Wehr- und Zivildienst Wie mache ich mich untauglich?

Schlafentzug und literweise Kaffee, Nussallergie und Charmeoffensive - um der Bundeswehr zu entkommen, greifen manche Wehrpflichtige tief in die Trickkiste. Drei Ausgemusterte erzählen, was sie sich angetan haben.

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Junge Soldaten beim Gelöbnis: Voll tauglich
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Junge Soldaten beim Gelöbnis: Voll tauglich

Das Kreiswehrersatzamt in Deggendorf ist kein schöner Bau. Felix musste sich übergeben, bevor er es betrat. Mit dem Amt hatte das nur indirekt zu tun. Vielmehr lag es an der Hitze - und daran, dass Felix ein paar Maßnahmen ergriffen hatte, um sich vor Bundeswehr und Zivildienst zu drücken. Ersehntes Ziel: Tauglichkeitsgrad T 5, also nicht wehrdienstfähig, also ausgemustert.

Und T 5 ist gar nicht so weit weg: Um sich nicht nur die Zeit als Soldat, sondern auch den neunmonatigen Ersatzdienst in Krankenhaus oder Altenheim zu ersparen, müssen viele junge Männer gar nicht simulieren, sondern ihren Wehwehchen nur ein bisschen nachhelfen. Früher waren Wehrpflichtige ohne chronische Krankheiten oder schwere Verletzungen noch chancenlos - heute reichen oft schon Schlafstörungen oder ein krummer Rücken, um durch die medizinische Prüfung zu fallen.

Zwei Nächte ohne Schlaf und literweise Kaffee

Felix hatte seit zwei Tagen nicht geschlafen, am Morgen eine Schachtel Zigaretten geraucht und mehrere Liter Kaffee getrunken, als er sich in Deggendorf übergeben musste. Ein vergleichsweise sanfte Methode: Felix verzichtete auf die todsicheren Rezepte wie Experimente mit dem Aufputschmittel Captagon, großen Mengen Alkohol oder gar mit Medikamenten gegen Schilddrüsenunterfunktion, um den Bundeswehrarzt von der eigenen Untauglichkeit zu überzeugen.

Von seiner Show war Felix selbst nicht besonders überzeugt. "Ich dachte, das ist so banal, damit kommst du nie durch", sagte der 19-Jährige. Doch beim Kreiswehrersatzamt taten Koffein, Nikotin und Schlafentzug ihre Wirkung. Nach zehn Kniebeugen war er platt, beim Hörtest stellte er sich taub, bei allen anderen Fragen dumm - das reichte, um vom Stabsarzt die Dienstunfähigkeit bescheinigt zu bekommen.

Der Allergie kräftig nachgeholfen

Christian wollte bei seiner Musterung nichts dem Zufall überlassen und half einem angeborenen Leiden in Form einer Nussallergie nach. Eine Woche vor dem Musterungstermin fing der 18-Jährige an, Nüsse zu essen. Ein juckender Ausschlag am ganzen Körper ließ nicht lange auf sich warten, im Gesicht bildeten sich kleine Pusteln. Die weiteten sich sogleich zu großen Kratern aus, als Christian die Nüsse nicht mehr aß, sondern sie als Creme auf seine Haut schmierte. "Ich musste mich kratzen, bis meine Arme und Beine bluteten", erzählt Christian.

Das unangenehme Äußere wurde von dem Gestank, den er verbreitete, fast übertroffen: Zwei Wochen lang hatte sich Christian nicht gewaschen, als er ins Kreiswehrersatzamt fuhr. Vom Unterricht hatte er sich für diese Zeit befreien lassen. "Die hätten mich in meinem Zustand ohnehin nicht in die Schule gelassen", so Christian.

Die letzte Nacht vor der Musterung verbrachte er mit Kaffee und Wodka vorm Fernseher. Stinkend, mit dunklen Ringen unter den Augen und feuerroter, eitriger Haut betrat er am nächsten Morgen das Kreiswehrersatzamt. Zur Verstärkung hatte er Pups-Spray, ein besonders widerliches Stinkgas, auf seine Klamotten gesprüht und seine Haare mit Vaseline ruiniert. Der zuständige Stabsarzt zeigte sich beeindruckt. "Der hat mich noch vor der medizinischen Untersuchung nach Hause geschickt", erzählt Christian.

Die Amtsärztin bezirzt

Die eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um ausgemustert zu werden, ging Philipp doch zu weit. Der 19-Jährige wollte keine Pillen schlucken oder eine Alkoholvergiftung provozieren. Für ihn war klar, dass er seinen Zivildienst im städtischen Altenheim absolvieren würde. Zur Musterung brachte er daher weder Entzugserscheinungen noch Allergien mit. Der medizinische Test verlief normal, der Arzt stufte Philipp als "voll dienstfähig" ein.

Auch das anschließende "psychologische Abschlussgespräch" war angenehm und entspannt, erinnert sich Philipp. Freundlich und locker habe er mit der Bundeswehr-Psychologin über Tennis geplaudert. Plötzlich tat sich aus dem Nichts die große Chance auf. Ob er nach dem Abitur nicht lieber gleich studieren wolle, fragte die Psychologin den Schüler. "Sicher, wenn der Zivildienst nicht wäre", antwortete Philipp. "Die Psychologin meinte, dass könne man doch ändern und ging aus dem Zimmer. Ich war perplex", erzählt Philipp. Nach zehn Minuten kam die Psychologin zurück. "Du bist ausgemustert und kannst heimgehen", war ihre knappe Botschaft.

Philipp hat seither nie mehr etwas von der Bundeswehr gehört.



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