Massendemo gegen US-Waffenlobby "Wie damals beim Vietnamkrieg"

Der "March for Our Lives" könnte das größte Polit-Event der vergangenen Jahrzehnte werden: Eine Million Teilnehmer werden diesen Samstag in Washington erwartet - angeführt von ein paar Jugendlichen.


Sie sind 17, sie haben einen Amoklauf an ihrer Schule überlebt. Und sie organisieren gerade ein politisches Event, wie es Amerika seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Kein Wunder, dass das "Time"-Magazin die Teenager Jaclyn Corin, Alex Wind, Emma González, Cameron Kasky und David Hogg diese Woche auf seine Titelseite genommen hat. Zu ihrem "March for Our Lives", einer Demonstration, die an diesem Samstag in Washington stattfindet, erwarten Beobachter nach Informationen der Nachrichtenagentur AP eine Million Teilnehmer.

Das Magazin spricht in seinem Artikel von der "Generation School Shooting", die genug davon hat, dass in Amerika alle paar Monate jemand in eine Schule geht, um dort mit Sperrfeuer Dutzende Menschen zu töten. Die fünf Gesichter auf der Titelseite sind inzwischen weit über Amerika hinaus bekannt, weil sie sich so offen mit der US-Waffenlobby anlegen. Nachdem am 14. Februar ihre Schule in Parkland, Florida, von einem Massenmörder heimgesucht wurde, waren sie es, die am lautesten strengere Waffengesetze forderten.

Damit rütteln sie am Selbstverständnis vieler Amerikaner, für die das Tragen einer Schusswaffe zu den Grundfreiheiten jedes US-Bürgers zählt. Schon viele Politiker haben sich erfolglos an schärferen Gesetzen versucht, zuletzt auch Barack Obama in seiner Zeit als US-Präsident.

Kundgebungen in Deutschland

Doch die Eigendynamik, die der "March for Our Lives" entwickelt, gibt den 17-Jährigen die Hoffnung, dass es dieses Mal etwas werden könnte - obwohl mit Donald Trump ein Präsident regiert, der selbst für die Verhältnisse der republikanischen Partei besonders waffenfreundlich ist.

So wird es nicht bei der geschätzten Million Teilnehmer in der Hauptstadt bleiben. Rund 830 Schwesterveranstaltungen verzeichnet derzeit die Internetseite für den March, Demonstrationen in den gesamten USA, aber auch weltweit. Darunter London, Paris, Straßburg. In Deutschland gibt es Meldungen aus Hamburg, München, Berlin, Bonn, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Friedrichshafen.

Für die Hauptkundgebung in Washington machen sich viele Prominente stark, darunter der TV-Moderator Jimmy Fallon. Die Proteste seien dazu da, der Regierung zusammen mit den Jugendlichen laut und klar zu sagen, dass man Veränderungen beim Waffenrecht fordere: "Unsere Zukunft spricht, und wir sollten zuhören."

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"March for Our Lives": Promis protestieren gegen Waffengewalt

Auch Komikerin Amy Schumer will dabei sein, Regisseur Michael Moore, der mit dem Protest "die Waffenlobby NRA und alle ihre gekauften Politiker zur Strecke bringen" will, die Sängerinnen Miley Cyrus und Ariana Grande sowie George und Amal Clooney. Das prominente Ehepaar hat für die Aktion angekündigt, 500.000 Dollar zu spenden.

Vier Millionen Dollar eingesammelt

Insgesamt vier Millionen Dollar haben die Organisatoren inzwischen eingesammelt, hauptsächlich über Kleinspenden. Viele Amerikaner unterstützen die Aktionen, indem sie Leuchtreklamen zur Verfügung stellen, Stühle an Kundgebungsplätzen oder eine der 2000 öffentlichen Toiletten, die in Washington eingeplant sind.

