Vertretungsstunde mit Polarkreis 18 Popstars lehren Popart

Warum sollte die Band Polarkreis 18 Musik unterrichten? Felix, Philipp und Silvester kennen sich auch in der Kunst ganz gut aus. Das Jugendmagazin "Spiesser" schickte sie an ihre alte Schule, in die 10c des St. Benno-Gymansiums, Dresden. Ihr Thema: Wie Warhol sich durch Suppendosen inspirieren ließ.

Von Lisa Hoffmann


12.00 Uhr: Die Schulflure sind tundramäßig leer, es wehen vereinzelte Strohballen durch die Gänge. Plötzlich stürmen Felix, Philipp und Silvester von Polarkreis 18 ein Kunstzimmer, aus dem Hinterhalt und popstaruntypisch überpünklich. Während Felix und Philipp den Platz hinterm Lehrerpult besetzen, quetscht sich Silvester auf eine Schülerbank in der hintersten Ecke.

Felix und Philipp von Polarkreis 18: Crashkurs in Popart
Klaus Gigga

Felix und Philipp von Polarkreis 18: Crashkurs in Popart

FGei: Ich bin nur mitgekommen, weil das meine alte Schule ist. Vorträge habe ich schon immer gehasst. Früher habe ich mir lieber null Punkte geben lassen, als ein Referat zu halten...

So, so. Nach einem Referat sieht die Stundenvorbereitung der beiden Polarlehrer aber tatsächlich auch aus: Sorgfältig ausgearbeitete Notizen und Kunstbücher in rohen Mengen. Die werden doch hier keinen Theorie-Marathon abhalten?

Philipp: Guten Tag, liebe Freunde. Wir wollen zunächst mit einer kleinen Frage beginnen. Kennt jemand diese Band?

Ein zartes Lied schmeichelt sich aus dem CD-Player durch den Raum. Die Schüler scheinen allerdings allesamt popkulturell unbelastet zu sein: keinen Schimmer, wer da säuselt!

Felix: Das sind "The Velvet Underground", eine Band aus der Zeit der Pop-Art, mit der wir uns heute beschäftigen werden. Diese Kunstrichtung befasst sich mit der Alltagskultur der Menschen, ihre schillerndste Person war Andy Warhol. Der hat übrigens auch diese Band produziert.

Typisch frontmännisch übernimmt Felix gleich die Rolle des Vor-der-Tafel-Hamplers und Fakten-Erzählers. Sieht gut aus!

Felix: Andy Warhol hatte zeitlebens mit vielen Problemen zu kämpfen. Stellt euch vor, ihr seid Künstler und steht permanent unter dem Druck, eine Idee haben zu müssen. Was würdet ihr machen, wenn ihr jetzt in diesem Moment einen entscheidenden Einfall haben müsstet?

Teresa: Ich würde mir die Gesellschaft ringsherum anschauen und das Leben der Menschen.

Elisa: Ich würde etwas Ausgeflipptes machen, Neues entdecken und andere Leute kennen lernen.

Felix: Auf jeden Fall! Hört mal zu, die Inspiration Warhols geht nämlich in eine ähnliche Richtung.

An dieser Stelle gibt es hundert Punkte für den Einsatz moderner Medien, denn Felix lässt eine CD für sich plappern. Die erklärt, dass die Pop-Art ihre Ideen im Alltag gesucht hat.

Felix: Kennt jemand Gegensätze, die eigentlich zusammen gehören?

Nachdem die Schüler ein paar ratlose Blicke getauscht haben, gibt sich Ferdinand einen Ruck.

Ferdinand: Vielleicht Schwarz-Weiß?

Teresa: Sommer und Winter, oder?

Felix: Genau. Ich spiele euch noch ein Zitat vor: "Die erregendste Anziehungskraft besteht zwischen Gegensätzen, die nie zusammen kommen". Das ist echt ein Gänsehautzitat! Überlegt mal: Ihr selbst habt in euch irgendwelche Neigungen und Regungen und könnt die nicht ausleben, weil ihr so gehemmt seid. Warhol hat niemanden an sich rangelassen, durch seine Homosexualität wurde dies alles verstärkt. Dazu wisst ihr mittlerweile, dass Warhol sich von seiner Umgebung hat inspirieren lassen. Was meint ihr: Welche Motive und Symbole stehen für unsere Gesellschaft?

Paul: Na, Geld, Besitz und Reichtum.

