Kooperation mit Kindergärten Was will die Bundeswehr bei Kita-Kindern?   

Lampionumzug durch die Kaserne, Spendenaktionen, Vorlesetage: Die Bundeswehr pflegt enge Kontakte zu Kitas und Schulen. Die Linken fordern einen Stopp der Aktionen.

Soldat in Kasernenkita (Symbolbild)
dpa

Soldat in Kasernenkita (Symbolbild)


Einmal das große Kampfflugzeug Tornado anschauen und selbst mit Helm und Maske vor der Kamera posieren: Die Kinder der Kita Rappelkiste hatten bei ihrem Ausflug zum flugmedizinische Institut der Bundeswehr in Königsbrück "jede Menge Spaß". So steht es zumindest auf der Homepage der Stadt.

Solche Besuche kommen laut einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag häufiger vor. In dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, werden mehr als hundert Kooperationen der Bundeswehr mit Schulen und Kindergärten aus den vergangenen zwei Jahren dokumentiert, an denen mindestens tausend Kinder beteiligt waren. Die Aktivitäten reichen von der Mitbenutzung einer Schwimmhalle, Fußballtrainings und Vorlesetagen bis zu Lampionumzügen durch die Kaserne.

Hinzu kommen Spendenaktionen, mit denen allein in den vergangenen zwei Jahren 100.000 Euro eingesammelt wurden. Das Geld ging sowohl an Kindergärten als auch an Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen.

Eine ähnliche Anfrage aus dem Jahr 2016 zeigt, dass die Spenden und die Zahl der beteiligten Kinder zugenommen haben. Damals hatten ebenfalls rund tausend Kinder an Veranstaltungen in Kooperation mit der Bundeswehr teilgenommen. Außerdem wurden gut 155.000 Euro an Spendengeldern eingesammelt, allerdings über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg und nicht von zwei Jahren wie in der aktuellen Anfrage.

Die Linke vermutet eine Strategie der Bundeswehr und fordert, die Aktionen zu beenden. "Was wir hier feststellen können, ist eine strukturelle Anbiederung an Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe durch die Bundeswehr", kritisiert Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag. Die Bundeswehr habe in Kinder- und Jugendeinrichtungen nichts zu suchen. Die "Militarisierung des kindlichen Alltags" müsse gestoppt werden.

"Soziales Engagement"

Das zuständige Verteidigungsministerium weist die Vorwürfe zurück. Bei der Zusammenarbeit mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gehe es lediglich darum, "soziales Engagement" und "gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung" zum Ausdruck zu bringen.

Das Ministerium räumt ein, die Bundeswehr als attraktiven Arbeitgeber darstellen zu wollen - allerdings nicht in Kindertageseinrichtungen. "Werbemaßnahmen mit dieser Zielsetzung haben weder in der Vergangenheit stattgefunden, noch sind diese künftig geplant", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linken. Die Gelder für die Spenden stammten nicht aus dem Etat der Bundeswehr, sondern gingen auf die Initiativen einzelner Standorte zurück.

Im Video: Panzerbrigade statt Musikstudium

Deutsche Welle

Die Werbemaßnahmen der Bundeswehr sind seit Längerem umstritten. 2014 hatte die Bundeswehr beispielsweise auf der Seite des Jugendmagazins "Bravo" für ein "Adventure Camp" der Luftwaffe in Sardinien geworben. Kinderrechtsaktivisten waren entsetzt. Sie kritisierten: Die Bilder von Sonne, Strand und Meer hätten rein gar nichts mit der Realität eines Militäreinsatzes zu tun.

Umstritten sind auch die YouTube-Serien der Bundeswehr "Die Rekruten", "Mali" und "Biwak", in denen Soldaten im Reality-Show-Format von ihrem Berufsalltag berichten. Kritiker beschwerten sich beispielsweise über die US-amerikanische Aufmachung der Serien, die an Heldenkult erinnere.

