Wellenreiten in München Die Tricks der Großstadtsurfer

Reggae, Surfboards und die perfekte Welle: In München geht Wellenreiten auch ohne Meer. Laura und Simon, 16, surften auf der Isar um die Meisterschaft - und bewiesen, dass gekonnte "Airs" und "Shiftys" nicht nur in Hawaii das Gefühl der ganz großen Freiheit bringen.

Von Stefan Brunner


Hochwasser in München, die Isar schießt – gespeist vom Alpenwasser – durchs Flussbett. Viermal, vielleicht fünfmal im Jahr kommt es zu diesem Wasserhochstand, der die Flusssurfer der bayerischen Hauptstadt aufgeregt in ihre Neoprenanzüge klettern lässt. Zeit ist kostbar, denn die Welle hält nur einen Tag, also schnell handeln. Einer setzt per SMS die Info-Kaskade in Gang und wenig später treffen die ersten 15- bis 25-Jährigen an der Reichenbachbrücke ein. Per Sprungstart stürzen sie sich mit ihrem Brett in die braune Wassermasse, während ungläubige Passanten in respektvollem Abstand auf der Brücke verharren.

Und sonst? Auch ohne Hochwasser gibt es in München die perfekte Welle, zwei sogar. Eine am Eisbach hinter dem Haus der Kunst und eine an der Floßlände in der Nähe des Tierparks, wo am Samstag die Munich Surf Open 2006 stattfand, eine Surfparty, bei der Spaß statt verbissenem Ehrgeiz die Atmosphäre ausmacht.

Es herrscht Badestimmung, auf der Liegewiese neben dem Fluss hat sich die Fangemeinde ausgebreitet, eine bunte Truppe: junge Menschen in Shorts und Bikinis, Rastazöpfe und Ziegenbärte, Interessierte und Cracks, Surfboards und Mountainbikes. Reggaebässe wummern aus riesigen Boxen, während der 16-jährige Simon Strangfeld sein Surfbrett wachst. Damit es schneller fährt? Er lacht. "Nein, damit ich mit den Füßen nicht vom Brett rutsche. Dieses Wachs hier bremst."

Simon startet als Jugendlicher in der U18-Kategorie. Die ganze Tour habe er dieses Jahr mitgemacht, erklärt der Münchener Gymnasiast und klingt wie ein alter Routinier. Zur ganzen Tour gehören neben der Munich Surf Open die Wettbewerbe im Schweizer Bremgarten und im österreichischen Silz. Ein paar erste Plätze habe er in seiner vierjährigen Flusssurfer-Karriere auch schon geholt.

Der erste Surfer sollte eigentlich schon um neun Uhr loslegen, aber – so wird sich an diesem Tag mehrfach zeigen – Uhrzeiten sind nicht so wichtig, wenn man das Zeug dazu haben soll, sein Board über eine stehende Welle zu lenken. Bevor Simon und die anderen ab halb elf ins Wasser gehen, gibt der Moderator der Veranstaltung noch ein paar Informationen zur Bewertung: "Im Riders’ Meeting erklären wir jetzt, wie gejudgt wird. Jeder hat zwei Quali-Runs à 30 Sekunden, der bessere Run zählt. Die letzten zehn Sekunden werden angesagt, der last Trick auch."

Berufswunsch: Surfprofi in Australien

Surfersprache ist international und soll eben auch auf Hawaii verstanden werden. Immerhin sind auch internationale Sportler unter den 46 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sonst vorwiegend aus dem Münchner Raum kommen, am Start: drei Briten, ein Franzose, ein Österreicher.

Simon springt mit dem Brett unter den Füßen ins Wasser. Knapp zehn Meter misst die Isar hier und wird von zwei Steinmauern in die Enge gezwängt. Die Welle steht etwa einen Meter steil nach oben. "Ein guter Sprungstart", erklärt Markus Suchanek, einer der drei Juroren. "Vor allem von dieser Uferseite. Die Welle schäumt dort mehr und trägt nicht so gut."

