Vertretungsstunde mit Madsen Haut uns bloß nicht in die Pfanne!

Die Band Madsen ist schlechtes Essen von Tourneen gewohnt und will es besser machen. Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte die fünf Rocker als Vertretungslehrer in ihre alte Schule. Lektion Hauswirtschaft mit der 8a in Clenze bei Hannover: hack und back.


9.20 Uhr: Wer kocht, gewinnt. Nicht nur Fernsehduelle, auch Frauenherzen und, beileibe, Männerbäuche. Da ist es nur konsequent, dass die fünf Sterne-Rocker der Gruppe Madsen im Fahrwasser des allgemeinen Hochkochens beschließen, an der Drawehn-Gesamtschule Clenze eine Stunde Hauswirtschaft-Unterricht zu geben und die Schüler zum Kochen zu bringen. Die 8a hat extra nicht gefrühstückt!

Sebastian: Ich bin für euch Herr Madsen. Kocht ihr gerne?

Keine Reaktion von der müden Meute. Dann raffen sich zwei auf.

Sebastian: Was esst ihr denn gerne?

Schüler Lukas: Pizza.

Schüler Florian: Ich mag Spaghetti mit Hacksoße.

Sascha: Das kommt schon mal nah ran. Wir machen Hackfleischauflauf mit Kartoffelpüree.

Schulleiter Rainer Schlademann hält seine Schule für den Pfahl im Fleisch der Gymnasien. Madsen zumindest - namentlich die Brüder Sebastian, Sascha und Johannes sowie, familienextern, Folkert und Niko - waren extra ein paar Kilo Hackfleisch einkaufen. Geplant hatten die Herren eigentlich Opulentes in vier Gängen. Drei mussten sie aber zurückschalten, da der echte Kochlehrer, Herr Prigge, rüffelte, dazu sei die Zeit zu knapp.

Herr Prigge will nicht, dass hier Tim Mälzer imitiert wird. Dieser Mode wegen stehen die Schüler am Herd und wenden und drehen und quatschen und machen Halligalli, wo sie doch eigentlich braten sollen, sagt er. Deshalb gibt s heute einfach mal Hack. Zuerst geht's aber ans Gruppen-Hickhack: Wer kocht mit wem?

Folkert: Ich will keine getrennten Mädels-und-Jungs-Gruppen.

Schülerin Christina: Wir wollen aber nicht mit den Jungs!

Schülerin Jessica: Frauen an den Herd!

9.30 Uhr: Die Damen setzen sich natürlich durch und ziehen die Madsen-Herren Sascha und Niko in ihr Lager, auf die Jungsgruppen verteilen sich die anderen drei Bandmitglieder. So wird an fünf Krisen-Herden parallel geköchelt. Zuerst müssen die Kartoffeln geschält werden - und zum Breie gekloppt. Neulehrer Folkert beäugt die Strauchtomaten vom Discounter Bioware, fürs gute Gewissen. Daneben liegt Schwitz-Hack aus der Plastebox. Gleiche Bedingungen für alle. Lukas greift nach der ersten Knolle.

Folkert: Hier is nix mit Fertigpüree. Hast du das schon mal gemacht?

Schüler Lukas: Ich hab schon öfter Kartoffeln geschält. So zwei, drei Mal für Mutti.

Von Sebastians Tisch indes hallt bei der gleichen Aufgabenstellung bereits der Donner:

Sebastian: Die Kartoffeln sind lange tot. Die musst du nicht mehr ertränken!

Ganz weit vorne liegen die Mädels von Niko und Sascha. Bei ihnen ist das Hackfleisch fast fertig gebrutzelt - da bleibt Zeit für einen Schwatz.

Schülerin Cora: Was esst ihr denn auf Tour? Bestimmt schnelle Sachen - Hamburger. Pommes, Currywurst, Pizza.

Sascha: Als wir mit "Wir sind Helden" unterwegs waren, gab es jeden Abend Reis mit Scheiß. Also immer Reis und irgendwas dazu, das wurde jeden Tag schlimmer. Was wir uns freuen, wenn's mal Hack gibt! Tour-Essen ist aber fast immer furchtbar.

Während bei den Mädels die Kartoffeln schon im Heißen schwimmen, unterhalten sich die Jungs hinten im Raum über mehr oder weniger heiße Frauen. Vorn indes behauptet Jessica, sie sei zu dick - ist aber alles andere als das.

Schüler Tommy: Eine Freundin meiner Mutter findet es ganz toll, wenn Männer kochen können.

Schüler Daniel: Ich glaube, Frauen mögen das.

