Anti-Waffen-Proteste in Washington Sechs Minuten und 20 Sekunden Stille

Es sind die größten Anti-Waffen-Proteste in den USA seit Jahrzehnten: Unter dem Titel "Marsch für unsere Leben" demonstrierten vor allem Schüler in Washington und anderen Städten im ganzen Land für schärfere Gesetze.

Emma González, Überlebende des Amoklaufs von Parkland
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Emma González, Überlebende des Amoklaufs von Parkland


Mehr als einen Monat nach dem Schulmassaker von Parkland mit 17 Toten ist es in den USA landesweit zu Protesten gegen Waffengewalt gekommen. Allein in Washington versammelten sich Hunderttausend überwiegend junge Leute zu einem "Marsch für unsere Leben".

Große Kundgebungen fanden auch in Chicago, Boston, Philadelphia, Miami, Minneapolis, Houston, Los Angeles sowie in New York statt. Protestler vor dem Trump-Tower hielten selbst gemalte Schilder mit Parolen wie "Wenn unsere Führer sich wie Kinder verhalten, müssen Kinder führen" hoch.

Organisiert wurde die Veranstaltung in der US-Hauptstadt von Schülern der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland in Florida. Dort hatte ein 19-Jähriger am 14. Februar 14 Jugendliche und drei Erwachsene erschossen. Seitdem haben überlebende Schüler eine Protestaktion gegen Waffengewalt und für striktere US-Waffengesetze gestartet, die mittlerweile zu einer Bewegung mit landesweiten Protesten geworden ist. Auch viele Eltern schlossen sich an.

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Landesweiter Protest in den USA: Die Wut auf Waffen

Überlebende des Amoklaufs ergreifen das Wort

Einige der Überlebenden richteten während der Veranstaltung das Wort an die Demonstranten. Emma González, ebenfalls Schülerin der Stoneman Douglas High School, stand schweigend vor den Menschenmassen auf der Bühne. Sechs Minuten und 20 Sekunden blieb sie still - so lange habe es gedauert, bis der Amokläufer 17 Menschen an ihrer Schule getötet hatte, sagte sie dann. González gehört zu der Gruppe von Schülern, die nach der Bluttat zu Protesten aufgerufen hatte.

Auch bekannte Persönlichkeiten nahmen an den Demonstrationen teil. Sänger Paul McCartney lief bei einer Demonstration in New York nahe des Central Parks mit. Er sagte, er sei persönlich von der Debatte um Waffengesetze betroffen. "Einer meiner besten Freunde ist nicht weit von hier erschossen worden", sagte McCartney dem Fernsehsender CNN. Damit bezog er sich auf seinen Beatles-Bandkollegen John Lennon, der 1980 in der Nähe des Parks erschossen worden war.

Demos auch außerhalb der USA

In Parkland selber versammelten sich am Samstag ebenfalls Tausende zu einer Kundgebung. "Und das ist erst der Anfang", sagte Adam Buchwald, einer der überlebenden Schüler, vor der Menschenmenge.

Insgesamt waren den Organisatoren zufolge mehr als 800 Demonstrationen in den USA und weltweit geplant. Fotos von Solidaritätskundgebungen in Nordirland, auf Mauritius und in Schweden machten auf Twitter die Runde. Auch in Paris und London sowie in mehreren deutschen Städten gab es Demonstrationen - darunter in München und Berlin.

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Die Gesichter des Waffenprotests: "Ich gebe nicht auf, bis sich etwas tut"

In der bayerischen Landeshauptstadt nahmen nach Angaben der Veranstalter rund 300 Menschen an dem Protestmarsch teil, der auch am US-Konsulat vorbeiführte. In Berlin kamen Schätzungen von Reuters-Journalisten zufolge ebenfalls bis zu 300 Menschen zusammen.

Trump war lieber in Mar-a-Lago

US-Präsident Donald Trumphielt sich weder in Washington noch in New York auf. Er verbrachte das Wochenende auf seinem privaten Luxusanwesen Mar-a-Lago in Florida. Das Weiße Haus veröffentlichte jedoch eine Erklärung, in der es hieß: "Wir applaudieren den vielen mutigen jungen Amerikanern, die heute ihr Verfassungsrecht nach Artikel 1 (Recht auf freie Meinungsäußerung) ausüben. Unsere Kinder zu schützen ist eine Top-Priorität des Präsidenten (...)."

