Maßstabsgetreue Kontinente US-Schüler lernen mit neuer Weltkarte

Europa und die USA schrumpfen, Indien und Australien wachsen: Die Bostoner Schulbehörde will Kindern zeigen, wie die Welt wirklich aussieht - und verabschiedet sich von der Standardweltkarte.

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Seit mehr als 500 Jahren bestimmt ein Belgier unsere Weltsicht. Flugkapitäne, Nautiker und Schüler auf der ganzen Welt beugen sich über Karten, die auf Gerhard Mercator zurückgehen. Jeder Atlas, jede GPS-gesteuerte Navigation, jede Google-Maps-Karte beruht im Prinzip auf seiner Projektion des Erdballs.

Mercator war der Erste, dem es mit geometrischer Präzision gelang, die gekrümmte Erdoberfläche als ebene Karte darzustellen. Ein Unterfangen, das in etwa so ist, als würde man eine Apfelsine schälen und die Schale dann flach auf den Tisch pressen.

Ohne Brüche und Verzerrungen ist die Sache unmöglich. Mercator fand eine ebenso geniale wie einfache Lösung: Er zog die Längengrade der Erde an den Polen wie Kaugummi auseinander, bis sie allesamt zueinander parallel verliefen. Rechtwinklig dazu zeichnete er anschließend die Breitengrade ein. Deren Abstand zueinander ließ er zu den Polen hin anwachsen, den Norden und den Süden blähte er auf.

So erscheint Grönland etwa gleich groß wie Afrika, obwohl der afrikanische Kontinent in Wahrheit gut 14-mal größer ist. Schweden wirkt dreimal so groß wie Indien, dabei weist es nur ein Siebtel von dessen Landfläche auf.

In öffentlichen Schulen in Boston wird deshalb neuerdings eine andere, maßstabsgetreuere Weltkarte verwendet: Im Vergleich zur Mercator-Karte sind die USA und Europa darauf geschrumpft, Afrika und Lateinamerika schmaler, aber länger. Und Deutschland liegt nicht mehr in der Mitte der Karte, sondern im Norden.

"Die Mercator-Projektion zeigt Europa als Zentrum der Welt", sagt Colin Rose, der bei der Bostoner Schulbehörde für das Pilotprojekt zuständig ist. Mit den neuen Weltkarten wolle man "den Lehrplan entkolonialisieren" und nicht mehr nur die "weiße Sicht der Geschichte" zeigen.

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Streit um Weltkarten: Das Runde muss aufs Flache

Die Weltkarte, die nun in Boston zum Einsatz kommt, geht auf den Bremer Historiker und Hobby-Kartograf Arno Peters zurück. Er versuchte in den Siebzigerjahren, Mercators Verzerrung mit seiner "Peters-Projektion" auszugleichen. Anders als Mercator ließ er die Abstände zwischen den Breitengraden zum Äquator hin anwachsen.

Als er seine Karte 1973 der Öffentlichkeit präsentierte, urteilte die Deutsche Gesellschaft für Kartografie, sie zeige "groteske Deformierungen der einzelnen Erdteile" und die Kontinente sähen aus, "als wären sie aus zerlaufenem Soft-Eis". Trotzdem konnte Peters Kirchen und Uno-Organisationen für seine Karte begeistern und auch ein Atlas wurde gedruckt.

An vermeintlich gerechteren Weltkarten versuchen sich Kartografen und Designer immer wieder. Erst vor wenigen Monaten bekam ein Japaner einen begehrten Designpreis für seine Version der Kontinente:

In Boston bekommen die Schüler im Unterricht nun die Kartenversionen von Mercator und Peters vorgelegt. Die ersten Reaktionen seien erstaunlich gewesen, sagt eine Lehrerin. "Es war spannend zu sehen, wie die Schüler plötzlich infrage gestellt haben, was sie bisher zu wissen glaubten."

vet



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insgesamt 115 Beiträge
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lachender lemur 20.03.2017
1. Kolonialzeit my ass
Nun, da ersetzen sie eine winkeltreue Projektion mit falschen Flächen durch eine flächentreue mit falschen Winkeln, und meinen, damit die Kulturgeschichte voranzubringen. Das ist lächerlich. Die Lösung ist der Gebrauch eines Globus, wie ja im Foto suggestiv nahegelegt wird. Ganz einfach. Man muss nicht hinter allem und jedem Diskriminierung wittern, bloss weil es existiert und weil Diskriminierung ja nun mal eben auch existiert... was fuer eine Voodoo-Logik! Deutschland liegt uebrigens auf keiner der genannten Karten automatisch in der Mitte. Keine Ahnung wo der Autor das hernimmt...
der_rookie 20.03.2017
2. Wie die Welt richtig ist zeigt der Globus - und nur dieser
Die Schulbehörde scheint auch nicht sehr intelligent zu sein. Eine zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Realität funktioniert nie perfekt. Es gibt die alte Regel wonach jegliche Projektion nur 2 von 3 Bedingungen erfüllen kann - Flächengetreu - Abstandsgetreu - Winkelgetreu Wenn man den Schülern die Wahrheit erklären will, dann sollte eine Schule erst einmal einen Globus benutzen. Dann kann man im Vergleich dazu die Fehler jeglicher Projektion zeigen. Zwei verschiedene Projektionen zu zeigen mag dann durchaus hilfreich sein.
Erkläromat 20.03.2017
3. Vielleicht sollten amerikanische Schulen über den Kauf eines Globus nachdenken
Damit sieht man hervorragend, wie groß welche Kontinente sind. Auf die "Projektion" von Peters zurückzugreifen, ist jedenfalls kompletter Schwachsinn. Wenn es wirklich um die Flächentreue geht, eignet sich beispielsweise Mollweide besser. Und Peters als Kartographen zu bezeichnen, halte ich (auch wenn es so in der Wikipedia steht) für gewagt. Nicht jeder, der eine Karte malt, ist ein Kartograph. Erst recht nicht, wenn das aus einer politisch verschwurbelten Motivation heraus geschieht, wie bei Peters (dessen Entwurf auch gar nicht seiner war).
dr.u. 20.03.2017
4. Keine Verzerrung?
"Ohne Brüche und Verzerrungen schien die Sache unmöglich. Doch Mercator fand eine ebenso geniale wie einfache Lösung: Er zog die Längengrade der Erde an den Polen wie Kaugummi auseinander, bis sie allesamt zueinander parallel verliefen. " Was bitte schön ist dss anderes, als eine Verzerrung? Man kann keine Kugeloberfläche verzerrungsfrei auf eine planare Fläche projezieren!
Olaf 20.03.2017
5.
Peters war kein Kartograph, sondern Historiker. Sein Entwurf wurde von Kartographen kritisiert weil er Fehler enthielt. Die einzige, unverzerrte Darstellung der Erde die es gibt, ist ein Globus. Alles andere sind Projektionen der Kugel auf eine Fläche mit entsprechenden Verzerrungen. Auch Peters Projektion bildet daher nicht die wahren Verhältnisse ab. Sollte sie auch nicht, denn sie ist eine rein politische Karte und dient, anders als die Mercator Projektion, keinem praktischen Zweck.
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