Vegane Kita in Frankfurt Hilfe, jetzt kommen die Extremisteneltern

In Frankfurt eröffnet in dieser Woche eine vegane Kita: Auf Elternwunsch bekommen die Kleinkinder dort nur pflanzliche Lebensmittel. Ein dogmatischer Sündenfall, findet unser Autor.

Kinder mit Obst
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Kinder mit Obst

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Helikoptereltern sind schlimm. Es nervt, wenn sie ihr Schatzilein mit der 200-PS-Familienkutsche direkt bis zum Stuhlkreis in die Kita-Gruppe bringen, den Erzieherinnen Vorschriften in Hinblick auf Stuhlgang, Mittagsschlaf und Verhaltensbesonderheiten der lieben Kleinen machen und auf Elternabenden durchblicken lassen, dass sie selbstverständlich eine um Längen ausgeprägtere pädagogische Fachkompetenz als das professionelle Personal haben.

Noch mehr allerdings nerven Extremisteneltern. Das sind Helikoptereltern, die die übergriffige Behütung ihrer Kinder zusätzlich noch aus einer dogmatischen Grundhaltung herleiten. Die also mit radikaler Konsequenz ihr Leben nach unumstößlichen Regeln ausrichten und auf diesem Weg, wenn möglich, ihr gesamtes Umfeld missionieren und mitnehmen wollen - ohne Rücksicht auf Verluste. Salafisteneltern gehören zu dieser Gruppe oder christlich-radikale Väter und Mütter wie in der evangelischen Sekte "Zwölf Stämme", die ihre Kinder dem staatlichen Schulsystem entzogen und auf Prügelstrafe und Demütigung gesetzt haben.

Zur Aufnahme in den Kreis solcher Extremisteneltern bewirbt sich jetzt eine neue Gruppe: vegan lebende Eltern, die Anfang August in Frankfurt am Main und im Herbst in München im Rahmen von Elterninitiativen neue vegane Kitas eröffnen. Milch, Eier, Käse, Honig? Gibt es für die Kinder in diesen Einrichtungen nicht, schließlich werden alle tierischen Produkte konsequent abgelehnt. Stattdessen kommt nur rein pflanzliche Nahrung auf den Tisch.

Wie Erwachsene sich ernähren, dafür sind sie natürlich selbst verantwortlich. Wie Kinder ernährt werden, dafür tragen ihre Eltern und - ersatzweise - die Erzieherinnen in der Kita die Verantwortung. Angesichts der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) klingt der Plan, vegane Kitas einzurichten, geradezu unverantwortlich.

"Risiko schwerer neurologischer Störungen"

"Bei einer veganen Ernährung kann es aufgrund des Verzichts auf jegliche tierische Lebensmittel zu einer Unterversorgung mit Energie, Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B2, Vitamin B12 und Vitamin D kommen", schreibt die DGE, "das Risiko für die Entwicklung von Nährstoffmangelzuständen bei veganer bzw. makrobiotischer Ernährung betrifft aufgrund des hohen Anspruchs an die Nährstoffdichte während des Wachstums bzw. wegen der geringeren Nährstoffspeicher vor allem Säuglinge, Kleinkinder und Kinder."

Wenn stillende Mütter sich vegan oder makrobiotisch ernähren und keine zusätzlichen Nährstoffe einnehmen, besteht demnach "das Risiko schwerer neurologischer Störungen und Entwicklungsverzögerungen für das Kind. Das Risiko ist weiterhin erhöht, wenn die Ernährung beim Kleinkind ohne tierische Lebensmittel fortgeführt wird." Klare Empfehlung der Ernährungswissenschaftler deshalb: Kleinkinder und Kinder sollten nicht vegan ernährt werden - ein Rat, den auch die European Society of Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) gibt.

Leider ist es fraglich, ob diese Hinweise von den dogmatisch denkenden Eltern überhaupt gehört werden. Sie verweisen auf die theoretische Möglichkeit, die fehlenden Nährstoffe und Spurenelemente durch Nahrungsergänzungsmittel auszugleichen und auf Studien, nach denen Veganer angeblich ohnehin besser informiert sind, sich bewusster ernähren und damit den eigenen Kindern durch den Zwang zum Veganertum sogar gesundheitliche Vorteile verschaffen könnten.

