Protestmärsche in den USA Es reicht

Wütend, traurig, hoffnungsvoll - 800.000 Menschen sorgen mit ihrem Widerstand gegen Waffengewalt in Washington für historische Momente. Die Protestbewegung wird mit der des Vietnamkriegs verglichen. Ihre Botschaft ist deutlich.

ANDREW GOMBERT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Aus Washington berichtet


Die ganze Woche hat Sarah Fishman ihren dreieinhalbjährigen Sohn behutsam darauf vorbereitet, dass sie an diesem Samstag auf eine Demonstration gehen werden. Erst hat sie Orion erklärt, was Waffen sind. Dann, dass manche sie nutzen, um anderen Menschen wehzutun. Und dann, dass es viele tolle Kinder gibt, die daran jetzt etwas ändern wollen. Und dass sie diese Mädchen und Jungen unterstützen wollen.

Fotostrecke

20  Bilder
"March for our Lives": Wütend, traurig, hoffnungsvoll

Doch auf diesen Moment am Samstagnachmittag ist die junge Mutter nicht vorbereitet. Orion hat am Rande der Demonstration eine Fotokette entdeckt, die Dutzende Menschen hochhalten. Eingehend betrachtet er ein Foto nach dem anderen. Dann fragt er: "Mama, sind all diese Kinder erschossen worden?" "Ja", sagt Sarah Fishman mit Tränen in den Augen und denkt: "Und ich bin eine der Erwachsenen, die das zugelassen hat."

Sarah Fishman mit ihrem Sohn Orion Jessup
Lexey Swall

Sarah Fishman mit ihrem Sohn Orion Jessup

All diese Kinder, all diese Lehrer, all diese Leben, die viel zu früh und zu abrupt geendet sind. Auf jedem der mehr als 200 Blätter ist ein Foto zu sehen, darunter ein Name des Menschen und die Universität oder Schule, an der er gestorben ist. Die Reihe beginnt mit den Opfern des Texas Tower Shootings 1966 und endet mit Jaelynn Willey, die vergangenen Dienstag in Maryland angeschossen wurde und deren lebenserhaltende Maschinen am Donnerstag abgeschaltet wurden.

Und das sind noch nicht einmal alle Opfer von Schulmassakern: Laut "New York Times" sind allein seit dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown 2012 an mehr als 240 Schulen und Colleges Schüsse gefallen, 139 Menschen starben. Hinzu kommen noch all diejenigen, die durch die Schüsse verletzt wurden. Oder diejenigen, die Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Väter, Mütter, Freunde oder Bekannte verloren haben.

©2018 Lexey Swall

Einige dieser Überlebenden stehen an diesem Samstag auf der großen Bühne vor dem Kapitol in Washington. Edna Chavez erinnert hier an ihren Bruder Ricardo, der 2007 erschossen wurde. Zion Kelly an seinen Zwillingsbruder Zaire, der vergangenes Jahr starb. Matthew Soto an seine Schwester Victoria, die vor fünf Jahren mit ihren Schülern an der Sandy Hook Grundschule Lebkuchenhäuser backen wollte und stattdessen erschossen wurde.

Es tut weh, all diese Geschichten zu hören. Im Publikum stehen Mütter und Söhne Arm in Arm, Mitschüler spenden einander Trost, Fremde fragen Fremde, ob sie irgendwas für sie tun können. Als ein Redner fragt, wer im Publikum Freunde oder Verwandte durch Schusswaffen verloren hat, gehen viele Hände nach oben.

Lexey Swall

Die Jüngeren teilen eine weitere Erfahrung: Für sie, die nach dem Amoklauf von Columbine 1999 zur Schule gegangen sind, sind Übungen zu Amokläufen Alltag. Sie alle wissen in der Theorie, wie sie sich im Ernstfall verhalten sollen. Und der Amoklauf in Parkland hat den Schülern gezeigt, dass es jederzeit dazu kommen könnte. Mal wieder.