Ferdinand: Aussehen und so was? Wenn man heute auf die Straße geht, ist das ja quasi ein Laufsteg.

Felix: Genau. Und diese Motive stehen im Zentrum der Pop-Art und interessieren uns jetzt auch.

Philipp: Nehmt euch ein Symbol aus der Gesellschaft, das Andy Warhol noch nicht angewendet hat - damit fallen Geldschein und die berühmte Suppendose schon einmal weg. Malt das Symbol dann auf eine Schablone und schneidet es aus. Draußen werden wir es mit Farbe dann auf eine Pappe sprühen. Also sucht euch am besten einfache Motive aus!

Matthias: Darf ich dann mal schnell in den Supermarkt? Ich weiß leider nicht, wie man ein Gummibärchen malt.

Nix da, wenn das jeder machen würde! Bald darauf schnattert alles wild durcheinander. Die große raschelnde Schnipselschlacht hat begonnen. Im Hintergrund düdeln immer noch "The Velvet Underground". Ferdinand weiß nicht so recht, was von dieser Beschallerei zu halten ist.

Ferdinand: Das ist ja ganz nett zur Unterhaltung, aber inspirieren tut mich das nicht unbedingt. Wobei: beim Hausaufgaben-Machen dudelt auch immer was im Hintergrund, solange jedenfalls die Aufgaben nicht zu schwer sind...

Wenn das die Lehrer wüsten! Während ein paar Meter weiter Philipp und Felix die Klasse zur emsigen Arbeit animieren, sitzt Silvester wie die meisten Schüler noch leicht ideenlos vor seiner Pappe.

Silvester: Hat jemand eine Idee, was ich machen könnte? Ich geb' ihm fünfzig Euro dafür!

Felix: Ja, Silvester braucht immer ein bisschen länger. Aber dann!

Auch vorne links im Klassenzimmer wird in harter Währung gehandelt.

Mattias: Ich brauche noch so eine schwarze Pappe.

Paul: Das macht 50 Cent!

Das sind ja Zustände, wenn die Schüler sich gegenseitig Geld für die Lehrmittel abknöpfen. Apropos Leer-Mittel: Silvester scheint da ein paar Damen angesteckt zu haben...

Philipp: Ist euch noch nichts eingefallen?

Laura: Ideen sind da, es mangelt allerdings an der Fähigkeit zur künstlerischen Umsetzung.

Philipp: Es muss doch nicht kompliziert sein. Ein Rechteck mit einem Henkel ergibt eine Tasse! Das schafft ihr, oder? Ich komm gleich wieder vorbei und kontrolliere, wie weit ihr seid!

Laura: Da haben wir aber Angst!

Kein Grund zum Schlottern, Philipp ist ja schon drei Meter weiter und augenscheinlich ganz ein Lieber.

Philipp: Hier ist noch ein Schnitzmesser im Angebot, braucht das jemand?

Elisa: Ein Schnitzmesser... Ab in die Steinzeit!

Von wegen ab in die Steinzeit - ab auf den frühlingsbesonnten Schulhof! Denn dort beginnt jetzt ein großes Dosenschütteln und Farbesprühen. Felix und Philipp amüsieren sich prächtig, laufen herum und geben Ratschläge. Und die Klasse hat im Unterricht anscheinend etwas gelernt: Es entstehen ein Nike-Zeichen, eine Becks-Flasche, ein iPod...

Philipp: Wir werden die Bilder für 25.000 Euro versteigern! Wie es eben läuft in der Kunstbranche.

Alice: Eigentlich wollte ich was anderes machen, das war aber zu kompliziert.

Felix tröstet: Na ja, beim nächsten Mal!

Alice: Ja, genau! Ihr müsst noch mal kommen!

Felix: Wir machen jetzt die nächsten zehn Wochen Unterricht!

Teresa: Na, dann könnt ihr auch Geo übernehmen... Oder Mathe! Das ist gut für uns und gut für euer Image.

Philipp: Ja, von wegen volksnah und so.

Volksnähe zeigen die Jungs tatsächlich, denn langsam kommen weitere Zaungäste und Heckenbesucher hervor. Ein kleines Autogramm-Chaos bricht aus. Und selbst die Bitte um eine Privataudienz schlagen die Polarjungs nicht ab. So gipfelt der anfängliche Frontalunterricht im spontanen Akustikkonzert, bevor die Jungs wieder entschwinden. Zurück? Bleiben restlos verzauberte Schülergesichter.



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