Urteil zum Schwimmunterricht Auch Muslime müssen mitmachen

Schulfahrten, Sexualkunde und Schwimmunterricht bringen strenggläubige Muslime oft in Konflikt mit der Schulpflicht in Deutschland. Ein Düsseldorfer Gericht wies den Antrag von Eltern zurück, die ihrem Sohn den Anblick von Mitschülerinnen in Badeanzug oder Bikini ersparen wollten.


Kinder im Schwimmbad: Strenggläubige fürchten die Versuchung
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Kinder im Schwimmbad: Strenggläubige fürchten die Versuchung

Religiöse Bedenken der Eltern sind kein Grund, einen Schüler vom Schwimmunterricht fernzuhalten. Das entschied das Verwaltungsgericht Düsseldorf am Montag in einem bundesweiten Präzedenzfall (Aktenzeichen 18 K 74/05). Die islamischen Eltern des Elfjährigen hatten beantragt, den Schüler zu befreien, um ihm den Anblick leicht bekleideter Mädchen in Badeanzügen und Bikinis zu ersparen.

Dies ist nach Meinung der Eltern mit dem Koran und islamischen Werten nicht vereinbar. Im Schwimmbad könne ihr Sohn, der die fünfte Klasse einer Realschule in Wuppertal besucht, zudem die für islamische Jungen geltenden Bekleidungsvorschriften nicht einhalten.

Das Verwaltungsgericht wies die Klage auf Befreiung ab: Die religiösen Vorschriften, die der Teilnahme angeblich entgegenstehen, seien nicht nachvollziehbar. Es sei fragwürdig, ob das Schwimmen mit der Schulklasse überhaupt einen religiösen Gewissenskonflikt auslöse. "Es ist nicht unsere Aufgabe, die Auslegung des Koran zu hinterfragen", sagte der Vorsitzende Richter Uwe Sievers.

Leicht bekleidete Menschen überall

Ein muslimischer Junge sei im Sommer in Deutschland jederzeit an öffentlichen Plätzen, Wiesen und auf Werbeplakaten dem Anblick "locker bekleideter Leute ausgesetzt", so der Richter in der mündlichen Verhandlung.

Bei Abwägung widerstreitender Interessen habe der staatliche Bildungsauftrag Vorrang vor der Religionsfreiheit und dem elterlichen Erziehungsrecht, befanden die Richter in ihrer Urteilsbegründung. Die Teilnahme am Schwimmunterricht sei zumutbar.

Frau mit Kopftuch: Konflikt zwischen Religion und Schulpflicht
DDP

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Das Gericht schlug verschiedene Maßnahmen vor, wie der möglicherweise entstehende Gewissenskonflikt abgemildert werden könne, etwa durch das Tragen einer knielangen Badehose oder durch nach Geschlechtern getrennte Umkleiden. Außerdem verbleibt den Eltern nach Auslegung der Verwaltungsrichter ohnehin ein umfassender Einfluss auf ihr Kind.

Zu Konflikten zwischen Schulen und muslimischen Eltern über den Sport- und den Sexualkundeunterricht war es in der Vergangenheit immer wieder gekommen. Die Behörden in Berlin und anderen Städten mit einem hohen Einwandereranteil berichten von einer steigenden Zahl muslimischer Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Gründen vom Sport- und Biologieunterricht abmelden oder nicht an Klassenfahrten teilehmen lassen - laut Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ein "drängendes Problem".

Die Senatsverwaltung in Berlin verzeichnete im laufenden Schuljahr 68 Befreiungen vom Schwimmunterricht, davon 61 aus gesundheitlichen Gründen. Außerdem wurden 18 Anträge auf Befreiung vom Sexualkundeunterricht registriert, von denen aber nur dreien stattgegeben wurde.

Abstriche von der Weltanschauung

Ähnlich wie ihre Kollegen in Düsseldorf hatten im vergangenen Jahr Richter des Hamburger Verwaltungsgerichts entschieden. Sie lehnten das Ansinnen einer türkischen Mutter ab, ihre beiden 14 und 15 Jahre alten Töchter vom Sexualkundeunterricht freizustellen. Sexualität finde im Islam nur in der Ehe statt, vorher gebe es keinen Aufklärungsbedarf, so hatte die Mutter argumentiert.

Das Schulgesetz verpflichte alle Schüler zur Teilnahme am Biologieunterricht, befanden die Hamburger Richter, auch wenn Sexualkunde auf dem Stundenplan stehe. Die Eltern müssten dabei Abstriche "von einer absolut gesetzten Weltanschauung hinnehmen".

Biologieunterricht: die Teilnahme ist Pflicht
DDP

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Erst vor zwei Monaten hatte das Verwaltungsgericht Hamburg die Klage von pakistanischen Eltern zurückgewiesen, die ihre Tochter vom Schwimmunterricht befreien wollten.

Die Rechtsprechung war in der Vergangenheit allerdings nicht immer so eindeutig zugunsten der Schulpflicht und des staatlichen Bildungsauftrages ausgefallen: Im Fall einer türkischen Schülerin entschied das Bundesverwaltungsgericht im Jahr 1993, die Schulverwaltung sei für einen "schonenden Ausgleich beider Rechtspositionen" verpflichtet, "alle ihr zu Gebote stehenden, zumutbaren organisatorischen Möglichkeiten auszuschöpfen".

Eine Schülerin, die fürchtete, sie können auf einer Klassenreise den Geboten ihres Glaubens nicht nachkommen, bekam 2002 vorm Oberverwaltungsgericht Münster teilweise recht: "Es spricht Überwiegendes dafür, dass die geschilderten Zwänge und Ängste (...) bei der Antragstellerin bereits Krankheitswert erreichen, so dass sie (...) begründet verhindert ist, an der Klassenfahrt teilzunehmen."

Die Anwältin der Düsseldorfer Kläger machte ebenfalls geltend, dass muslimische Mädchen nach bundesdeutscher Rechtsprechung vom Schwimmunterricht befreit werden können. Es sei nicht einzusehen, warum dies Jungen verwehrt werde. Sie will nun prüfen, ob sie gegen die Entscheidung Rechtsmittel einlegt.

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