WG-Casting Malst du bitte mal ein Bild von dir?

Wer ein Zimmer sucht, braucht starke Nerven - manche WGs haben bizarre Aufnahmerituale. Inquisition light: Jana, 19, kam sich vor wie beim virtuellen Casting und Jan, 21, wie im Assessment-Center. Luitgard, 18, sollte sich sogar selbst zeichnen, "da oben in das Kästchen".


Luitgard sucht das Studenten-Leben und landet in einer Küche mit drei großen Schwestern

"In einer WG zu leben, habe ich mir bisher immer sehr lustig vorgestellt. Vor kurzem wurde die Sache für mich konkret: Ich wollte zu Hause ausziehen und begab mich auf Zimmersuche in Heidelberg.

Das WG-Leben, dachte ich, wird eine gute Sache: Man spart nicht nur Kosten, sondern trifft obendrein coole Leute, kocht zusammen, feiert Partys, macht die Kneipen und Bars der Stadt unsicher. Frohen Mutes habe ich mich durch die vielen WG-Angebote im Internet gewühlt und ein paar WGs auf einen Zettel geschrieben - eine 'typische' Studenten-WG sollte es sein.

Ich hatte Bilder im Kopf: Alles ist irgendwie chaotisch, überall liegen Sachen rum. Aus einem Zimmer schallt immer Musik, jeden Tag kommen neue Leute zu Besuch. Die Atmosphäre ist locker, entspannt, unkompliziert. Konnte ja nicht so schwer sein, so eine ideale WG zu finden, oder?

'Warum sollten wir gerade dich nehmen?'

Meine erste Station in Heidelberg: Einfamilienhaus, Spielstraße, ruhige Nachbarschaft mit gut gepflegten Vorgärten. Kleinstadtflair. Und hier leben Studenten? Ich klingelte und saß bald in einer gepflegten Küche mit Einbau-Mobiliar am Tisch. Alle drei Bewohnerinnen studierten Lehramt. Sie führten mich ein wenig herum: Alles sah sehr familiär aus, es gab sogar einen Wintergarten. War ich wieder zu Hause oder in einer Studenten-Bude? Mein Bild von bunten, zugestellten Zimmern und der chaotischen Küche begann zu bröckeln.

Dann das 'Verhör': Eine der Bewohnerinnen hatte einen Fragebogen vor sich liegen. Darauf standen mein Name, meine Adresse und auch Dinge wie: 'Besondere Merkmale' und 'Warum sollten wir gerade dich nehmen?'

Ja, warum eigentlich? Was machte mich so besonders? Es gab ja noch andere Bewerber. Ich begann langsam zu zweifeln: Wollte ich wirklich in einer WG wohnen, in der wohl dreimal die Woche geputzt wird und in der man Musik nur leise hört?

Die drei erzählten mir von ihrer Einweihungsparty, einer Motto-Party mit dem Thema 'James Bond'. Das passte irgendwie gar nicht zu den netten Lehramtsstudentinnen, die da um mich herum am Küchentisch saßen! Ausgelassenes Feiern konnte ich mir mit denen kaum vorstellen. Dazu waren sie einfach zu...nett.

Ja, ich esse gern Gemüse. Ja, ich koche gern

Während ich erzählte, machte sie sich ihre Notizen. War es nicht schon fast komisch, dass ich alles bejahte, was sie mich fragten? Ja, ich esse gern Gemüse. Ja, ich gehe öfter mal joggen. Ja, ich koche gern. Vor allem gesund. Ja. Ja. Ja.

Wo war ich hier gelandet?

Es wurde immer besser. Eine der drei Studentinnen schob mir lächelnd ihren Fragebogen zu. Das sei der 'Selbsttest', sagte sie. Und: 'Jetzt mal dich mal selbst, da oben in das Kästchen!'

Wie? Ich sollte mich zeichnen? War das hier eine Kunstschule? 'Wofür soll das gut sein?', fragte ich. 'Sieh es als erste pädagogische Aufgabe', sagte sie.

Aha. Pädagogisch. Das hatten die lächelnden Feen wohl in der Uni gelernt. Eine neue Methode, wie man anhand eines Selbstportraits Charakterzüge bestimmt. Oder sie wollten sich nur die einzelnen Bewerber besser einprägen. Ich malte mich auf das Papier: ein Strichmännchen.

'Hey, das hat ja sogar ein bisschen Ähnlichkeit mit dir!', sagte die höflich Lächelnde zu meiner Rechten. Ich war verunsichert - mein armes Strichmännchen konnte man wirklich nicht als Kunstwerk betrachten? Wir verabschiedeten uns, schnell raus hier. Meine Mitfahrgelegenheit wartete schon vor der Tür.

'Und, wie wars?' 'Ganz nett. Nett, ja ... ich sollte mich selbst malen.' Ich stieg ins Auto und wusste schon, dass ich mich für eine andere WG entscheiden würde. Was mich wirklich gestört hat: Es war nicht das Strichmännchen, vielmehr das Gefühl, in dieser WG immer noch irgendwie zu Hause zu wohnen - die Studentinnen kamen mir vor wie meine älteste Schwester in dreifacher Ausgabe.

Jetzt habe ich eine passende WG gefunden. Turbulente Lage, mitten in Heidelberg. Wir sind zu zweit. Das Vorstellungsgespräch war locker und entspannt. Und ich musste keine Strichmännchen malen."

