WhatsApp-Protokoll Junge Salafisten wissen wenig vom Islam

Sie berufen sich auf Allah, haben von heiligen Schriften und Ritualen aber wenig Ahnung: Eine Studie zeigt, wie sich radikale salafistische Jugendliche unbeholfen ihren eigenen Islam zusammenschustern.

Jugendliche jubeln in Frankfurt dem Salafisten-Prediger Pierre Vogel zu (Archivbild)
DPA

Jugendliche jubeln in Frankfurt dem Salafisten-Prediger Pierre Vogel zu (Archivbild)


5757 Nachrichten in einer WhatsApp-Gruppe haben die Forscher ausgewertet. Rund ein Dutzend Salafisten zwischen 15 und 35 Jahren tauschten sich in dem Chat aus. Was sie dort schrieben, zeigt: Junge Menschen, die sich gewaltbereiten radikal-islamischen Gruppen anschließen, wissen tatsächlich aber oft nur sehr wenig über den Islam.

"Man kann sagen, sie bauen sich ihren eigenen 'Lego-Islam'", sagt Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück am Montag. Er untersuchte zusammen mit Wissenschaftlern der Uni Bielefeld die WhatsApp-Posts der salafistischen Jugendgruppe. "Man kann nicht von einer Radikalisierung des Islam sprechen, sondern eher von einer Islamisierung der Radikalität", so Kiefer. Sprich: Der Islam wird als Kanal benutzt, um die eigene Gewaltbereitschaft auszuleben.

Journalisten des ARD-Fernsehmagazins "report München" hatten den Chat erhalten und den Forschern zur Auswertung überlassen. Die Posts stammen von Anfang 2016, kurz vor einem geplanten Anschlag.

Zur konkreten Tat wollten die Forscher keine Angaben machen. Aus Anspielungen in der Studie wird aber deutlich, dass es sich um den Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen im Frühjahr 2016 handeln muss, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Wegen der Tat waren drei 17-Jährige zu mehrjährigen Jugendstrafen verurteilt worden.

Die zeitweise bis zu zwölf Mitglieder der WhatsApp-Gruppe hätten so gut wie keine Bindung an Moscheegemeinden oder traditionelle Formen des Glaubens gehabt, fanden die Forscher heraus. Die Gruppe betrachte die Mehrheit der Muslime, die nicht ihren radikalen Ansichten folge, als Feinde.

"Selbst die Gestaltung einfachster ritueller Alltagshandlungen - wie zum Beispiel die Verrichtung des Pflichtgebets - ist Teilen der Gruppenmitglieder nicht bekannt", schreiben die Forscher.

In dem WhatsApp-Chat werde über ganz normale Dinge diskutiert, die für Heranwachsende wichtig seien, etwa über Beziehungen, Freundschaften oder Sex, sagte der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, Andreas Zick. Die Vorstellungen der Gruppe seien "naiv und romantisierend": Die Jugendlichen träumten davon, auf den Schlachtfeldern des Dschihad zu stehen und dabei zum Mann zu werden.

Die Forscher analysierten detailliert, woran sich das mangelnde Wissen über den Islam äußerte. An zwei Stellen werde behauptet, es gäbe Stellen in den Hadithen - den Überlieferungen Mohammeds -, aus denen man eine bestimmte Rechtsposition ableiten könne. Das zeuge "von massiver Unkenntnis", heißt es in der Studie.

Bemerkenswert sei auch, dass bei der Nennung des Propheten die obligatorische Segenssprechung (taliyya) ausgelassen werde, ohne dass dies in der Runde irgendeinen Anstoß findet - "ein Umstand, der in einer Diskussion unter tatsächlichen Rechtsgelehrten unvorstellbar wäre".

Die Forscher mahnen zum Thema Prävention: Da die Jugendlichen nicht mit den Moscheegemeinden verbunden seien, könnten Präventionsangebote über die Gemeinden sie auch nicht erreichen. Lehrer sollten aufmerksam sein und auch auf Mitschüler hören, die ein sehr feines Gespür dafür hätten, wenn sich ein Jugendlicher zurückziehe.

lov/dpa

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