Professionelle Hilfe bekommen die 17-Jährigen der Parkland-Schule von anderen Interessengruppen, darunter Women's March und Everytown for Gun Safety. Allerdings sind sie bedacht darauf, sich nicht von anderen vereinnahmen zu lassen. Bereits jetzt werfen ihnen viele Republikaner und NRA-Unterstützer vor, Marionetten der Linken zu sein. Verschwörungstheoretiker behaupten gar, dass es sich bei den bisherigen Demonstrationen großenteils um bezahlte Schauspieler handele.

Alex Wind, einer der Überlebenden aus Parkland, betont, worum es ihm wirklich geht: "Wir Schüler sind es einfach satt, dass Massenmord und Code-Red-Übungen an den Schulen inzwischen als Normalität gesehen werden, mit der wir leben sollen." Und Winter Minisee, eine 17-jährige Schülerin, die sich in New York gegen die Waffenlobby engagiert, sagt: "Entscheidende Veränderungen in der US-Geschichte sind von der Jugend herbeigeführt worden, zum Beispiel die Bürgerrechtsbewegung oder die Opposition zum Vietnamkrieg."

mamk/AP

insgesamt 33 Beiträge
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p-touch 23.03.2018
1. Ich schätze mal
diese Protestbewegung lässt die meisten Politiker beider Lager kalt. Der Grund ist einfach, die Schüler dürfen größtenteils noch nicht wählen und wenn sie es in ein, zwei Jahren dürfen hat sich die Sache totgelaufen. Sie werden sich weiter von der NRA unterstützen lassen und die Angelegenheit aussitzen. Die Berufspolitiker und die Kreise in denen ich sich bewegen sind von diesen Amokläufen kaum betroffen, deshalb perlt das alles an ihnen ab.
ambulans 23.03.2018
2. liebe/r
"mamk" von AP - wie kriegen sie es eigentlich hin, bei so etwas von einem "event" zu sprechen? diese schüler und jungen erwachsenen nehmen völlig legitim für sich in anspruch (sie ziehen hier ja - völlig zu recht - die damaligen demonstrationen gegen den vietnam-krieg als vergleich heran), von nun an - hätte sowieso schon längst so sein müssen! - ohne lebensgefahr ihren ausbildungen und ihrer lebensgestaltung nachgehen zu können - punkt.aus. wer sich dem in den weg stellt, hat jedes recht verloren; individuelle freiheiten finden ihre grenzen da, wo sie die legitimen rechte anderer beeinträchtigen ...
mumpsbacke10 23.03.2018
3. Sperrfeuer?
Nunja, der militärische Begriff „Sperrfeuer“ bezeichnet eine völlig andere Taktik, als der direkte Gebrauch von Schußwaffen gegen Menschen.
frenchie3 23.03.2018
4. @1 Dann hoffe ich mal daß Sie sich verschätzen
und da sind Sie sicher nicht böse wenn. Diese Schüler haben wahlberechtigte Eltern. Hoffentlich kommen auch diese zu Wort um das den NRA-Clowns beizubringen. Viel Erfolg Leute !!!
micha_123 23.03.2018
5. stellt euch vor es wäre Schule und keiner geht hin
Dieser Marsch wird nix bringen, davon lässt sich die mächtige Waffenlobby nicht beeinflussen. Die machen sich wahrscheinlich noch lustig drüber. Es wird ja auch schon behauptet, dass die Streikteilnehmer allesamt Schauspieler wären. So was dummes gibt es nur in den USA. Das einzige was helfen würde ist, wenn die Schüler streiken. Die Schüler müssen mit ihren Streiks das gesamte Schullleben lahmlegen. Und zwar so lange bis die korrupten US-Politiker ihre Einstellung ändern. Aber dazu wird den Schülern wahrscheinlich der Mut fehlen. Es müssen halt noch mehrere tausende Kinder bei Amokläufen an Schulen sterben, bis eine Generation diesen Schritt wagt.
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