Verkleidete Rechte Tarnkappen-Nazis buhlen um junge Linke

Sie tragen die Klamotten der Linken und plündern die Symbole der Antifa - vom Che-Guevara-Button bis zum Palästinensertuch. "Autonome Nationalisten" treiben ein bizarres Versteckspiel, um Jugendliche zu umgarnen. Der Verfassungsschutz reagiert alarmiert.

Von Timo Nowack und


Tim suchte Verbündete, doch seine Suche endete bedrohlich. Auf dem Bahnsteig in Recklinghausen sah er sieben Jungs mit weiten Cargohosen und Baseballkappen. Auf ihren Kapuzenpullis stand: "Fight the System". Tim fühlte sich richtig bei ihnen, denn der 16-Jährige ist Punk, er trägt Tarnjacken in Armeefarben und hat seine Haare zu einem Iro geschnitten.

"Fahrt ihr auch zur Demo nach Dortmund?", fragte er. Dortmunds Bürger demonstrierten an diesem Tag gegen einen Nazi-Aufmarsch. "Ja", antwortete einer der Jungs, "aber auf die andere Seite." Jetzt wurde Tim klar: Er war hier nicht an Antifaschisten geraten, sondern an Neonazis. Bevor sie handgreiflich wurden, konnte er sich in den Zug retten.

Tims Geschichte bliebe eine Momentaufnahme, die Szene einer unglücklichen Verwechslung, stünde sie nicht für einen Trend: Die deutschen Rechtsextremen tarnen sich. Über viele Jahre waren sie leicht erkennbar an Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel. Solche klassischen Neonazis gibt es noch immer - und daneben inzwischen auch "Autonome Nationalisten", die auf ein Verwirrspiel setzen: Sie tragen die Klamotten der Linken, hören die Musik der Linken, verwenden die Symbole der Linken. Aber sie denken rechts und gelten als besonders gewaltbereit.

Die "Autonomen Nationalisten" buhlen vor allem um Jugendliche in Großstädten und Ballungsräumen. Sie verzichten auf den plumpen Brutalo-Look - Hauptsache, das rechte Weltbild stimmt: "Es spielt keine Rolle, welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht", schreiben die "Autonomen Nationalisten Wuppertal/Mettmann" auf ihrer Internetseite. Und weiter: "Das heißt, dass wir uns dafür einsetzen, alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren."

Ausgerechnet Rio Reiser beschallt den Nazi-Aufmarsch

Es ist eine besonders perfide Strategie. Während die NPD, Bastion der alten Rechten, sich in Ostdeutschland gutbürgerlich gibt, kopieren die neuen Rechten das Auftreten ihres politischen Gegners, der Linksautonomen. Neben Basecaps und XXL-Hosen tragen sie T-Shirts mit antikapitalistischen Sprüchen, bisweilen sogar Che-Guevara-Buttons und Palästinensertücher ("Arafat-Feudel"). Bei Aufmärschen hören sie Songs von Rio Reiser oder den Ärzten, wählen für Flugblätter und Plakate Zeichentrick- und Graffiti-Figuren, dazu auch abgewandelte linke Symbole wie die doppelte Flagge der Antifa. Vor Angliszismen haben sie keine Scheu ("We will rock you" oder "Fuck the law!").

Wer ist wer? Eine Szene aus Brandenburg im vergangenen Herbst: Drei Jungs um die 20 stehen im Örtchen Seelow auf dem Marktplatz vor der Kirche herum. Ihre Köpfe verschwinden unter den Kapuzen der Pullover. Einer gräbt in seiner Bauchtasche nach Drehtabak. Der zweite blinzelt über den Rand der Sonnenbrille, zupft das Ziegenbärtchen in Form. Der dritte schnieft in sein Palästinensertuch.

Ihre Kleidung: Turnschuhe, Jeans oder Arbeiterhosen, Baseballkappen. Dazu Piercings und Tattoos. Auf die Hose genäht haben sie sich Che Guevara und poppige Bildchen mit Flammen, Graffiti-Schriftzügen, schwarzen Billardkugeln, japanischen Manga-Comics.



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