Wohl auch weil diese Erfahrung mittlerweile mindestens eine ganze Generation prägt, sind so viele nach Washington gekommen. Die Veranstalter legen sich Stunden nach Beginn der Veranstaltung fest: 800.000 Menschen sollen zwischen Kapitol und Weißem Haus stehen. Längst wird der Protest mit dem Widerstand im Vietnamkrieg verglichen. Und zahlenmäßig würde er damit einen Rekord in der Geschichte der Demonstrationen in der US-Hauptstadt aufstellen. Wohl auch deshalb gibt es neben all der Trauer und Wut auch Optimismus und die Hoffnung, dass sich nun endlich etwas ändern könnte.

Idealistisch und realistisch

Es sind nicht nur junge Menschen, die ihre Plakate in die Höhe halten. Viele Lehrer, Eltern und Großeltern sind gekommen. Einer von ihnen ist John Adams, "bis vor sechs Monaten lebenslanger Republikaner" und Waffenbesitzer. Dass er einmal auf einer Großdemonstration in Washington fordern würde, dass der republikanische Präsident abgewählt und die Waffengesetze geändert werden, wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Doch die Zeiten haben sich geändert und er seine Werte und Überzeugen überdacht, erzählt der 78-Jährige. Als seine Enkelin Olivia Dotson ihn fragte, ob sie zusammen von Iowa nach Washington fahren wollen, um Teil des historischen Protests zu werden, zögerte er nicht.

Olivia Dotson und ihr Großvater John Adams, 78
Lexey Swall

Olivia Dotson und ihr Großvater John Adams, 78

Wie so viele andere Erwachsene ist auch er beeindruckt davon, was den Jugendlichen hier binnen so kurzer Zeit gelungen ist. Mit finanzieller Unterstützung haben die Überlebenden von Parkland den Moment des Entsetzens in eine Bewegung verwandelt, die längst das ganze Land erfasst hat. Sie nutzen soziale Medien ganz selbstverständlich, stellen Politiker zur Rede und haben dafür gesorgt, dass die mächtige Waffenlobby NRA an Rückhalt in der Bevölkerung eingebüßt hat. Stattdessen steigt die Zustimmung für strengere Waffengesetze und verpflichtende Backgroundchecks beim Waffenkauf.

Die Jugendlichen sind realistisch genug zu wissen, dass es dennoch dauern wird, bis ihre Ziele erreicht sind - und dass nicht alle dieselben Ziele haben. Manche wollen alle Waffen abschaffen, manche vor allem halbautomatische verbieten, manche halten bewaffnete Lehrer an Schulen für eine gute Idee, andere für die schlechteste seit Langem; die meisten sind für verpflichtende Backgroundchecks und dass Waffen nur an über 21-Jährige verkauft werden dürfen.

Fotostrecke

6  Bilder
Die Gesichter des Waffenprotests: "Ich gebe nicht auf, bis sich etwas tut"

Aber alle stimmen mit der Botschaft der Redner überein: "Enough is enough." An keiner anderen Schule soll sich wiederholen können, was an der Sandy-Hook-Grundschule und der Marjory Stoneman Douglas High School passiert ist. "Schon Sandy Hook hätte der letzte Amoklauf an einer Schule sein müssen" - der Vorwurf geht an die Älteren, die Politiker.

Quälende Stille

Von denen haben die meisten Washington längst in die Osterferien verlassen, bevor die Demonstranten überhaupt dort ankamen. Selbst Präsident Donald Trump - übers Wochenende in Florida - äußert sich an diesem Samstag nicht zu dem Marsch. Doch auf Dauer sollen sie die Bewegung nicht mehr ignorieren können. Bei den Kongresswahlen im November - so die Hoffnung der Organisatoren - könnten deutlich mehr junge Menschen als sonst teilnehmen.

Als eine der Letzten betritt Emma González die Bühne, die nach dem Massaker in Parkland zum Gesicht des Protests gegen die Waffengewalt und für eine Reform der Waffengesetze geworden ist. Mit großen Schritten geht sie ans Mikrofon. Und was folgt, sind vielleicht die schwersten Minuten des Tages: Knapp sechseinhalb Minuten lang steht die 18-Jährige auf der Bühne - so lange, wie der Amokläufer an ihrer Schule um sich schoss und 17 Menschen tötete.