Absurdes von Helikopter-Eltern: "Sie haben jeden Tag an der Kita-Tür gelauscht"

Es ist halt wie immer: Zitiert werden die Studien, die in den eigenen Kram passen - und beispielsweise nicht die Forschungsergebnisse zu Kindern bis zum Alter von zehn Jahren in den Niederlanden, bei denen nach makrobiotischer Ernährung vor allem im Alter zwischen vier und 18 Monaten ein zurückgebliebenes Wachstum diagnostiziert wurde. Dass trotz solcher Risiken die Stadt Frankfurt eine Betriebserlaubnis für die neue Kita erteilt hat, stimmt nachdenklich.

Aber wo wir schon dabei sind, jeder Glaubensrichtung in der Gesellschaft eigene Kitas zu spendieren: Wie wäre es mit einer Kita, in die nur ungeimpfte Kinder aufgenommen werden? Dann können die lieben Kleinen von Anfang an mit der richtigen kritischen Haltung gegenüber der bösen Impfindustrie aufwachsen. Wenn ein Kind erkrankt, könnten die Erzieherinnen dann ja eine Hexe verbrennen, um das Unheil abzuwenden. Und in Sachen Ernährung wäre auch eine Kita denkbar, in der von morgens bis abends ausschließlich Fleisch gegessen wird. Bärchenwurst am Morgen, Schnitzel am Mittag, Wurstsalat am Nachmittag.

Von beidem raten Mediziner übrigens ab. Aber das hat Extremisteneltern ja noch nie gestört.

P.S.: Der Autor ist Vegetarier.

Video: Besser essen ohne Zwang - Die neuen Veganer

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Horst-Güntherchen 31.07.2018
1. Wundert mich nicht
Für Eltern, die Kinder auf Demonstrationen (Atomkraft nein danke, Refugees welcome) instrumentalisieren und genderneutral erziehen, ist dies nur der nächste logische Schritt. Warum auf das Kindeswohl achten, wenn ich mich damit als moralisch überlegen stilisieren kann?
vwolpert 31.07.2018
2. Kinder vegan zu ernähren erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung..
und sollte auch entsprechend bestraft werden. Das jetzt eine Kommune das auch noch genehmigt, ist krank und am Ende wachsen dort dann mangelernährte Kinder heran, die dann selbstverständlich auf Gemeinschaftskosten therapiert werden müssen. Wenn ich mein Kind mit 12 in der Öffentlichkeit mal ein Bier trinken ließe, hätte ich auch gleich eine Strafanzeige an der Backe.
tabasco75 31.07.2018
3. Guter Kommentar - bis auf den Schluss
Insgesamt ein guter Kommentar - aber war das wirklich notwendig, im schlimmsten "Whataboutism" Stil noch einen unter der Gürtellinie (Hexe verbrennen) liegenden Schlag gegen die Impfgegner zu führen? Das ärgert mich sehr, weil ja deutlich wird, das die Impfgegner im Gegensatz zu den Veganern eben verdammt noch mal KEINE entsprechende Kita planen... Hier zeigt sich leider der Dogmatismus des Autors... P.S.: die Kinder des Autors von diesem Kommentar sind vollumfänglich geimpft!
spon-facebook-1716829589 31.07.2018
4. Makrobiotik?
Der Autor macht den selben Fehler wie die DGE und wirft Veganismus und Makrobiotik in einen Topf, als ob das das selbe wäre. Die DGE steht mit Ihrer Einschätzung zur veganen Kinderernährung auch ziemlich alleine da. Die Ernährungsgesellschaften vieler andere Länder, z.B. Kanada, Australien, USA, sehen eine gut geplante vegane Ernährung von Kindern als unproblematisch. Dann aber behaupten, dass Veganer nur die Studien zitieren, die einem in den eigenen Kram passen. Wer ist hier der Dogmatiker?
Theya 31.07.2018
5. Kaum nachvollziehbar
Selbst die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt vegane Kost nicht für Heranwachsende - und zwar nicht aus weltanschaulichen, sondern aus biologisch-medizinischen Gründen. Wohlgemerkt, für Erwachsene gilt dies nicht, sondern speziell für Kinder, deren körperliche Entwicklung in erheblichem Maße von einer gesunden und ausgewogenen Ernährung abhängt. Vegane Ernährung ist hier einfach weniger gut geeignet. Statt vegane Kitas zuzulassen, sollten entsprechende Eltern vielleicht auf ihre Fürsorgepflicht gegenüber ihren Kindern erinnert werden.
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