Eurokrise in der Schule Kinder, die Griechen sind selbst schuld

In Schulbüchern kommt die Eurokrise kaum vor. Umso umtriebiger versuchen private Initiativen ihr Unterrichtsmaterial in die Klassen zu bekommen. Eine Auswertung zeigt nun: Die darin vermittelte ökonomische Sichtweise ist extrem einseitig.

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Wer weiß, warum es den Griechen gerade so schlecht geht? Lobbys drücken ihr Material in die Schulen
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Wer weiß, warum es den Griechen gerade so schlecht geht? Lobbys drücken ihr Material in die Schulen


Was ist da los in Griechenland? Die Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen, auch in dieser Woche, und sie ist nicht immer leicht zu verstehen. Viele Wirtschaft- oder Sozialkundelehrer dürften sich schwer damit tun, die Eurokrise zum Unterrichtsthema zu machen. In Schulbüchern stehen nämlich kaum Informationen zu Hilfspaketen, Rettungsgipfeln und Schuldenschnitt-Debatten.

Wie gut, dass es im Internet passendes Lehrmaterial gibt. "Die Ursachen der Euro-Schuldenkrise", heißt zum Beispiel ein Hintergrundtext, der sich auf der Seite "Wirtschaft und Schule" findet.

Was zur Krise geführt hat, ist für die Autoren recht eindeutig: Es waren unter anderem die hohen Gehälter in Südeuropa. "In Deutschland etwa fielen die Lohnerhöhungen in den vergangenen Jahren relativ bescheiden aus, Griechen und Spanier konnten sich dagegen über ordentliche Verdienstanstiege freuen", heißt es in der Unterrichtshilfe.

Es steht dort wie die einzig wahre und unumstößliche Interpretation, dabei diskutieren Ökonomen durchaus kontrovers über das Thema. Für manche liegt die Krisenursache nicht in Südeuropa, sondern eher in Deutschland: Hätten Arbeitnehmer auch hierzulande in den vergangenen Jahren mehr Lohn bekommen, stünden Spanien und Griechenland heute vielleicht besser da, weil Deutschlands Wettbewerbsvorteil geringer wäre. Doch von solchen Argumenten erfahren Schüler und Lehrer nichts. Kein Wunder: Herausgegeben wird das Material vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Der Sozialökonom Till van Treeck von der Uni Duisburg-Essen und sein Mitautor Philipp Kortendiek haben Unterrichtshilfen zur Eurokrise ausgewertet und kommen zu einem ernüchternden Fazit: Die Krise wird in vielen Fällen einseitig dargestellt, schreiben sie in einer Expertise, die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt. Dem IW-Material attestieren die Autoren "eine klare neoklassische Ausrichtung" - also eine Schlagseite zugunsten marktfreundlicher und unternehmensnaher Lösungsansätze. Als ähnlich einseitig empfanden die Duisburger auch eine Broschüre des Schulbuchverlages Schroedel zur Eurokrise und Materialien aus der Reihe "Handelsblatt macht Schule", die von der Wirtschaftszeitung herausgegeben wird.

"Lobby, die das Material in die Schulen drückt"

Zu allen erdenklichen Themen ist eine Fülle an Unterrichtsmaterial im Umlauf. Im Jahr 2012 gab es nach Recherchen von Augsburger Forschern 882.540 kostenlose Arbeitsblätter im Netz; 16 der 20 umsatzstärksten Unternehmen gaben demnach Reihen für die Schule heraus. Wie oft sie verwendet werden, ist unbekannt. Doch gerade bei aktuellen Themen wie der Eurokrise, die es noch nicht in die Schulbücher geschafft haben, haben private Interessengruppen ein leichtes Spiel, befürchtet van Treeck. "Es gibt eine Lobby, die mit richtig viel Geld dieses Material in die Schulen drückt."

Besonders erschrocken hat den Forscher allerdings, dass die staatliche Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ebenfalls einseitiges Material streut; sie ist eine wichtige Anlaufstelle für Sozialkundelehrer und steht im Ruf, neutral und unverdächtig zu sein. Doch auch eine aktuelle Broschüre der Bundeszentrale verteidige die umstrittene Austeritätspolitik, mit der die Schuldenstaaten auf Sparkurs gebracht werden, als unverzichtbar. "Dem Text mangelt es unübersehbar an Pluralismus in Bezug auf makroökonomische Konzepte", heißt es in dem Gutachten der Forscher.

Zwar gebe es durchaus ausgewogenes Material bei der Bundeszentrale; die Broschüre war allerdings Teil der wichtigsten Publikation des Hauses - sie lag den "Informationen zur politischen Bildung" bei, jenen schwarzen Heften, von denen Lehrer oft ganze Klassensätze bestellen. "So etwas darf nicht passieren", findet van Treeck.