mho/ans/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 50 Beiträge
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Leonia Bavariensis 24.03.2018
1. Beeindruckend
Die klar formulierten Forderungen der jungen Menschen von 9 bis 19 Jahren auf dieser Bühne vor Hunderttausenden von Menschen waren wahrlich beeindruckend. Da wächst eine Generation heran, auf die man große Hoffnungen setzen kann! Ein Lichtblick in diesen trüben Zeiten!
glise 24.03.2018
2.
Die Waffen sind doch gar nicht die Ursache. Sicher mit entsprechenden Verboten kann man vielleicht einige Gewalttaten verhindern, aber die Kernprobleme werden damit sicher nicht beseitigt, die da wären Armut, Ungerechtigkeit, Manipulation, Ausgrenzung usw... Jemand der zu so einer Tat fähig ist, wird Mittel und Wege finden, auch ohne Schußwaffen. Das Recht auf Waffenbesitz wurde in den Bill of Rights unter anderem auch zum Schutz des Volkes vor staatlicher Willkür eingeführt.
fliffis 24.03.2018
3. bewegend
Ich habe mir einen Teil des Livestreams angesehen. Ja, etwas amerikanisch-dramatisch. Nichtsdestrotrotz ganz hervorragend, was diese Jugendlichen (natürlich nicht alleine) auf die Beine gestellt haben. Alleine die Massen an Menschen, sehr viele Jugendliche, die dort zusammengekommen sind. Ich erinnere mich noch an die Reaktionen in vielen Foren nach dem Amoklauf. Als diese Emma Gonzales ihren ersten Auftritt vor den Bürgern ihrer Stadt hatte: "nette Sache, mehr nicht", "wird sich im Sand verlaufen", "regional und zeitlich begrenzter Aktionismus" und Ähnliches. Nun sind sie in einem Monat schon bis Washington gekommen, ergänzt durch parallele Veranstaltungen über die Staaten verteilt; viele auch einflussreiche Menschen unterstützen das Ganze, und es hört sich nicht so an, als wenn das nun aufhört. Ja, die großen Kundgebungen wird es nicht geben. Aber man liest sehr viel von den Teilnehmern (die oft noch nicht wählen dürfen): "bald werden wir wählen dürfen und dann haben wir Einfluss" (31 Mio junge Menschen in den USA habe ich irgendwo zwischendurch im Stream aufgeschnappt, vergessen, welche Altersspanne die Zahl umfasst). Oder auch "unsere Generation wird irgendwann auch im Senat und dem Repräsentantenhaus sitzen". Schade, dass solche traurigen Anlässe wie Amokläufe erst die Menschen zum Agieren bringt. Aber gut, dass solche Anlässe das bewirken können.
klausi_maiermüller 24.03.2018
4. Endlich haben die USA wieder etwas auf das sie stolz sein können
... DIESE Jugend! Das ist Hoffnung für uns alle - nicht nur für die Waffengesetze der USA. Es könnte sogar Vorbild für unsere Jugend sein - nicht nur für unsere Rüstungsgeschäfte..
hintzeprof 24.03.2018
5. Wie süß...
...sind doch diese jungen Amerikaner! Die glauben offenbar wirklich noch an die Möglichkeit einer Veränderung?! Sollte in drei Monaten ein Verbot der Schnellfeuervorrichtungen wirksam werden, wird die Waffenindustrie bis dahin einen Milliardenumsatz gemacht haben. Die Produktion läuft jedenfalls auf Hochtouren. Und dann gilt noch mehr als jetzt: Das Problem sind nicht die Waffengesetze, das Problem sind die vorhandenen Waffen. Wenn es in der Zukunft weniger Bluttaten geben soll, müssen sich Millionen Amerikaner entwaffnen lassen. Das wird aber nicht geschehen, weil das kollektive Unbewusste immer noch voll berechtigter Angst vor der Rache der Rothäute und der Schwarzen ist, ganz zu schweigen von kriminellen Einwanderern, die kommen, um die USA zu zerstören. Und was haben Waffen eigentlich mit Stahl zu tun? Das Schöne an der US-amerikanischen Demokratie ist doch, dass sie absolut frei von Korruption ist. Das liegt einfach daran, dass man sich für einen Wahlkampf völlig legal von wem auch immer finanzieren lassen darf. Und? Ist das dann keine Korruption? Liebe amerikanische Freunde, ihr dürft natürlich machen, was ihr wollt. Ihr seid aber kein Vorbild in Sachen Demokratie mehr. Das ist vorbei. Das ist auch okay. Das Leben geht weiter. Entwickelt euch weiter!
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