Uno-Schulen in Palästina "Wir haben ein Recht auf Leben"

Die Uno betreibt im Nahen Osten rund 700 Schulen für palästinensische Kinder. Laut Israels Regierung wird dort "Gehirnwäsche" betrieben, die USA halten Beiträge in Millionenhöhe zurück. Ein Ortsbesuch.

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Aus Gaza und Westjordanland berichtet


Shadi Khalil Obiedallah, Hausmeister einer Schule im Westjordanland, steht neben dem überlebensgroßen Plakat seines toten Sohns. Aboud war 13 Jahre alt, als ihn ein israelischer Scharfschütze erschoss.

Das Plakat lehnt an der Straßenecke, wo Aboud im Oktober 2015 mittags nach der Schule starb. Es zeigt einen lächelnden Jungen mit Segelohren und großen Schneidezähnen.

Sein Vater lässt die Schultern hängen. Seine Stirnfalte ist so tief, dass sich die Brauen berühren, seine Augen schauen traurig aus einem unrasierten Gesicht. "Ich habe Angst um meine anderen vier Kinder und um alle Kinder an unserer Schule", sagt er.

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Uno-Schulen in Palästina: Müllberge und Märtyrer

Die Aida Basic Boys' School, auf die Aboud ging und an der sein Vater arbeitet, ist eine von rund 700 Schulen, die das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) im Westjordanland, im Gazastreifen und in Syrien, Libanon und Jordanien betreibt.

Steckbrief UNRWA

    Die United Nations Relief and Works Agency UNRWA nahm 1950 ihre Arbeit auf, um Palästinensern zu helfen, die bis 1948 aus Gebieten vertrieben wurden, die den neuen israelischen Staat bilden sollten. Zunächst ging es um 750.000 Menschen und um akute Nothilfe. Doch der Konflikt blieb ungelöst und der Flüchtlingsstatus vererbbar.

  • Heute hat die UNRWA mehr als fünf Millionen Palästinenser als Flüchtlinge registriert. Sie bietet ihnen kostenlose Gesundheitsversorgung, Kleinkredite und Sozialdienste, stellt mancherorts sogar die Müllabfuhr in den rund 60 Flüchtlingslagern, die zu ärmlichen, engen Stadtviertel versteinert sind.

Rund drei von zehn Kinder im Westjordanland gehen auf Uno-Schulen, im Gazastreifen sind es sieben von zehn Kinder. Für Bildung gab das Hilfswerk im vergangenen Jahr mehr als 400 Millionen Dollar aus, etwa die Hälfte seines Budgets. Deutschland gehört mit jährlich neun Millionen Euro zu den fünfgrößten Beitragszahlern.

Die israelische Regierung wirft dem Hilfswerk seit Langem vor, Partei für die Palästinenser zu ergreifen, und fordert dessen Schließung. Seit Mitte Januar halten die USA, der größte Geldgeber, eine Zahlung von 65 Millionen Dollar an die UNRWA zurück.

Damit ist die Unterrichtsversorgung für gut 520.000 Kinder bedroht. So viele junge Palästinenser soll das Hilfswerk schützen und bilden - und gleichzeitig stets politisch neutral bleiben. Das ist im aufgeheizten Nahostkonflikt eine verzweifelt schwierige Aufgabe.

Abouds Schule liegt im Flüchtlingscamp Aida bei Bethlehem. Die fast 800 Kilometer lange Absperrung, die Israel um und durch das Westjordanland gezogen hat, ist an dieser Stelle eine hohe Mauer direkt gegenüber des Schulhofes. Sie ist mit Bildern von Jugendlichen besprüht, die Steine werfen und von israelischen Soldaten abgeführt werden.

Schulhof im Aida Camp und israelische Sperranlage
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Schulhof im Aida Camp und israelische Sperranlage

Ob die Mauer dem Schutz oder der Schikane dient, hängt von der Seite ab, auf der man steht. Die Uno zählte allein im Aida Camp im vergangenen Jahr mehr als 90 "Sicherheitseinsätze" des israelischen Militärs. In einem anderen Camp wurde eine Uno-Schule fünfmal während der Unterrichtszeit evakuiert, weil zu viel Tränengas übers Gelände waberte.

