Unterrichtsbesuch von Harald Schmidt "Eine faule Sau, die schlecht in der Schule war"

Eine TV-Show hat er nicht mehr, jetzt sitzt er in dieser schnöden Provinzschule. An einem Gymnasium gibt Ex-Late-Night-Talker Harald Schmidt jungen Menschen Lebensratschläge: "Ich möchte dem Land etwas zurückgeben, das ich nie von ihm bekommen habe."

Prominenter Besuch: Entertainer Harald Schmidt und Schulsprecherin Viola.
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Prominenter Besuch: Entertainer Harald Schmidt und Schulsprecherin Viola.


So schnell kann es gehen: Nach einem knappen Jahr Fernsehabstinenz ist Harald Schmidt, 57, kaum wiederzuerkennen. Im dicken Rollkragenpulli erscheint er am Donnerstagmorgen in der Aula des Ville-Gymnasiums in Erftstadt-Liblar bei Köln. "Ich hab' mich als Herbergsvater verkleidet."

Schließlich ist es ja keine Fernsehshow, in der er auftritt, sondern eine offizielle Schulveranstaltung. Mit dieser Begründung hat die Schule auch mehreren großen Fernsehsendern den Zutritt untersagt. Schmidt soll nicht die Nation unterhalten, sondern 200 Oberstufenschülern beweisen, dass man in der Schule doch fürs Leben lernt.

"Ihr kommt bald alle auf diesen berühmten Arbeitsmarkt", sagt der Elternvertreter Damian van Melis. Da kann es nicht schaden, mal mit Leuten aus der Praxis zu reden. Der Schülersprecherin Viola hat er vorher eingeschärft, dass sie nicht vor frechen Fragen zurückschrecken soll.

Lebenswege heißt die Unterrichtsreihe an der Schule in Erftstadt. Ob Schmidt seine Karriere für beendet hält, lässt er offen.
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Lebenswege heißt die Unterrichtsreihe an der Schule in Erftstadt. Ob Schmidt seine Karriere für beendet hält, lässt er offen.

Gar nicht nötig. Der Ex-Moderator ist den meisten Schüler höchstens noch vom Hörensagen ein Begriff. Von vorauseilender Verunsicherung keine Spur. Und der publikumsentwöhnte Ex-Moderator ist sichtlich gut drauf. Er selbst sei immer gern zur Schule gegangen, sagt Schmidt, "aus Geselligkeitsgründen".

"Hatten Sie auch Lehrer, die Sie nicht so toll fanden?", fragt Niklas.

"Tausende!", sagt Schmidt. "Ich war natürlich der Lehrer-Parodist. Wenn es auf Schulausflug ging, saß ich sechs Stunden vorne neben dem Fahrer mit Mikro in der Hand." Sein liebstes Parodieobjekt: der Mathelehrer mit dem Spitznamen "Idi". "Nach Idi Amin. Das war damals so'n Diktator."

Als Schüler war Schmidt eher mäßig, das Abitur machte er mit einem Schnitt von 2,7. In Sport hatte er sogar eine 6. Damals habe ihm sein Sportlehrer gesagt: Du wirst schon sehen, wo du mit deiner Art landest!

Und tatsächlich, sagt Schmidt: Nun sitze er hier in einer spröden Provinzschule.

"Ist Ihre Karriere jetzt zu Ende?", möchte Jan wissen.

"Gute Frage." Der Ex-Entertainer rutscht auf dem alten roten Sofa herum.

Warum er jetzt hier in der Schule zu Gast sei statt im Show-Studio, erkundigt Jan sich. "Das ist dieses pseudo-amerikanische 'Ich möchte dem Land etwas zurückgeben, das ich nie von ihm bekommen habe'", sagt Schmidt.

Ratschlag vom Meisterzyniker: Schule ist wie eine Betroffenheitsreportage im ZDF - man muss einfach trotzdem lachen.
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Ratschlag vom Meisterzyniker: Schule ist wie eine Betroffenheitsreportage im ZDF - man muss einfach trotzdem lachen.

So versucht er denn auch, zwischen seinen Witzen, Zoten und Lästereien einige klassische Werte zu vermitteln. "Enthusiasmus und Eigeninitiative sind durch nichts zu ersetzen!" Die Schüler sollen beruflich das machen, wofür sie sich wirklich begeistern.

Und sie sollen sich in Bescheidenheit üben, rät der Ex-Entertainer: "Ich selbst bin aufgewachsen mit dem Satz: 'Das können wir uns nicht leisten'. Das geht super. Als ich im Monat 500 D-Mark hatte, bin ich wunderbar damit ausgekommen. Wir leben doch in Deutschland in einem paradiesischen Zustand." Wer das nicht glaube, solle sich mal in einem Entwicklungsland umsehen.

