Verhüllte Schülerinnen Geheimdienste werten Burka als Provokation

Nach Auffassung deutscher Geheimdienstler haben zwei 18-jährige Bonner Schülerinnen nicht aus eigenem Antrieb entschieden, eine Burka zu tragen. Die Verfassungsschützer sehen enge Kontakte zur umstrittenen Fahd-Akademie.


Die für die Innere Sicherheit zuständigen Dienste werten die "Burka-Fälle" an einer Bonner Schule als Versuch, die deutschen Behörden zu provozieren. Die Aktion der beiden Schülerinnen, völlig verhüllt im islamischen Burka-Gewand zum Unterricht zu erscheinen, stehe offensichtlich im Zusammenhang mit den umstrittenen Vorgängen an der Bad Godesberger König-Fahd-Akademie und einem am 9. Mai in Düsseldorf beginnenden Prozess gegen drei Islamisten, erklärte ein Verfassungsschützer der Nachrichtenagentur ddp am Mittwoch.

Die beiden 18-jährigen Schülerinnen der Bonner Bertolt-Brecht-Gesamtschule - eine Deutsche türkischer Herkunft und eine türkische Staatsbürgerin - waren nach den Osterferien überraschend in der Kopf und Körper umhüllenden Burka zum Unterricht gekommen. Unter der Schreckensherrschaft der Taliban in Afghanistan war das Tragen der Burka, bei der es nur einen Sehschlitz gibt, für die Frauen Pflicht. Nachdem mit den Schülerinnen ein geregelter Unterricht nicht möglich war, wurden sie suspendiert. Sollten sie wieder "normal" erscheinen, seien sie an der Schule willkommen, versicherte die Schulleitung. Aber auch am Mittwoch blieben sie nach Auskunft der Schule dem Unterricht fern.

Die Familie einer der beiden jungen Frauen ist den deutschen Sicherheitsbehörden bekannt, wie in Bonn zu erfahren war. Es gibt nach Angaben der Geheimdienste "erwiesene Kontakte" der Familie zu der wegen Verbindungen zur Terrororganisation al-Qaida vor drei Jahren ins Visier der Dienste geratenen König-Fahd-Akademie.

Die Akademie war von Saudi-Arabien ursprünglich ausschließlich für arabische Diplomatenkinder eingerichtet worden. Gegen die Schule, an der die Kinder zum "Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen" aufgerufen wurden, griffen die Behörden durch: Die Akademie musste Lehrbücher wechseln, den Unterricht umstellen und für die saudi-arabische Einrichtung nicht zugelassene Kinder von Muslimen auf deutsche Schulen schicken.

Protest gegen al-Qaida-Prozess?

"Das hat in der muslimischen Gemeinde in Bonn Spuren hinterlassen", sagte ein Beamter des Staatsschutzes. Die Familien der Burka-tragenden Schülerinnen haben einen Anwalt engagiert, der seinerzeit Eltern vertrat, die sich gegen den Verweis ihrer Kinder von der Fahd-Akademie gewandt hatten. Wie die Bonner Stadtverwaltung jetzt mitteilte, gebe es Anzeichen, dass die beiden Schülerinnen der Bertolt-Brecht-Schule "nicht aus eigenem Antrieb" die Burka getragen hätten. Es sei vielmehr zu befürchten, dass sie in einer "gelenkten und geplanten Aktion instrumentalisiert" worden seien.

Das Tragen der Burka wird von den Geheimdiensten auch als "provokanter Protest" gegen den am 9. Mai vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf beginnenden Prozess gegen mutmaßliche al-Qaida-Terroristen gesehen. Einer von ihnen wird mit der Fahd-Akademie in Verbindung gebracht: der 32-jährige Palästinenser Yasser Abou Shaweesh, der bei einer Razzia Anfang 2005 in Bonn festgenommen wurde.

Wie sich herausstellte, war sein Schwiegervater lange Hausmeister an der König-Fahd-Akademie. Bei der bundesweiten Razzia wurde auch der 30-jährige Iraker Ibrahim Mohamed K. in Mainz verhaftet. Er stand in enger Verbindung zu Yasser. Mit auf der Düsseldorfer Anklagebank sitzt noch der Bruder von Yasser, der 28 Jahre alte Ismail Abu S., als Unterstützer der beiden.

Der Vorwurf von Generalbundesanwalt Kay Nehm an die Islamisten lautet, sie seien in die Terrororganisation Al-Qaida eingebunden gewesen. Ibrahim K. ist nach eigenen Angaben in "direktem Auftrag" Osama Bin Ladens nach Deutschland gekommen. Er sollte unter anderem Freiwillige für den "Heiligen Krieg" anwerben.

Aus den Geheimdiensten war zu hören, dass es enge Verbindungen der Islamisten über den Raum Bonn hinaus gegeben hat. Mit dem Vorgehen der Burka-tragenden Schülerinnen hätten die Islamisten, die in aller Stille in Bonn eine umfangreiche Parallelgesellschaft aufgebaut haben, "nachhaltige Proteste" erheben wollen. Es liege auf der Hand, dass die Islamisten die deutschen Behörden "vorführen" wollten, sagte ein Verfassungsschützer.

Von Friedrich Kuhn, ddp



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