Urteil Schüleraustausch auf US-Militärbasis ist zumutbar

Abgeschirmt auf einer Militärbasis? So wollte ein deutscher Schüler nicht sein Austauschjahr in den USA verbringen - und blieb lieber zu Hause. Seine Eltern müssen trotzdem zahlen.

Luftwaffenbasis Fairchild in den USA
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Luftwaffenbasis Fairchild in den USA


Ein Austauschjahr in den USA ist auch zumutbar, wenn die Gastfamilie auf einer zugangsbeschränkten Militärbasis lebt. Die Lagerung von Atomwaffen, ein Amoklauf und ein Flugzeugabsturz seien kein Indiz dafür, dass der Aufenthalt dort besonders gefährlich sei. Das urteilte am Montag das Landgericht Düsseldorf (Aktenzeichen.: 22 O 2/17).

Damit hat der klagende Vater laut Gericht keinen Anspruch darauf, von dem Vertrag mit der Vermittlungsagentur zurückzutreten, bei der er das Austauschjahr für seinen Sohn gebucht hatte. Schon zu Beginn der Verhandlung hatte einer der Richter der Klage wenig Aussicht auf Erfolg eingeräumt.

Die Agentur hatte dem Schüler aus Ingolstadt eine Gastfamilie in den USA vermittelt. Doch als der 2016 erfuhr, dass die Familie auf der Militärbasis Fairchild in Spokane im US-Bundesstat Washington lebte, wollte der Schüler auf die Gastfreundschaft verzichten. Auch eine Alternative der Vermittlungsagentur lehnte er ab.

Denn der Schüler fand heraus, dass die Militärbasis bis 1990 Lagerort von Atomsprengköpfen war. Im Juni 1994 hatte es dort zudem einen Amoklauf mit vier Toten und 22 Verletzten gegeben. Vier Tage später kam es auch noch zu einem Flugzeugabsturz während einer Flugshow, bei dem ebenfalls vier Menschen starben. Seit August 2016 kann die Militärbasis nur noch mit Berechtigungsausweis betreten werden.

"Familie mittlerer Art und Güte"

Die Menschen dort seien immer noch traumatisiert, behauptete der Anwalt des Klägers. Von der Vermittlungsagentur verlangte der Vater den vollen Reisepreis in Höhe von 13.275 Euro. Die Agentur erstattete jedoch nur rund 50 Prozent der Summe.

Den vollen Preis können Vater und Sohn auch nicht zurückverlangen, urteilte nun das Landgericht Düsseldorf. Denn die Vertragskündigung sei unwirksam. Demnach durfte die Vermittlungsagentur den Gastschüler auch zu Gastfamilien vermitteln, die in den USA auf einer Militärbasis leben.

Nach den gesetzlichen Bestimmungen müsse die Gastfamilie für eine nach dortigen Verhältnissen angemessene Unterbringung, Beaufsichtigung und Betreuung des Gastschülers geeignet sein. Der Schüler solle damit gewissermaßen in einer Familie "mittlerer Art und Güte" untergebracht werden.

Auf den Beruf komme es nicht an

Dass die Gastmutter als Mitarbeiterin der Krankenhausverwaltung Militärangehörige ist und Uniform trage, mache die Familie als Gastfamilie nicht ungeeignet, befanden die Düsseldorfer Richter. Denn auf den Beruf der Gasteltern komme es nicht an.

Auch dass der Schüler auf einer zugangsbeschränkten Militärbasis leben sollte, sei nicht ungewöhnlich, da in den USA viele Menschen in sogenannten Gated Communities lebten. Dass er dadurch keine spontanen Besuche von Mitschülern erhalten könnte, sei dem Sohn zuzumuten.

lov/jur



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
rainer_d 05.03.2018
1.
Sorry, aber wie kann man einfach zu Hause bleiben, statt dass man zumindest mal hin fährt und sich die Geschichte anschaut? Wär' ihm eine Vorstadtsiedlung im Bible-Belt lieber gewesen, wo er 3x die Woche zur Kirche mit muss? Das Vorhandensein von Atomwaffen wäre für mich sogar ein Pluspunkt. Damit wird die Basis zum Primärziel und im Falle eines Angriffs gibt's einen kurzen Blitz und das war es dann.
Peter Meyer01 05.03.2018
2. Alleine schon
"Auch eine Alternative der Vermittlungsagentur lehnte er ab." Damit hatten die Leute schon verloren.
Havel Pavel 05.03.2018
3. Das ist doch wohl eher ein Sicherheitsvorteil!
Für mich würde eher andersherum ein Schuh daraus. In einer solchen abgeriegelten Wohngebiet kann man sich doch eher besonders sicher fühlen, weil hier strenge Zugangskontrollen bestehen. Ich selber erlebte so etwas ähnliches vor vielen Jahren mal in Manila, als ich dort eine recht wohlhabende Familie besuchte, die zwar in keinem militärisch, sondern privat abgeriegelten Territorium wohnten. An der Einfahrt befanden sich Schlagbäume und Sicherheitspersonal bei dem man sich anzumelden hatte und das Ziel angeben musste. Nachdem von der zu besuchenden Familie die Bestätigung erfolgte, dass alles seine Richtigkeit hat konnte ich passieren. Der Taxifahrer musste zur Sicherheit am Kontrollpunkt seinen Ausweis zurücklassen, wohl als Sicherheit, dass es wieder zeitnah das Gebiet verlässt. Ansonsten gab es niemals irgendwelche Schwierigkeiten dadurch, sondern im Gegenteil fühlte man sich innerhalb dieser abgeriegelten Ära wesentlich sicherer und unbeschwerter als ausserhalb dieses Gebietes wo man stets auf der Hut sein musste. Was den jungen Mann geritten hat um derart ängstlich wegen des Besuchs auf einem US Militärgelande zu reagieren erschliesst sich mir nicht.
klausm0762 05.03.2018
4.
Da hat mein Vorredner Recht, ausserdem gibt es in einer Militärbasis quasi keine Drive-By-Shootings.
peter.braun1@gmx.ch 05.03.2018
5. Ein Amoklauf ... vor 24 Jahren...?
Ach du meine Güte, die deutsche Betulichkeit. Eine spannendere Umgebung für ein Austauschjahr gibt's wohl kaum. Übrigens, in Europa fand mal ein Weltkrieg statt. Kann man da noch leben...!?
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