Wehr- und Zivildienst Die Trickkiste der Drückeberger

Kürzerer Zivildienst, eine niedrigere Altersgrenze und Sonderregeln für Studenten bei der Einberufung - der Wehrpflicht können junge Männer künftig einfacher entkommen. Um sich das Kreiswehrersatzamt ganz vom Leib zu halten, greifen manche zu seltsamen Tricks. Und entdecken zum Beispiel die Vorzüge von Psycho-Macken.

Von Kai Kolwitz


Junge Soldaten beim Gelöbnis: Keine Spur von Wehrgerechtigkeit
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Junge Soldaten beim Gelöbnis: Keine Spur von Wehrgerechtigkeit

Ab 1. Oktober dauert der Zivildienst nur noch neun statt zehn Monate, also genauso lang wie der Wehrdienst. Das ist der wichtigste Teil eines Gesetzes, das der Bundestag am Donnerstagabend mit der Mehrheit der rot-grünen Koalition verabschiedete. Aber daneben gibt es eine Reihe weiterer Neuregelungen mit erheblichen Auswirkungen auf Wehrpflichtige, vor allem wenn sie sich bereits in Studium oder Ausbildung befinden. So sinkt die Regel-Altersgrenze für die Einberufung von bisher 25 auf 23 Jahren; wer bereits einmal zurückgestellt wurde, kann bis maximal zum 25. Geburtstag (zuvor 28.) eingezogen werden.

Zudem können Verheiratete künftig auf Antrag vom Wehr- oder Zivildienst befreit werden. Das gilt auch für Wehrpflichtige mit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder mit Sorgerecht für mindestens ein Kind. Aus der "Dritte-Söhne-Regel" wird nun die "Dritte-Geschwister-Regel": Von der Dienstpflicht kann man sich befreien lassen, wenn - unabhängig vom Geschlecht - zwei oder mehr Geschwister bereits ein ziviles oder militärisches Dienstjahr geleistet haben; bisher galt das nur bei Brüdern.

Wer Klausuren schreibt, der bleibt

Damit haben es junge Männer deutlich leichter, der Dienstpflicht zu entkommen. Schon bisher tritt lediglich rund ein Drittel der gemusterten Wehrpflichtigen tatsächlich den Dienst an. Vor allem für Studieninteressenten und Studenten bringen die Bundestagsbeschlüsse gute Nachrichten. So ist jetzt festgelegt: Ab Beginn des dritten Semesters hat jeder einen Anspruch darauf, wegen eines laufenden Studiums zurückgestellt zu werden.

Zivi im Krankenhaus: Neun statt zehn Monate
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Zivi im Krankenhaus: Neun statt zehn Monate

Bis dato galt in solchen Fällen die etwas schwammige Definition der "weitgehend geförderten Ausbildung". Die hatten Gerichte so interpretiert, dass das erste Drittel der Regelstudienzeit absolviert sein musste, um sicher vor dem Zugriff des Staates zu sein - was für viele Studenten Feilschereien um Monate, Wochen oder sogar Tage bedeutete.

Den Taschenrechner wird niemand mehr brauchen, wenn die Änderungen in Kraft treten. Das schaffe Rechtssicherheit und entlaste die Verwaltung, lobt der Bundestagsabgeordnete Anton Schaaf (SPD), der am Gesetz federführend mitarbeitete, die neuen Regelungen. Möglich wurde die Großzügigkeit vor allem deshalb, weil der Staat durch Verkleinerungen der Truppe und entsprechenden Anpassungen beim Zivildienst schon seit geraumer Zeit nicht mehr darauf angewiesen ist, alle tauglichen jungen Männer auch wirklich an der Waffe oder am Steuer eines Krankenwagens zu begrüßen.

Im Umkehrschluss bedeuten die neuen Vorschriften: Noch nie war es so einfach wie heute, Bundeswehr oder Zivildienst komplett aus dem Weg zu gehen. Früher kannte der Staat kein Erbarmen und zog Wehrpflichtige noch kurz vor Erreichen der Altersgrenze rigoros aus der laufenden Ausbildung. Diese Praxis wurde längst in aller Stille beerdigt. Mit der neuen Semestergrenze müssen Studenten nur die erste Zeit nach dem Abitur irgendwie überstehen.

Die Trickkiste der Drückeberger

In punkto Kommiss-Vermeidung war der Kreativität stets kaum eine Grenze gesetzt: Ganz Naive hofften auf den krummen Rücken oder die fiese Allergie. Mit bescheidenen Resultaten. Wagemutigere experimentierten schon mal mit Captagon, großen Mengen Alkohol oder gar mit Medikamenten gegen Schilddrüsenunterfunktion, denen der Ruf anhaftete, die Blutwerte bei Gesunden in dermaßen abstruse Höhen zu treiben, dass dem Stabsarzt nichts anderes übrig blieb, als den Probanden als nicht dienstfähig einzustufen - Risiken und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen.