Unter den Jugendlichen, die Steine und manchmal auch Rohrbomben oder Molotowcocktails werfen, sind auch Schüler der Aida Basic Boys' School. Die Lehrer drängten ihre Schüler ständig, nach dem Unterricht sofort heimzukehren, erzählt eine Uno-Mitarbeiterin. "Doch sie wollen oft einfach nicht hören."

Der israelische Sniper tötete Aboud, als er mit Freunden am Straßenrand stand. Die Armee teilte mit, die Kugel habe nicht ihm gegolten, sondern jemandem "in seiner Nähe", der "zu Gewaltausbrüchen aufgestachelt" habe.

Gazastreifen: Hoffnung für die Jugend?

Shadi Khalil Obiedallah hatte seinen Sohn gebeten, nicht rauszugehen. Doch Aboud wollte nicht immer im Haus bleiben. Sein Zimmer sei kleiner gewesen als eine israelische Gefängniszelle, berichtete die Zeitung "Haaretz".

Viele palästinensische Flüchtlingscamps sind extrem überfüllt. Die Höfe der blau-weißen Uno-Schule gehören zu den wenigen Orten, wo Kinder Platz zum Spielen haben. Ihre Wände zieren Spongebob oder die Schlümpfe statt Bilder von Märtyrern, wie auch Aboud einer geworden ist.

"Meine Seele wird den Mörder jagen", steht auf Abouds Gedenkplakat. In vielen palästinensischen Camps hängen an Hauswänden Poster von jungen Männern, die im Nahostkonflikt ihr Leben gelassen haben.

Abouds Vater gehört zu den vielen, die der Konflikt nicht vereinnahmen darf, obwohl er es längst getan hat. Bevor er sagen kann, ob er noch an Frieden glaube, beendet eine UNRWA-Mitarbeitern abrupt das Gespräch. Denn auch der Hausmeister ist ein Angestellter der Uno - und die dürfen sich nicht politisch äußern.

Tränengaskartuschen im Mülleimer

Verstöße dagegen gibt es immer wieder. Von 30.000 UNRWA-Mitarbeitern kommen 300 aus dem Ausland. Alle anderen sind selbst palästinensische Flüchtlinge, die im Nahostkonflikt aufgewachsen sind. Das gilt auch für Lehrer, Hausmeister, Schulleiter.

Persönliches Leid und Politik sind da oft kaum zu trennen. Kurz nach Abouds Tod tauchte ein Porträt auf einer Mauer der Schule auf, das ihn als Märtyrer feierte.

Doch Abouds Porträt verstieß gegen die Hausordnung. Die UNRWA lässt seine Gebäude regelmäßig inspizieren und politische Botschaften entfernen. Diesmal sei es jedoch um die emotionale Reaktion auf den Tod eines Schülers gegangen, sagt Scott Anderson, Chef des Hilfswerks im Westjordanland. "Wir konnten das Bild nicht einfach übermalen."

Schließlich musste es doch weichen. Das neue Gedenkplakat steht ein Stück die Straße hinab vor einem UNRWA-Büro, in dessen Mülleimer Abouds Vater die Tränengaskartuschen entsorgt, die israelische Soldaten ins Camp schießen.

Plakat und Vater von Aboud
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Plakat und Vater von Aboud

2015 kamen Vorwürfe auf, einzelne Mitarbeiter des Hilfswerks hätten online gegen Juden und Israel gehetzt. Einige hätten "unangebrachte Dinge" auf Facebook gepostet, räumt Anderson ein, sie seien "diszipliniert" worden.

Alle UNRWA-Mitarbeiter sollen künftig in einem Onlinekurs beigebracht bekommen, wie sie sich im Netz zu verhalten haben. Solche Maßnahmen sind existenziell für das Hilfswerk, das stets fürchten muss, dass internationale Regierungen ihre Beiträge kürzen. Doch das Umfeld, in dem radikale politische Meinungen gedeihen, ändert sich damit nicht.

Während im Westjordanland täglich junge Palästinenser mit israelischen Soldaten und Siedlern aneinandergeraten, ist der Gazastreifen seit Jahren weitgehend abgeriegelt. Neun von zehn Schulkindern haben ihn noch nie verlassen, auch die 14-jährige Esra'a nicht.

An Esra'as Uno-Schule werden 1800 Kinder in zwei Schichten unterrichtet, Wechsel ist um halb zwölf, dann ist der Pausenhof ein Gewusel aus Mädchen mit blauen Westen und weißen Kopftüchern. Im folgenden Video erzählt Esra'a, wie mühsam ihr Alltag ist.

