Unicef-Bericht 40 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden sind arm

Jedes zwölfte Kind in Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze. Ein Unicef-Report zeigt: Am stärksten betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, mehr als jedes dritte gilt als arm. Die finanziellen Schwierigkeiten haben oft lebenslange Folgen.

Essensausgabe bei einer Tafel: Wer arm ist, leidet nicht nur an Geldmangel
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Essensausgabe bei einer Tafel: Wer arm ist, leidet nicht nur an Geldmangel


Sie schneiden in der Schule schlechter ab, sie leben ungesünder, sie schauen mehr Fernsehen: Kinder, die in Deutschland unter die Armutsgrenze fallen, haben mit weitaus mehr Problemen zu kämpfen als Gleichaltrige, denen es finanziell besser geht. Das zeigt der neue Unicef-Report "Reiche, kluge, glückliche Kinder?" zur Lage der Kinder in Deutschland.

Demnach lebten in Deutschland zwischen 2000 und 2010 rund 8,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen jahrelang in Armut. Auf die heutige Situation bezogen wären demnach insgesamt rund 1,1 Millionen Heranwachsende einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend relativer Armut ausgesetzt. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden: 40 Prozent der Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen, leben unterhalb der Armutsgrenze, sagte am Donnerstag der Geschäftsführer des deutschen Uno-Kinderhilfswerks Unicef.

Die Ursache liegt jedoch nicht in der Familienform, sondern in den sozialen und ökonomischen Problemen vieler alleinerziehender Eltern. Familien mit nur einem Elternteil gelten als arm, wenn das monatliche Einkommen unter 1300 Euro liegt. Stark gefährdet sind dem Report zufolge auch Kinder arbeitsloser Eltern, Kinder mit Migrationshintergrund sowie Kinder in problematischen und gewaltbelasteten Lebensverhältnissen.

Arme Kinder sind häufig unzufriedene Kinder

Die betroffenen Kinder würden weniger Sport treiben, mehr fernsehen und häufiger rauchen. Außerdem hätten sie bereits am Ende der vierten Klasse in Mathematik und Naturwissenschaften einen Leistungsrückstand von einem halben Lernjahr im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die nicht in Armut aufwüchsen.

Der Bericht zeigt auch: Diese Kinder sind im Durchschnitt sehr viel unzufriedener mit ihrem Leben als ihre Altersgenossen - und diese Unzufriedenheit hält oft ein Leben lang an. "Gelernte Hoffnungslosigkeit macht es schwer, Herausforderungen im weiteren Leben zu meistern", sagte Jürgen Heraeus, Chef von Unicef-Deutschland, bei der Vorstellung des Berichts.

Unicef fordert deshalb von der neuen Bundesregierung gezielte Hilfen für Alleinerziehende, um Kinderarmut zu bekämpfen. US-Studien zeigten demnach, gezielte Hilfen für Kinder in Armut führten dazu, dass sie als Erwachsene selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten. Dabei ginge es nicht nur um finanzielle Hilfen: Um benachteiligte Kinder früher und gezielter zu fördern, gehörten laut Unicef zum Beispiel die besten Schulen in die Problemviertel der Großstädte und nicht in bürgerliche Wohngegenden.

"Kein Jammern auf hohem Niveau"

Wenig sinnvoll ist aus Sicht von Unicef das Kindergeld, solange alle Eltern unabhängig von ihrem Einkommen gleich viel bekommen. "Das Kindergeld ist eine sehr ineffiziente Maßnahme, Kinderarmut zu bekämpfen", sagte der Berliner Soziologie-Professor Hans Bertram, der Mitglied des Deutschen Komitees für Unicef ist. Sinnvoller sei es etwa, das Kindergeld nach Bedürftigkeit unterschiedlich zu erhöhen sowie eine Grundsicherung für alle Kinder auszuzahlen.

Das Kindergeld wird in gleicher Höhe ausgezahlt, unabhängig vom Einkommen. Die Unions-Parteien wollen die Leistung erhöhen. Bei der SPD stößt eine pauschale Aufstockung aber auf Vorbehalte, die Sozialdemokraten wollen das Kindergeld nach Einkommen staffeln.

Verglichen mit anderen Ländern geht es den deutschen Kindern im Schnitt allerdings ziemlich gut: In einem Kindeswohl-Vergleich von 29 OECD-Staaten liegt die Bundesrepublik auf Platz sechs. Aber, so warnt Unicef-Chef Heraeus: "Durchschnittswerte bergen die Gefahr, dass gravierende Probleme eines Teils der Kinder nicht gesehen werden."