Sebastian: Klar. Kochen ist toll. Wir waren zu Hause immer ganz viele Kinder, weil unsere Eltern betreutes Wohnen angeboten haben. Da war ständig jemand da, und es gab immer üppiges Essen. Wir saßen dann oft zusammen am Tisch. Ich finde, dass im Fernsehen zu viele dieser dürren Mädels unterwegs sind. Gesunde Mädels mit weiblichen Formen sind viel schöner. Ich mache mir immer Sorgen, wenn die so blass sind, dass sie gleich umkippen. Eine Frau, die auch wie eine Frau aussieht, ist was Schönes - mit gesunder Ernährung macht man also nix falsch. Insofern gibt mir "Germany's Next Topmodel" sehr zu denken, weil da mit falschen Idealen gespielt wird. Die Kochshows sind vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung.

Folkert hat mal eine Zeit lang täglich bei Mama Madsen mitgegessen. Irgendwann stand sein Teller dort ganz selbstverständlich auf dem Tisch. Heute kocht er selbst wie ein junger Lafer, gern auch für die anderen im Studio. Seine Schüler kommen trotzdem nicht so richtig vorwärts. Sebastians Truppe hängt ebenfalls hinterher. Die beiden servieren die Standardausrede: Wir machen das eben mit Liebe. Die Zeit drängt trotzdem, aber Folkert, gelernter Sonderschulerzieher, erzählt lieber aus seiner reichhaltigen Erfahrung.

Folkert: In meiner Sonderschule war der Kochunterricht immer das Schönste. Man hat da zum Schluss ein Erfolgserlebnis, einen Abschluss. Man kann sagen: Mutter, heute muss ich nichts mehr essen, denn wir haben in der Schule schon gekocht, und das war sehr lecker. Das ist tausendmal besser, als den Tag vorm Rechner zu verbringen. Das müsste es viel öfter geben!

Wenigstens gibt es gleich auch noch ein paar Tipps, wie sie im Kochbuche stehen:

Folkert: Wenn du die Tomaten erst später dazutust, dann bleiben die schön knackig! Am liebsten würde ich jetzt ja noch einen Viertel Liter Rotwein reinkippen, aber das geht hier wohl nicht.

10 Uhr: Auf der einen Seite werden noch die Zwiebeln geschält, da ist drüben der Auflauf schon in der Röhre. Das jüngste Gericht liefern die Bummelletzten aus Folkerts Gruppe am Ofen ab, da hilft nur noch tricksen mit Umluft und Oberhitze: Die erste soll schnell heiß machen, die zweite dann in den letzten Minuten den Käse wunderbar braun. Die Kerls sind baff. In der Wartezeit entbrennen Lieblingsgerichtsdiskussionen.

Folkert: Im Moment stehe ich wieder total auf selbstgemachte Pizza. Vorher waren es Nudeln mit Pesto.

Johannes: Ich mag gerade vor allem Salat mit knackig-frischem Brokkoli. Da fange ich alleine an, das zuzubereiten, und hoffe, dass irgendwann noch zwei, drei Leute dazukommen.

Sascha: Hack is' geil.

Schüler Marcel: Ich gucke ziemlich gerne Kochshows und esse auch sehr gerne. Habe aber noch keinen Gedanken an gesunde Ernährung verschwendet.

Schüler Manuel: Das Kochduell finde ich ziemlich toll. Meine Großeltern kochen die Rezepte daraus immer nach. Wir haben auch das Kochbuch von Tim Mälzer zu Hause.

10.20 Uhr: Alles fertig. Die Schüler nehmen Platz an ihren Esstischen, und die Lehrer Madsen gehen durchs Zimmer, um testzuessen. Jeder vergibt Schulnoten. Kochlehrer Gerhard Prigge will die Zensuren der Madsens sogar mit in die Zeugnisnote übernehmen. Sebastian ist bei den anderen entsprechend kritisch.

Sebastian: Eigentlich sollte der Knoblauch ja Gewürz sein und nicht Grundlage.

Folkert: Haut uns bloß nicht in die Pfanne!

Sascha: Wir sind nur ehrlich: viel Pfeffer, wenig anderes. Da seid ihr ein wenig ausgerutscht.

Folkert: Meine Jungs haben hervorragend gekocht. Ich bin sehr zufrieden. Und dass sie gerade die Schüssel leer gegessen haben, heißt: Extrapunkt!

Wer am Ende gewinnt, wird, pädagogisch wertvoll, erst mal nicht verraten. Das soll hier kein Kochduell sein, sagt Lehrer Prigge. Den Abwasch, immerhin, muss die Klasse machen, die danach hier Unterricht hat. Auch gut.


Autor Martin Machowecz, 20, hat den Hackauflauf inzwischen umgetauft und in den Speiseplan aufgenommen – bei ihm gibt es jetzt häufiger "Madsen".

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