Als die Schüler beklagen, sie hätten so wenig Spaß im Unterricht, gibt er ihnen den Tipp: "Ihr müsst den Spaß dort rausziehen, wo er gar nicht vorgesehen ist." Wie man Freude am Unerfreulichen hat, das weiß Schmidt gut. Er könne auch nicht über Comedy-Sendungen lachen, sagt er, wohl aber über "Betroffenheitsreportagen" im ZDF.

Auch für Bewerbungsgespräche hat er einen Rat: "Man legt sich vorher ein paar Antworten zurecht und versucht dann, die irgendwie an den Mann zu bringen. Das ist ein Erfolg meines Geschäftsmodells, dass ich unabhängig von den Fragen antworte."

Lateinlehrer Dieter Esser bedankt sich im Namen der Schulleitung. Man habe jetzt ein ganz klares Bild von Harald Schmidt in seiner Jugend vor Augen: "Ne faule Sau, die schlecht in der Schule war, aber ganz klare Interessen hatte."

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Christoph Driessen/dpa/bkr

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
wernerwenzel 22.01.2015
1. Harald Schmidt war nie komisch,
als Typ ist er schon unwitzig, vergleichbar mit dem Alsmann. Seine Late Night war bis etwa 2000 auf einem sehr guten Weg etwas zu WERDEN, was aber nie richtig klappte. Ich habe ihn bis dahin regelmäßig und meistens gern gesehen. Ab 2000 etwa wurde er dann unendlich öde, kurioserweise aber von den Medien gehypt wie nix Gutes (nur vergleichbar mit dem extrem alternden Loddar damals). Ein dröger Speichellecker wie dieser Andraksch (oder wie der hiess) gab der Sendung dann endgültig den Rest. Der Todeskampf dauerte dann noch unendlich viele Jahre, und auch damals schon konnte man beobachten, dass eine Zeitung völlig unkritisch der anderen nachplappert.
Dr.W.Drews 22.01.2015
2. Seltsam
Hochpolitische Diskussionen sind im Spiegel nicht erwünscht. Den Artikel "Schüler über Terror von Paris: "Die Sorge, dass es knallt" kann man nicht diskutieren. Wohl aber diesen eher unpolitischen Artikel. Kein Wunder, daß die Medien in Deutschland von jungen Menschen zunehmend als gesteuert empfunden werden.
besserwisser-ffm 22.01.2015
3.
Zitat von wernerwenzelals Typ ist er schon unwitzig, vergleichbar mit dem Alsmann. Seine Late Night war bis etwa 2000 auf einem sehr guten Weg etwas zu WERDEN, was aber nie richtig klappte. Ich habe ihn bis dahin regelmäßig und meistens gern gesehen. Ab 2000 etwa wurde er dann unendlich öde, kurioserweise aber von den Medien gehypt wie nix Gutes (nur vergleichbar mit dem extrem alternden Loddar damals). Ein dröger Speichellecker wie dieser Andraksch (oder wie der hiess) gab der Sendung dann endgültig den Rest. Der Todeskampf dauerte dann noch unendlich viele Jahre, und auch damals schon konnte man beobachten, dass eine Zeitung völlig unkritisch der anderen nachplappert.
Sie stellen Ihre Meinung als Wahrheit dar! Ich würde schon sehr gerne für mich beurteilen wollen, ob Schmidt witzig war oder nicht! Und Sie können sich vorstellen, dass mein Urteil anders als das Ihre ausfällt. Darüberhinaus lassen Sie sehr gut erkennen wes Geistes Kind Sie sind, wenn Sie Schmidt und Alzmann als unwitzig bezeichnen!
zeisig 22.01.2015
4. Schmid ist der Größte !
Ich vernmisse ihn sehr. Aber er hat sich ja selbst zu Grabe getragen. Ich glaube, er ist ein Masochist. Ein Mann seiner Intelligenz muß gewusst haben, daß eine Zusammenarbeit mit einem Nichtskönner wir Pocher unweigerlich das Ende bedeuten würde. Was ich noch fragen wollte: Wer ist bitte Alzmann? Ich habe diesen Namen noch nie gehört.
Walther Kempinski 22.01.2015
5. Schmidt ist witzig
Schmidt ist witzig und Stefan Raab nicht. Die Tatsache, dass Raab noch sendet und Schmidt ist einfach zu erklären. Das Publikum von Schmidt ist intellektueller. Raab geht mehr auf die Masse, mehr Kalauer und viel mehr auf Schadenfreude (so zynisch war Schmidt nie). Schmidt ist selten auf Schwächere losgegangen...seine Polen-Witze sind vor dem Hintergrund von Pegida und Legida heute noch geradezu niedlich. Sogar Marek Fis ist wesentlich härter sich selbst gegenüber.
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