Frontside Turn, Backside Turn – so heißen die Wenden, die über die vordere und die hintere Körperseite gefahren werden. Simon steht sicher auf dem Board , die Surfgemeinde nickt und klatscht. Simon versucht einen Three sixty, eine 360-Grad-Drehung mit Brett – und kracht ins Wasser. Markus schreibt ein paar Zahlen in sein Bewertungsschema und fixiert den nächsten Starter, Steve Ratzisberger, ein 15-jähriger Titelaspirant, der geschmeidig über die Welle surft. Ihm wird der Rail Grap zum Verhängnis, der Griff an die Brettkante. Platsch.

Steve klettert aus dem Wasser, zieht sein Brett heraus, schüttelt die halblangen Haare. Enttäuscht? "Eigentlich nicht, ich habe ja noch einen zweiten Run." Ein bisschen aufgeregt sei er gewesen. Zweimal in der Woche schnappt er sich nach der Schule sein Brett, um hier oder am Eisbach seine Tricks zu trainieren: Airs, Sprayer und Shiftys. "Jetzt vor den Ferien ist zum Glück mehr Zeit." Seine Zukunftsplanung steht schon fest: Er will sich in einem Surf-Geschäft zum Einzelhandelskaufmann ausbilden lassen. Anschließend plant er, nach Australien auszuwandern, "um dort mit der internationalen Surf-Karriere anzufangen".

Flusssurfer sind normalerweise auch Meeressurfer. "Nur, bis zum Meer ist es ein langer Weg", sagt Kilian Neuner, Veranstalter, Student und Vorstandsmitglied der " Großstadtsurfer". Etwa die Hälfte der 400 Münchner Flusssurfer sind in diesem Verein organisiert, der gegründet wurde, um der Stadt auf seriösem Niveau entgegentreten zu können. Denn die Münchner Stadtväter sind von den Riversurfern gar nicht begeistert. "Obwohl wir als Touristen-Attraktion in Reiseführern stehen. Sogar auf der Homepage der Stadt München kann man uns finden", sagt Kilian. Doch in der Stadt fürchtet man das Verletzungsrisiko und duldet das Surfen zwar an der Floßlände, verbietet es aber nach wie vor am Eisbach.

Hawaii-Feeling in München

"Zum Glück kommt heute nicht mehr die Polizei wie früher", erinnert sich Carsten Moor, ältester Teilnehmer der Munich Surf Open. "Vor 25 Jahren", so der 44-jährige Leiter einer Snowboardfirma, "haben wir in die Wiese neben dem Eisbach große Löcher gegraben, um unser Surfmaterial schnell vor der Polizei verstecken zu können." Das Blitzen in seinen Augen verrät etwas über die Faszination des Sports. Das Surf-Gen haben seine Kinder geerbt: Severin ist zehn, jüngster Teilnehmer und erst zum vierten Mal auf der Floßländen-Welle unterwegs. Natürlich brilliert er nicht mit den Tricks der Großen, bleibt aber länger auf dem Board als manch erfahrener Teilnehmer.

Laura, die 16-jährige Tochter, hätte in der U18-Gruppe starten können, wollte sich aber lieber mit den Frauen messen – eine Entscheidung mit Kalkül: Platz zwei im Gesamtklassement. Mit welchem Gefühl steht man denn auf der Welle? Laura blinzelt in die Sonne, zupft an ihrer Hawaiianischen Blumenkette. "Man vergisst alles", sagt sie schließlich. "Es ist ein Gefühl der Freiheit."

Das Finale: Steve hat sich ebenso wie Simon qualifiziert. Jetzt wird in die Trickkiste gegriffen. 15 Minuten lang dürfen die Finalisten so oft auf die Welle wie möglich. Bewertet wird der Gesamteindruck. Steve wird zweiter, knapp hinter Simon, der die U18-Wertung mit einem Quäntchen mehr Style und Variation gewinnt. Sein Preis: ein Surfanzug. Den wird er bald brauchen, wenn die Hitzeperiode vorübergeht und der Herbst beginnt – denn River-Surfen ist nicht nur Sommersport.



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