Vorurteile Von Döneressern und Ausländerfeinden

Schülerin Ildiko Mannsperger, 18, erforscht ihre Engstirnigkeit: Im Fitnessstudio lernt sie eine Türkin kennen, kurz darauf trifft sie die Frau wieder - und muss mit jahrelangen Vorurteilen aufräumen. Der SPIEGEL kürte ihren Artikel beim Schülerzeitungswettbewerb als beste Reportage.


Ich bin Deutsche. Mein Vater ist auch Deutscher. Meine Mutter auch und meine Schwester ist auch eine Deutsche. Zumindest haben wir alle einen deutschen Pass und auf unserem Personalausweis steht unter Nationalität: deutsch. Und trotzdem werde ich immer wieder gefragt ob ich wirklich aus Deutschland komme, denn so sehe ich gar nicht aus. "Wie sieht denn ein typischer Deutscher aus?", frage ich mich dann immer wieder. Existiert dieses Bild vom perfekten Deutschen mit den blonden Haaren und den blauen Augen immer noch?

Meine Großeltern waren Immigranten, sie sind aus anderen Ländern nach Deutschland eingewandert. Meine Eltern hatten hier keinerlei Probleme mit deren Herkunft und wurden und werden hier als Deutsche akzeptiert.

Doch das Thema Migration ist gerade in letzter Zeit immer mehr in den Vordergrund unserer Gesellschaft und somit auch in den Vordergrund der Medien getreten. In der Schule werden Bücher zum Thema Migration und daraus entstehenden Problemen gelesen. Man liest im Unterricht etwa über Schicksale, die dramatisch, beängstigend oder vielleicht auch hoffnungsvoll sind. Doch diese Schicksale sind immer noch Fiktion. Man kann sich mit ihnen nicht identifizieren. Sie sind meist zu weit weg. Aber es stimmt: Migration und Migrationsprobleme gibt es überall um uns herum.

Es ist Montag. Ich habe Ferien. Ferien sind super, da kann ich morgens immer ins Fitnessstudio gehen. Meine Mutter ist auch dabei. Ich will mich gerade auf mein Spinningrad setzen und losradeln, als eine Frau meine Mutter anlächelt und sie in gebrochenem Deutsch begrüßt. Ich kenne die Frau nicht, aber irgendetwas in ihrem Gesicht kommt mir bekannt vor. Doch ich denke nicht weiter darüber nach. Als unsere Sporteinheit vorbei ist, lächelt die Frau wieder freundlich meiner Mutter zu, fragt sie noch wie es ihr geht, und verabschiedet sich dann wieder.

Sie wirkt gar nicht unterdrückt

Ich glaube sie ist Türkin. Was mich da so sicher macht? Sie hat eine etwas dunklere Haut, dunklere Augen und dunkles Haar. Ihr Akzent lässt darauf schließen, dass sie nicht in Deutschland geboren wurde. Sie trägt jedoch kein Kopftuch und auch ihre Kleidung ist alles andere als zugeknöpft: ein Top und dazu eine kurze Sporthose. Man muss allerdings dazu sagen, dass wir uns hier in einem Fitnessstudio nur für Frauen befinden.

Auf dem Weg zu den Duschen frage ich meine Mutter, woher sie die Frau denn kennt. Meine Mutter erzählt mir, dass sie die Freundin einer Bekannten meiner Mutter ist. Die Bekannte meiner Mutter ist auch Türkin. Sie sagt mir auch, dass die Frau, mit der sie gerade geredet hat, zunächst gar kein Gespräch mit meiner Mutter angefangen hatte. Sie war sehr zurückhaltend gewesen. Doch als sie gesehen hatte, dass meine Mutter mit der türkischen Bekannten geredet hatte, habe sie sofort viel freundlicher gewirkt und meine Mutter ganz anders behandelt.

Schülerzeitung "Spongo": Beste Reportage 2009

Schülerzeitung "Spongo": Beste Reportage 2009

Das überrascht mich. Ich denke: Schon komisch irgendwie, das ist doch fast schon ein bisschen rassistisch. Vor dem Gespräch mit der Bekannten war meine Mutter für die Frau nur eine unter vielen Deutschen, danach war sie eine Frau, die sich mit einer Türkin unterhalten hat. Stimmt es vielleicht doch, dass Türken sich nicht wirklich in unsere Gesellschaft eingliedern wollen, weil sie nicht deutsch werden wollen? Wollen sie sich nur mit anderen Immigranten treffen?

Dieser Gedanke geht mir kurz durch den Kopf, aber dann verwerfe ich ihn wieder, denn: Diese Frau hat mir gar nicht den Eindruck einer unterdrückten Türkin gemacht, die immer nur zu Hause sitzen, sich um die Kinder kümmern und kochen darf. Sondern eher den einer Frau, die schon ein bisschen den westlichen Lebensstil angenommen hat, ohne Kopftuch und ohne Kutte in ein Fitnessstudio geht, statt mit Koran und Kopftuch in die Moschee.

Ich beschließe das Thema abzuhaken und gehe in die Umkleide. Frisch geduscht und angezogen denke ich schon gar nicht mehr über die Frau nach, sondern überlege schon, was ich zu Mittag esse. Da sehe ich sie wieder- dieses Mal allerdings nicht mehr als westliche Frau mit kurzer Hose und offenen Haaren, sondern dieses Mal als Abbild meiner Vorstellungen einer streng gläubigen Muslimin: mit einem Kopftuch, das sogar die Hälfte ihres Gesichts bedeckt und zusätzlich in einer unvorteilhaften Ganzkörperkutte, die nahezu bis auf den Boden reicht.

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