Subtile Einseitigkeit

Der Grundsatz, wonach bei gesellschaftlich umstrittenen Fragen auch im Unterricht verschiedene Positionen dargestellt werden sollen, wird in vielen Materialien unterlaufen. Oft subtil.

Die Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung etwa scheint auf den ersten Blick durchaus Argumente für und gegen die harten Sparauflagen zu diskutieren. Die Sparauflagen hätten "weitreichende soziale Auswirkungen" gehabt und die "politische Stabilität" der Krisenländer "auf eine harte Probe gestellt", heißt es in der Publikation "Euro am Scheideweg?".

Forscher van Treeck bezeichnet das allerdings als Scheinkontroversität. "Die Gegenargumente zielen allein auf die sozialen Auswirkungen der Sparpolitik", sagt er. "Dass es auch ökonomische Gegenargumente gibt, wird nicht erörtert." So bleibe der Eindruck, der Austeritätskurs sei zwar unschön, aber alternativlos.

Die Duisburger Forscher haben sich zum Vergleich angesehen, wie die Eurokrise an französischen Schulen dargestellt wird. Jenseits des Rheins stellt, anders als in Deutschland, das Schulministerium zentral Unterrichtshilfen zur Eurokrise bereit; und die sind aus Sicht der Duisburger Forscher mindestens genauso einseitig - nur für die Gegenposition: In dem empfohlenen Material im Nachbarland wird die Austeritätspolitik durchweg kritisiert.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 159 Beiträge
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WwdW 14.08.2015
1. Ich mache einen Blog
Sobald mein Kind in die Schule kommt werde ich einen Blog machen und solche lobbyistischen Unterrichtsmaterialien, wenn sie verwendet werden an den Pranger stellen. Und bei jeder werde ich schauen ob ich Schule, Land oder den Herausgeber anzeigen werde.
brux 14.08.2015
2. Hinweis
Der Autor haette sich einfach mal mit der Materie vertraut machen sollen. Die EU hat sich im Jahr 2000 eine Strategie gegeben (auch die Griechen haben zugestimmt), mit der man der Globalisierung begegnen wollte. Diese Strategie hoert auf den Namen Lissabon. Nur Deutschland und ein paar andere noerdliche Staaten haben die Strategie ernst genommen und umgesetzt. Deshalb sind sie heute fit. Italien, Frankreich und Griechenland fanden sich zu schlau fuer so etwas und gucken heute in die Roehre. So sieht es aus, jenseits der journalistischen Legendenbildung.
Wembley 14.08.2015
3. Tolles Rezept
Ja, hätten die BRD-Bürger in den letzten Jahrzehnten wie die Südeuropäer ordentlich die Löhne erhöht bekommen, wäre alles ganz toll in EU-Europa. Wo lebt ihr Redakteure eigentlich? Schon mal was von globaler Konkurrenz gehört?
nesmo 14.08.2015
4. Ich glaube kaum
dass die Krise Griechenlands in irgendeiner deutschen Schule zum Lehrplan gehört.Das ist wohl eine Scheindiskusssion. Zum anderen wird ggf. jeder ambitionierte Lehrer, und das muss er sein, wenn er soetwas unterrichtet, den schillernden Varoufakis und seine Thesen nicht unterschlagen. Das Thema ist in seiner ökonomischen Komplexität wohl allenfalls für Studenten geeignet.
Zaphod 14.08.2015
5. Besorgte Eltern
Anstatt gegen die vermeintliche Sexualisierung der Kinder sollten die Eltern lieber gegen die tatsächlich Indoktrinierung der Kinder mit neoliberalen Ideologien kämpfen. Der aufgeklärte Sexualkundeunterricht lehrt die Kinder, wie sie selbstbestimmt Spass und Freude haben können. Der neoliberale Wirtschaftsunterricht lehrt die Kinder, dass sie die Fremdbestimmung des Marktes, die sie leicht zu Verlierern machen kann, akzeptieren müssen, da es keine Alternativen gibt. Das Ergebnis sind angepasste Jugendliche, die keinerlei Revoluzzer-Attitüde mehr entwickeln, sondern erbarmlungslos auf die Verlierer des Raubtierkapitalismusses herabsehen. Vor 10 bis 20 Jahren bestand diese Gefahr noch nicht, da es noch ausreichend Lehrkräfte gab, die in den 68er Jahren sozialisiert waren und die klar linke und gute Positionen vertreten haben. Mit großer Dankbarkeit denken viele an diese engagierten Lehrer, die vorbildlich systemkritisches Denken und Solidarität und Mitmenschlichkeit lebten und lehrten.
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