Vegetarische Jungjägerin Schießen? Aber nur im Notfall

Anna Deischl, 17, liebt Tiere und die Natur. Vor einem halben Jahr hat sie ihre Jägerprüfung bestanden und möchte nach dem Abi Försterin werden. Nur Rehe oder Wildschweine töten, das will sie nicht - schließlich ist Anna Vegetarierin.

Von Felix Scheidl


Das strohige Schilfgras am Waldrand reicht Anna bis zu den Knien. Der Boden ist sumpfig, das Laub knistert unter den Füßen. Es ist kalt. Anna trägt Jeans, einen schwarzen Mantel und einen grün-blau gestreiften Schal. Sie ist 1,80 Meter groß, lange blonde Haare, Silberschmuck. So ein Mädchen trifft man abends im Kino oder in der Disco, aber nicht alleine im Matsch.

Anna wird Jägerin, hat gerade ihren Jagdschein gemacht. Aber: Rehe, Wildschweine und anderes Wild will sie nicht erlegen. Warum? "Ich liebe Tiere und bin Vegetarierin", sagt sie so selbstverständlich, als wäre das ein Teil des Jägerdaseins. Anna hegt und pflegt den Wald, sie füttert das Wild, sie kümmert sich um die Natur. An die Waffe will sie nur im Notfall: "Nur ein leidendes, verletztes Wild könnte ich erschießen."

Gleichaltrige hängen jetzt in der rauchigen Billardkneipe ab oder spielen Autorennen am Computer. Anna spaziert durch die Fichtenwälder. Sie klettert auf einen massiven hölzernen Jägerstand und schaut am Waldrand entlang.

Mit der Waffe kann Anna umgehen

Als sie ein Kind war, hat ihr Vater, ein Zimmermann, sie oft mit ihn den Wald genommen. Sie wollte mehr über Natur und Tiere lernen, Natur und Tiere, das wurde ihr Hobby, ihre Leidenschaft. Im vergangenen Sommer wollte sie sich zum Jagdkurs anmelden. "Meine Eltern waren erst sehr skeptisch - nicht zuletzt, weil der Schein eine Menge Geld kostet", sagt Anna. 1300 bis 1600 Euro kostet so ein Lehrgang. Auch ihre Freunde und Mitschüler schüttelten im ersten Moment den Kopf, als sie von der Jagdausbildung erzählte.

"Meine Eltern hatte ich schnell überzeugt. Die Arbeit im Wald ist eben meine Berufung", sagt Anna. Ihre Familie unterstützt Annas Jägerschein und ihren Berufswunsch - sie will Försterin werden. Auch die Freunde sagen mittlerweile, sie finden es gut, "dass es noch Leute gibt, die nicht nur hinterm Schreibtisch sitzen wollen".

Acht Monate lang lernte Anna vormittags Mathe und Deutsch und am Nachmittag Wildkunde, Waffenkunde, Jagdrecht und Waldwirtschaft. Sie lernte, wie man schießt: auf Tontauben und Rehbockscheiben, mit Schrot und Kugel. Um den richtigen Umgang mit der Waffe zu üben, besuchte sie jeden Tag den Besitzer eines Waffenladens und übte mit ihm.

Anna hat alle Prüfungen erfolgreich bestanden und jetzt den Jungjägerbrief, an ihrem 18. Geburtstag wird er zum Jagdschein umgeschrieben. Sie besucht eine Fachoberschule für Agrarberufe in Landshut. Im wöchentlichen Wechsel tauscht sie Stift und Schreibblock gegen Axt und Motorsäge für ihr Forstpraktikum.

Lieber hegen als jagen

Nach ihrem Fachabitur will Anna Forstwirtschaft studieren. Wenn Anna nach einer harten Arbeitswoche aus Landshut wieder zu ihren Eltern nach Zeilern kommt, geht sie zum Entspannen erst einmal in den Wald. Genau wie jetzt.

Sie trifft ihre Jäger-Kollegen Andreas und Florian. Wie fast alle Jäger gehen auch die beiden tagsüber einer geregelten Arbeit nach. Das Füttern, Hegen und Jagen machen sie in ihrer Freizeit. Gerade ist Füttern dran.

Anna hat in den letzten Monaten nicht viel Zeit gefunden, um im Revier zu helfen. Sie greift nach einem der Eimer und hilft. Dass sie keine konservative Jägerin mit Hut und Büchse ist, stört die beiden Männer nicht. "Ja, es stimmt zwar, dass Jäger, die nur füttern und keine Abschusspläne erfüllen, nicht immer gern gesehen sind", sagt Florian, aber bei Anna sei das etwas anderes. "Wir haben die gleichen Interessen, wir lieben die Natur. Das verbindet", sagt Florian.

Die bayerische Forstverwaltung legt regelmäßig fest, wie viele Tiere in jedem Revier geschossen werden müssen. Anna kann das zwar verstehen, dennoch will sie nicht auf Lebewesen schießen. Sobald sie ihr eigenes Forstrevier hat, sagt sie, will sie Hobby- oder Berufsjäger engagieren, die das erledigen.

Anna sagt: "Ich bin mehr Heger als Jäger. Auch wenn das die anderen Jäger ungern hören." Florian und Andreas schütteln lächelnd ihre Köpfe. Aber widersprechen wollen sie nicht.

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