"In einem reichen Land arm zu sein, kann viel demütigender sein, als in einem armen", erklärt auch der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Ein Kind, das mitten im Winter in Sandalen auf dem Schulhof stehe, leide mehr unter den lachenden Mitschülern als unter der Kälte. "Auch wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind - das ist eben nicht Jammern auf hohem Niveau."

lgr/dpa/Reuters



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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
meikelm 24.10.2013
1. Lebenslang
Auch wer es als Kind armer Eltern trotz Chancenungleichheit halbwegs nach oben schafft, wird spätestens dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, wenn sich irgendwann das Sozialamt meldet, um Elternunterhalt einzufordern. Sozialer Aufstieg nur mit angezogener Handbremse möglich.
meikelm 24.10.2013
2. Ergänzung zu: Lebenslang
PS: Der geleistete Elternunterhalt dient mitnichten der Steigerung des Wohlstands der Eltern - dagegen wäre nichts einzuwenden - Er dient nur der Entlastung der öffentlichen Kassen - durch jemanden, der ja für seine Gene nichts kann.
neu.hier 24.10.2013
3. Kindersicht...
"In einem reichen Land arm zu sein, kann viel demütigender sein, als in einem armen". Dieser Satz trifft es auf den Punkt.
mel-lina 24.10.2013
4.
Bitte nicht alle über einen Kamm scheren! Ich bin seit knapp 10 Jahren Alleinerziehend und war immer Berufstätig! Dennoch reicht mein Gehalt und der Mindestunterhalt für meine Kinder nicht aus. Ich liege um die 50 Euro über der Gehaltsgrenze um Wohngeld oder ALG2 Aufstockung zu bekommen. Somit werden mir diverse Hilfen untersagt. Z.b.Nachhilfe für meinen Sohn der aufs Gymnasium geht,Klassenfahrten meiner Zwillinge die nicht bezuschusst werden und ich nicht bezahlen kann,sowie das Mittagessen der Ganztagsschule die bei drei Kindern bei 10 Euro am Tag liegen. Würde ich meine Arbeit aufgeben ,hätte ich mit Hartz 4 wesentlich mehr Geld in der Tasche aber mir macht die Arbeit Spass und ich möchte für meine Kinder ein Vorbild sein. Nur der Staat Unterstützt das nicht! Es gibt so etwas wie einen Kinderzuschlag,den habe ich auch beantragt. Fehlanzeige! Da ist das Einkommen der Mutter irrelevant wenn der Mindestunterhalt der Kinder stimmt,egal was unter dem Strich rauskommt. Mein Sohn hielt mir letztens von der Schule eine Anmeldung für die Klassenfahrt vor die Nase...6 Tage auf einem Segelschiff auf dem Meer ohne Anreise und Verpflegung für 400 Euro!!! So etwas kann ich beim besten Willen nicht bezahlen ,wo ich wiederum einen Antrag beim Förderverein gestellt habe...aber wo bleibt der Staat?? Ich schaue immer dass meine Kinder in Nichts Nachstehen müssen,aber ich merke zunehmend dass ich mir schon seit Ewigkeiten nichts mehr selbst geleistet habe...nicht mal eine Winterjacke besitze ich für mich. Urlaub? Meine Kinder und ich waren letztes Jahr zum ersten mal im Urlaub! Aber auch nur weil ich mich intensiv damit beschäftigt habe welche Hilfen es dafür gibt. Als ich bei der AWO anfragte wurde ich zuerst abgewimmelt,ich blieb hartnäckig und mir wurde erklärt dass ich dieses Angebot nicht an die Große Glocke hängen sollte weil ihnen sonst die Bude eingerannt wird. Im Grundgesetz ist zwar die Familienerholung verankert,aber dafür kommt der Staat auch nicht auf,sondern caritative Einrichtungen .
mr.feelgood 24.10.2013
5.
Wäre es nicht sinnvoll, dabei den Niedriglohn zu benennen, der für die meisten alleinerziehenden Mütter ja wohl einzig in Frage kommt? DA sollte die Politik eingreifen und diesen ganzen Sektor zur Armutsetablierung abschaffen!!! Angeschafft haben sie ihn schließlich auch. Da braucht jetzt niemand so zu tun, als würde diese Armut vom Himmel herabfallen, denn sie ist menschengemacht.
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