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Der kleine Bruder ihrer Freundin starb, nachdem er im Meer gebadet hatte. Im Gazastreifen fließt das Abwasser meist ungeklärt ins Meer oder in den Boden. So können sich Erreger verbreiten, die Hirnhautentzündung auslösen.

"Die Schule ist mein Leben", sagt Esra'a. Sie hat dort regelmäßig Unterricht, in dem die Schüler Angst und Frust abbauen können sollen. Sie tanzen, singen Lieder oder malen Bilder. Meistens lernen Kinder in Gaza und im Westjordanland aber aus Schulbüchern, die nicht die Vereinten Nationen geschrieben haben, sondern die Palästinensische Autonomiebehörde.

Die israelische Regierung kritisiert die UNRWA dafür heftig. Israel werde in den Büchern als fremder Besatzer porträtiert, auf Karten sei der jüdische Staat nicht verzeichnet. "Die Schulbücher stacheln gegen Israel auf", heißt es aus der Regierung. "Das ist Gehirnwäsche."

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Gazastreifen: Immerhin funktioniert das Internet

Vor drei Jahren kamen Forscher aus Bethlehem, Tel Aviv und Yale jedoch zu dem Schluss, dass sowohl israelische als auch palästinensische Schulbücher die jeweils andere Seite meist politisch aufgeladen und negativ beschreiben und selten über deren Religion, Kultur und Lebensstil berichten.

Auf den meisten Karten in den palästinensischen Schulbüchern, die die Forscher untersuchten, war Israel nicht verzeichnet. Das galt allerdings andersherum auch für die Mehrheit der Karten in israelischen Schulbüchern, die das Westjordanland und Gaza nicht erwähnten.

Dass die UNRWA palästinensische Lehrpläne übernimmt, hat zwei Gründe: Erstens unterliegen die Unterrichtsinhalte prinzipiell der nationalen Hoheit des Gastlandes, in dem die Uno aktiv ist. Zweitens gehen die UNRWA-Schulen meist nur bis Klasse neun und die Kinder sollen danach an palästinensische Schulen wechseln können.

"Wir haben ein Recht auf Frieden"

Man analysiere die Schulbücher jedoch gründlich, sagt UNRWA-Chef Pierre Krähenbühl. Seit 2016 hätten sich nur 2,5 Prozent aller Seiten als problematisch im Hinblick auf Geschlechterklischees, politische Fragen und Gewaltdarstellungen erwiesen.

"Wenn die Palästinensische Autonomiebehörde die Stellen nicht korrigiert, entwickeln wir ergänzendes Material", sagt Krähenbühl. Dabei handele es sich zum Beispiel um Texte, in denen auch Mädchen zu Wort kommen, oder um Hinweise darauf, dass Landkarten ohne Israel den Stand vor 1948 abbildeten. Alle Lehrer seien geschult und angehalten, mit diesem Material zu unterrichten.

Die Uno-Schulen klären ihre Schüler auch über Menschenrechte auf. Doch selbst das lässt sich schwer mit politischer Neutralität vereinbaren, wenn diese Rechte nicht für die Kinder gelten, die sie hochhalten sollen.

Im Flüchtlingscamp Shu'fat in Jerusalem sitzen knapp 30 Schülerinnen in einem Klassenzimmer. "Die Israelis schränken unser Recht auf Bewegungsfreiheit ein", sagt eine Fünftklässlerin. Eine ältere Schülerin ergänzt: "Wir haben ein Recht auf Frieden und Sicherheit und ein Recht auf Leben!" Die Mädchen wissen genau, welche Berufe sie später ausüben wollen: Ingenieurin, Ärztin, Lehrerin, Journalistin.

Palästinensische Schülerinnen im Shu'fat Camp
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Palästinensische Schülerinnen im Shu'fat Camp

Aboud wollte Informatiker werden. "Er war sehr schlau und gut in der Schule", sagt sein Vater Shadi Khalil Obiedallah. Seine jüngste Tochter ist jetzt in der siebten Klasse, sie möchte Medizin studieren. "Inschallah", sagt der Hausmeister. "Wenn sie nur in Sicherheit leben könnte."


Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen ins Westjordanland und nach Gaza.

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