, dass auch bei ihnen die Namensfalle zuschnappt. Nur sobald es öffentlich diskutiert wird, fühlen sich viele ertappt. Das ist das Spannende an Vorurteilen gegenüber Vornamen: Sie sind nicht sichtbar und den meisten deshalb auch nicht bewusst - anders als etwa bei der Hautfarbe. Dafür sind viele Lehrer sensibilisiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben nur Lehrer diese Vorurteile oder wir alle?

Kaiser: Vor allem Grundschullehrer schließen vom Vornamen auf die soziale Schicht - eben wegen ihrer Erfahrung. Sie sind die einzigen echten Gesamtschullehrer in diesem Land, sie haben mit allen sozialen Gruppen zu tun. Aber wir alle ziehen bestimme Schlüsse aus dem Vornamen. Wenn jemand Gisela heißt, wissen Sie ziemlich sicher, dass diejenige älter als 15 Jahre ist.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie solche Vorurteile auch aus anderen Ländern?

Kaiser: In Australien gelten Kinder mit amerikanisch gefärbten Namen als doof, also Namen mit einem Y am Ende, Jimmy oder Joey. Meine Schwiegertochter unterrichtet in London afrikanische Kinder, auch dort gibt es Namen, die mit Bildungshunger oder Unterschicht assoziiert werden. Es ist weit verbreitet, über kulturelle Grenzen hinweg.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich gegen Namensvorurteile tun?

Kaiser: Wir machen hier an der Uni Oldenburg sogenannte Anti-Bias-Trainings, also Rollenspiele und ähnliches, um Vorannahmen und Vorurteile bewusst zu machen und zu überwinden. Das sollte zu jeder Lehrerausbildung gehören, tut es aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: In der Studie bewerten die Lehrer Namen wie Charlotte, Hannah, Sophie, Simon, Maximilian positiv. Welche Namen haben das Zeug zu künftigen Knallernamen?

Kaiser: Emma könnte bald ein Edelname für Mädchen werden, bei Jungs hat Walter gute Chancen; Paul ist es schon geworden. Aus den altmodischen Namen spricht auch eine gewisse Nostalgie, die Sehnsucht nach konservativen Werten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Namen empfanden Sie als Höchststrafe, als Sie noch Lehrerin waren?

Kaiser: Oliver war das damals in den siebziger Jahren. Olivers kamen aus Problemfamilien.

SPIEGEL ONLINE: Ich danke Ihnen trotzdem für das Gespräch.

Das Interview führte Oliver Trenkamp



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
evolut 18.09.2009
1. Oliver
---Zitat--- Kaiser: Oliver war das damals in den siebziger Jahren. Olivers kamen aus Problemfamilien. SPIEGEL ONLINE: Ich danke Ihnen trotzdem für das Gespräch. Das Interview führte Oliver Trenkamp ---Zitatende--- Ein besserer Name wäre Karl-Theodor, Wilhelm-Alexander oder Hans-Otto gewesen. Ansonsten landet man womöglich bei SPON. Oje!
dasky 18.09.2009
2. Tort
---Zitat von SPON--- SPIEGEL ONLINE: Frau Kaiser, welchen Namen würden Sie Ihrem eigenen Kind auf keinen Fall geben? Astrid Kaiser: Adolf. ---Zitatende--- ...wahrscheinlich nur deswegen nicht, weil's dann Probleme (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,596908,00.html) mit der Geburtstagstorte gibt...
spacko 18.09.2009
3.
Tut ein zweiter Thread mit der gleichen Unterschichtenhetze Not ? Ein weitere verzweifelter Versuch des Spiegels, das Klassenbewußtsein der Bourgeoisie zu beschwören um irgendwie die schwarzgelbe Mehrheit zu retten ? Weitergegähnt wird hier: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=8618
BobJo 18.09.2009
4. Sehr intressant
Zitat von sysopDie Wissenschaftlerin Astrid Kaiser hat die Lehrer gegen sich aufgebracht: Eine Studie ihres Lehrstuhls zeigt, dass Grundschulpädagogen kleinen Kevins weniger zutrauen als Simons. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät sie, mit welchen Namen Kinder verloren haben - und mit welchen sie gewinnen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,649736,00.html
luftschiff 18.09.2009
5. Davon könen auch andere ein Lied singen
Die Gruppe "Die Promovierten Praktikanten" haben über dieses Problem bereits 2007 ein Lied gemacht: "...Wenn Du Shakira heisst, kriegst Du kein Abitur. Das ist jedem Deiner Lehrer klar..." Hier kann man es sehen und hören: http://wiki.luftschiff.org/index.php?title=Die_Promovierten_Praktikanten:_Shakira_%28Live_im_k%C3%B6lner_Wicleff_am_20._Juni_2007%29
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