Aufgezeichnet von Nora Große-Harmann

insgesamt 6 Beiträge
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seba0205 09.11.2007
1. Die andere Seite hat's aber auch nicht leichter.
Danke für den unterhaltsamen Artikel. Ich habe bis vor ein paar Wochen auch in einer WG gewohnt, in der wir wegen hoher Fluktiation regelmäßig neue Mitbewohner gesucht habe. Folglich habe ich eine Unmenge von Bewerbungsgesprächen mit Kandidaten geführt. Hier ein paar Tipps, was man nicht machen sollte, wenn man sich eine WG anschaut (alles vorgekommen): - Mit den Eltern kommen (beliebt bei Erstsemestlerinnen). Besser einen guten Freund mitbringen. - 45 Minuten über die Trennung von der Ex jammern (keiner will mit einem Waschlappen zusammenwohnen, außerdem ist Zeit Geld) - Ein StudiVZ- Profil mit aussschließlich (!) Sauffotos online haben und dann behaupten, "eher ruhig" zu sein. Dadurch haben wir viele Kandidaten aussortiert. Generell ist es für die WG- Bewohner auch nicht leicht, sich binnen 20 Minuten ein Bild von jemandem zu machen, zu überlegen, ob die Person in die WG passt, und das dann noch mit den anderen Kandidaten zu vergleichen. Schließlich muss man ja mit der Person dann zusammenwohnen.
Philheimer 10.11.2007
2. Nja,
mag sein, dass sich in den letzen paar Jahren etwas geändert hat, doch denke ich, dass nach wie vor normale Menschen, welche nicht diversen medialen Hypes/Hysterien anheim gefallen sind, die "Normal-WG" bevölkern. Vor nicht allzu langer Zeit hatte auch ich eine WG, in meinem Fall war der Raum Mannheim gewichtig, gesucht, und sofern mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren keine komplexen bzw. ausgetüftelten "Aufnahmekriterien" erforderlich, um das gewünschte Zimmer dingfest zu machen. Sympathie und die Zuversicht, miteinander gut auszukommen, waren völlig ausreichend, was die darauffolgenden drei Jahre Jahre (in der 4er-WG) völlig bestätigten. Ich habe das Gefühl, hier wird etwas "gehyped", das diese Dramatisierung gar nicht braucht. Menschen begegnen sich, bilden sich relativ schnell eine Meinung, Bauchgefühl spielt sicher eine große Rolle, und der Spaß beginnt. Gut so. Aufwendiges Casting darf im TV-Programm bleiben.
sinnsucher, 10.11.2007
3.
Sorry, aber ich bekomme schon ein wenig Bauchgrummeln, wenn ich die leichte Empörung die in den Texten mitschwingt spüre. Es gibt eben auch weniger "romantische" WGs,in denen Studenten leben, die nicht von Mami und Papi finanziert werden... Da ist extrem wenig Zeit für herumhängen, Parties etc. Da besteht der erste Grund für das WG-Leben durchaus darin, dass Geldnot herrscht. Dennoch möchte man sich wohlfühlen wenn man nach Hause kommt und zusammen in der Küche sitzt. Wenn man also wegen Arbeit und Studium einer 50-60Stunden Woche hat, ist man nicht in der Lage, 20-30 Gespräche mit irgendwelchen potentiellen Mitbewohnern zu führen, das kostet viel zu viel Zeit. Somit ist es völlig logisch, das man versucht, soviel wie möglich vorab zu klären. Denn anhand der Antworten/dem Schreibstil + Telefonat kann ich definitiv eine Menge erfahren und sowohl dem Suchenden als auch mir eine Menge Zeit und Frust sparen. Erstsemestler die gerade von zuhause ausgezogen sind sollten denke ich am besten mit anderen Erstsemestlern zusammen ziehen...
dienstbeflissen 10.11.2007
4.
naja, kommt eher drauf an als was man ne wg sieht. wenn sinnsucher in ner wg nur ne zweckgemeinschaft sieht so ist das vorgehen sicherlich ok. aber ich denke, die meisten studenten suchen doch eher auch ein wenig gemeinschaftsgefühl oder wollen einfach mal zusammen kochen oder was auch immer. und da macht es schon sinn sich mit dem bewerber einfach mal ne runde unterhalten. so ein neuer mitbewohner ist ja nicht wie ein neues auto wo nur farbe und motorleistung passen müssen und dann ist alles ok. wichtiger finde ich es, sich mit der entscheidung grundsätzlich eine nacht zeit zu lassen, so dass jeder noch mal in ruhe ne nacht drüber schlafen kann. ist auch für den bewerber / die bewerberin netter, wer weiss ob er / sie sich auch beim gespräch wohlgefühlt hat. wir haben einmal den fehler gemacht spontan zuzusagen ohne vorher allein drüber zu sprechen und jetzt haben wir da so einige probleme in der wg... schräge aufnahmerituale, verhöraktionen, wilde fragebögen und assessment-center-ähnliche "eignugstests" wirds immer geben. wgs sind eben auch nur ein spiegelbild der gesellschaft, und da laufen auch genug seltsame menschen herum... ;-)
Lilliane 12.11.2007
5. Kommt drauf an!
Ich denke, es kommt immer auf die Wohnsituation drauf an! In vielen Uni-Stadten ist es schier unmöglich, ein Zimmer oder eine WG zu finden, und da wissen die Leute natürlich, dass sie aussieben können. Und natürlich kommen viele Erstis mit der Idee von der romatisch-chaotischen WG daher. Das ist dann solange witzig, bis ein Mitbewohner eine spontane Party schmeißt wenn man am nächsten Tag eine Klausur hat, oder wenn die Teller "halt mal stehen bleiben" und sich langsam ein Pelzchen anziehen. Man muß sich mit seinen Mitbewohnern gut verstehen, sonst ist nach Hause kommen die Hölle; da denke ich mir, es ist am besten wenn Erstis zusammen ziehen und sich erstmal 'die Hörner abstoßen', auch darum steht in vielen Anzeigen "keine Erstsemester". Ich denke einfach, aus der leicht chaotischen WG wächst man irgendwann raus.
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