Grafik: Wehr- und Zivildienst
DER SPIEGEL

Grafik: Wehr- und Zivildienst

"Es war immer möglich, sich zu drücken", meint auch der Berliner Anwalt Thomas Schulte, der sich auf das Thema Wehrpflicht spezialisiert hat. Zum Beispiel, indem man einfach eine Weile nicht auffindbar ist: "Wer mit 16 oder 17 nirgendwo angemeldet ist, der wird nicht erfasst", erläutert Schulte. "Und wer nicht gemustert wird, der wird auch nicht einberufen." Auch später noch seien längere Auslandsaufenthalte von Vorteil, sagt der Anwalt und verweist auf Klienten aus der Musikszene, die sich seltsamerweise immer gerade dann auf Asien-Tournee befanden, wenn jemand etwas von ihnen wollte. Wer so agiert, ohne sich bei der Erfassungsbehörde ordnungsgemäß abzumelden, riskiert allerdings eine Geldstrafe. Reiselustige Wehrpflichtige nehmen das in Kauf.

Wo die Einberufungspraxis willkürlich wird und angesichts enormer Ausmusterungs- und Befreiungsquoten von Wehrgerechtigkeit ohnehin keine Rede mehr sein kann, greifen junge Männer auch zu ganz anderen Tricks. Als Berater in Sachen Wehrdienstvermeidung fungiert zum Beispiel Peter Zickenrott. Für 280 Euro verkauft der gelernte Heizungsmonteur ein Paket aus dem selbst verfassten "Anti-Wehrdienst-Report" und telefonischer Beratung bis zur endgültigen Ausmusterung. Seine Kunden findet er über das Internet und Anzeigen in Tuning-Zeitschriften wie "VW Scene" oder "Opel Flash". Bisher habe er noch jedem helfen können, rühmt sich der Schwarzwälder.

Sind wir nicht alle irgendwie depressiv?

Versuche, Zickenrott auf juristischem Weg das Handwerk zu legen, scheiterten dagegen regelmäßig. Denn der Ausmusterungsberater ist weit davon entfernt, seinen Klienten Tipps zur Vortäuschung von Krankheiten zu geben. Stattdessen rät Zickenrott, der sich selbst als "praktizierenden Hypochonder" beschreibt, zur genauen Selbsterkundung. Vor allem in der Psyche des Probanden lassen sich dabei die erstaunlichsten Dinge finden. Beispiel: Wer nachts gelegentlich aufwacht, morgens nur mit Schwierigkeiten aus dem Bett kommt und tagsüber irgendwie antriebsarm ist, der könnte einfach zu viel Kaffee getrunken oder zu schwer gegessen haben. Aber liegt hier nicht eher eine handfeste Depression vor? Nichts ist unmöglich. "Dinge aus dem seelischen Bereich führen zur Ausmusterung - das ist vielen nicht klar", beschreibt der Berater das Procedere. Der Vorteil an den Psycho-Macken: Selbst wenn der Stabsarzt glaubt, es mit einem Schwindler zu tun zu haben, muss er das erst einmal beweisen können.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums lässt sich dazu nur ein zähneknirschendes "Wenn jemand krank ist, dann ist er krank" entlocken. Für spezielle Fälle hat Zickenrott daher noch Tipps parat, die eigentlich blanke Provokationen der Staatsgewalt darstellen, nach seinen Angaben aber trotzdem funktionieren: Sexsucht beispielsweise. Oder der so genannte Gewaltschlaf, bei dem Probanden des Nachts um sich schlagen und Kameraden würgen, ohne selbst etwas davon mitzubekommen. Auch mit der guten alten Homosexualität lässt sich nach den Erzählungen des Spin Doctors immer noch punkten: Zwar führt die schon lange nicht mehr zur Ausmusterung. Doch wer sich partout nicht davon abhalten lässt, den Kameraden in der Kaserne an die Kronjuwelen zu gehen, den muss man irgendwann wegen mangelnder Gemeinschaftsfähigkeit feuern. Meint Zickenrott.

Am 1. Oktober sollen die neuen Bestimmungen zur Wehrpflicht in Kraft treten. Verzögert werden könnte das neue Verfahren allenfalls durch einen Einspruch des Bundesrats, den der Bundestag dann zurückweisen müsste. Zickenrott arbeitet derweil unter südlicher Sonne an einer Buchfassung seines "Anti-Wehrdienst-Reports". Und für den Fall, dass der Staat die Wehrpflicht doch abschafft und ihm damit die Geschäftsgrundlage entzieht, hat der Ausmusterungsberater schon einen Plan B parat: "Dann werde ich wohl auf Berufsunfähigkeit abheben."

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