Hunderttausende Jugendliche erreicht

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW hatte die Bundeswehr mehrfach für Werbemaßnahmen an Kindergärten und Schulen kritisiert. Die Bundeswehr habe in der Vergangenheit Verträge mit mehreren Bundesländern geschlossen, die ihr privilegierten Zugang zu Schulen, Lehrerausbildung und Kindergärten verschafften. Mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen oder Infotrucks habe die Bundeswehr allein im Jahr 2015 etwa 400.000 Kinder und Jugendliche und 36.000 Lehrer und Referendare erreichen können.

"Die Bundeswehr zeigt sich als normaler Arbeitgeber, wie jeder andere. Das ist sie aber nicht - die Gefahren oder beispielsweise posttraumatische Störungen der Soldatinnen und Soldaten werden nicht erwähnt", sagte Martina Schmerr von der GEW vor der Kinderkommission des Bundestags.

Im vergangenen Jahr hat die Bundeswehr mehr als 2000 Minderjährige rekrutiert - so viele wie noch nie. Seit 2011 hat sich die Zahl der Minderjährigen bei der Bundeswehr damit verdreifacht. Am Freiwilligen Wehrdienst gibt es dagegen immer weniger Interesse. Die Bewerberzahlen sinken rasant seit dem Ende der Wehrpflicht.



insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lies.das 22.03.2018
1. Das Foto hat mit "Bundeswehr-Kinderwerbung" nichts zu tun
Weil - im Sinne der Gleichberechtigung - immer mehr Frauen zur Bundeswehr gehen, hat Ministerin von der Leyen zahlreiche Kindergärten auch in Kasernen eröffnet. So können Mütter - und auch die Väter, ihre Kinder sehen, oder sie am Abend auch selbst abholen. Das Foto eines spielenden Vaters in Soldaten-Uniform hat mit dem Artikel nichts zu tun. Zivile Kindergärtner tragen auch den Kasernen keinen "Flecktarn".
tom-rossi 22.03.2018
2. Peinlich.....
Dieses Verhalten der Bundeswehr. Soll das jetzt die Verquickung von Familienministerium und Verteidigungsministerium von Von der Leyen sein. Nur weil sich niemand zu diesem Chaotenverein mehr freiwillig meldet muss man auf solch perfide Mittel zurückgreifen um neue offensichtlich ahnungslose Rekruten an zu werben.
coupegk 22.03.2018
3.
Ich bin selbst Soldat und kann es nur begrüßen, wenn die BW Kontakte zu Betreuungseinrichtungen pflegt. Schön wäre es allerdings, wenn dann auch Betreuungsangebote daraus entstehen, welche die Rahmendienstzeit abdecken. Es ist für den Partner eines Soldaten zum Teil unmöglich auch in Vollzeit oder gar Schichtbetrieb zu arbeiten.
carlitom 22.03.2018
4.
Also solche Kooperationen von Militär und Kleinkindereinrichtungen (oder überhaupt Kindereinrichtungen bis hin zur Schule) finde ich wirklich unmöglich und total abstoßend. Wir sind doch nicht in der DDR oder im Dritten Reich, wo kleine Kinder schon paramilitärisch erzogen werden. Pfui. In solche dunklen Zeiten möchte ich nicht zurückversetzt werden. Ein Soldat ist dazu da, auf andere Menschen zu schießen, egal, wie man das rechtfertigt. Sowas sollte kein Ideal für ein Kind sein. Ist eh pervers: gleichzeitig wird überall gewarnt, man solle Kinder von Ballerspielen fernhalten, aber dann die Soldaten in die Kita schicken, um das Schießen auf Menschen als was ganz Normales und den Menschen, der das tut, als Sympathen darzustellen. Da werden ja alle Werte und Normen verschoben.
bloedelsachse 22.03.2018
5. Zurückhaltung wäre gut,
denn die DDR läßt grüßen. Dort wurden auch ab Kindergarten "die lieben Soldaten, die uns vor dem bösen Feind beschützen" propagiert. Das Argument "soziales Engagement der Bundeswehr" ist brisant. Haben in unserem "Sozialstaat?" irgendwelche Kinder/ Jugendeinrichtungen Geld von außerhalb nötig? Falls ja, stimmt mit dem Sozialstaat etwas nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.