Emma schweigt minutenlang, Tränen fließen ihr über die Wangen. Die 800.000 Menschen, die vor ihr auf der Straße stehen, verstummen und sind gezwungen, die Stille auszuhalten. "Das ist die Zeit, die der Killer brauchte", sagt sie, als sechs Minuten und 20 Sekunden verstrichen sind. Dann verabschiedet sie sich eindringlich: "Kämpft für euer Leben, bevor es jemand anderes tun muss."

insgesamt 84 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
die Stechmücke 25.03.2018
1. Die geballte Kraft der Demokratie
in den USA sahen wir in "Marche for our Lives"! Diese Kraft ist stärker als die Hardliner Riege von Donald Trump. Außerdem sind das alles zukünftige Wähler. Defaitismus und Furcht vor diesem Populisten sollte man nicht auf die Spitze treiben. Hier ein Zitat aus der chinesischen Philosophie: Machtlos stehen sie da, denn die Blätter der Bäume fallen nieder.
ruhepuls 25.03.2018
2. Waffen alleine sind nicht das Problem
Waffen tragen zum Problem bei, das ist schon richtig. Aber das eigentliche Problem ist die Haltung, die hinter den Amokläufen steht. Das waren ja keine verarmten Underdogs, die hier herumballerten. Das waren Jugendliche aus der Mittelklasse, die sich für Verletzungen oder Ablehnungen rächten. Und dahinter steht auch die "Ich nehme das Recht in meine eigenen Hände"-Mentalität als Rambo. Die Idealisierung des Pioniers, der mit der Waffe in der Hand das Land "zivilisiert" (manifest destiny) spielt auch noch rein. Solange die USA weiterhin ihre Vergangenheit glorifiziert, schafft sich auch weiter den Geist, aus dem solche Taten entstehen. Ich bin kein Feind der Amerikaner (ich habe Verwandte und Freunde "drüben") und Europa verdankt den Amerikanern viel (ohne das Vorbild der Amerikaner hätte es die Revolutionen in Europa vermutlich nicht gegeben und wir würden noch heute dem Kaiser huldigen...). Aber so wie die Deutschen nach dem Krieg sich ihre Herrenmenschen-Attitüde abgewöhnen mussten, wäre es notwendig, dass auch die Amerikaner einmal in den Spiegel schauen. Stichworte: Nahezu-Ausrottung der Urbevölkerung, Sklaverei - und immer noch Rassismus (allerdings auf allen Seiten...). Auch das ist Amerika...
Actionscript 25.03.2018
3. Von der Waffenlobby kommen jetzt wieder...
...alle möglichen Argumente gegen die Anti Schusswaffen Bewegung. Doch es gibt nur ein Argument und das ist die Statistik. In den Ländern, wo Schusswaffen nicht so ohne Weiteres zu beschaffen sind, gibt es eine viel kleinere Zahl von Toten durch Schusswaffen mit Japan fast Null. Und das Argument, dass es zu viele Schusswaffen gibt und es zwecklos ist, ist Unsinn. Australien ist ein Argument dagegen. Es ist nur eine Frage der Zeit, besonders dann, wenn der Besitz von Schusswaffen kriminalisiert wird. In Sacramento haben heute viele freiwillig ihre Schusswaffen bei der Polizei abgegeben, und das wird weiter gehen.
rösti 25.03.2018
4. Ja
Das Böse wird fallen und das Gute wird siegen! Auf Dauer wird, wenn sich die Bewegung in die Gehirne der Bevölkerung eingebrannt hat, die USA verändern! Jedem ist bewusst, das ist der letzte Kampf gegen die Waffen Lobby. Diese Chance bekommen die Waffengegner nicht mehr, Kinder mit Eltern und Großeltern ,weiß und schwarz zusammen für eine Sache.....! Dass muss einfach eine Änderung bewirken und Trump wachrütteln und Ihm zeigen --- Achtung hier kommt was.......es sind keine Bauern, keine Stahlarbeiter sondern die Kinder der Nation!
noch_ein_forenposter 25.03.2018
5. Ich finde das klasse!
Meinen tiefsten Respekt vor den jungen und alten Menschen, die in den USA gegen Waffenbesitz demonstrieren. Ich bin auch dafür, dass Waffenbesitz in Deutschland außerhalb beruflicher Gründe wie z.B. Jäger, Polizisten o.Ä. komplett verboten wird. Derartige Tötungsmittel gehören nicht in die Hände "normaler" Bürger.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.