Digitaler Unterricht Wer ist der bessere Lehrer - das Whiteboard oder ich?

Whiteboards im Unterricht sind super. Als Lehrer kann man einen Film zeigen, statt zu unterrichten - bis die Lampe durchbrennt, der Ton kaputt ist oder die Batterie leer.

Unterricht mit Whiteboard
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Unterricht mit Whiteboard


Ein bisschen stolz war ich neulich schon, denn ich hatte meinen Unterricht in einem Oberstufenkurs für meine Verhältnisse extrem gut vorbereitet: Aufbauend auf ein Schüler-Referat wollte ich am digitalen Whiteboard einen Kurzfilm zeigen und Ergebnisse anschließend mithilfe eines Tafelbilds sichern.

Wie immer wollte ich in der Pause alles vorbereiten. Denn das digitale Whiteboard, also "eine interaktive digitale Tafel, die mit einem Computer verbunden ist" (Wikipedia), kann man nicht einfach so benutzen. Man muss den dazugehörigen Computer erst hochfahren, dann meldet man sich an und meistens müssen die Stifte "kalibriert" werden, damit der Stift auch wirklich dort, wo man ihn aufsetzt, seine Striche zieht. Das alles dauert.

Als ich loslegen wollte, wurde meine gute Laune jedoch binnen Sekunden von einem "Systemfehler" geradezu ausradiert: Ich konnte mich nicht anmelden! Die ersten Minuten der in der Pause nicht vorbereiteten Stunde verbrachte ich mit einem Schüler vor dem Whiteboard - gemeinsam scheiterten wir beim Versuch, meinen Unterricht zu retten.

Batterie leer, Lampe durchgebrannt, Ton kaputt

Insofern hat selbst in dieser Situation das Whiteboard einen konkreten Nutzen gehabt: Mein Schüler und ich sind uns nähergekommen, während die anderen Schüler Zeit hatten, für die Bio-Klausur zu lernen. Und der Schüler, der das Referat halten sollte? Er gab mir zum Beweis, dass er es wirklich vorbereitet hatte, seinen Stick, auf dem eine PowerPoint-Präsentation war, die ich mir am Nachmittag zu Hause allein angeguckt habe.

Es kam auch schon vor, dass die Batterie der Maus leer war. Einmal brannte mitten im Unterricht die Lampe des Beamers durch. Ein anderes Mal ging der Ton nicht.

Bei den einfachen Fällen gibt es übrigens schnell Hilfe - am nächsten Tag funktioniert wieder alles. Bei den komplizierten Fällen wird ein "Amt" benachrichtigt. Das ist eigentlich sogar praktisch, weil man dann immerhin weiß, dass man einige Wochen das Board nicht wird benutzen können und eh alles analog vorbereitet.

Ich weiß nicht, wie oft ich mir in den zurückliegenden Jahren die Schiefertafeln zurückgewünscht habe. Weil Kreide nie kalibriert werden muss. Wenn eine Tafel nicht sofort einsatzbereit ist, bedeutet das nur: Man muss sie wischen.

Filme ersetzen den Unterricht

Ja, ja... stimmt, natürlich funktionieren die digitalen Whiteboards in der Regel. Aber machen sie den Unterricht wirklich besser? Ich selbst erwische mich viel zu oft dabei, wie Filme, die man dank der Whiteboards in Kinoqualität zeigen kann, meinen Unterricht ersetzen. Und habe ich mich nicht erst vor Kurzem selbst für obsolet erklärt, indem ich die Schüler mithilfe eines YouTube-Videos für den herrlichen Klang des französischen Alphabets begeistern wollte?

Ja, ich habe in einem schwachen Moment tatsächlich all meine Kompetenzen an ein Lehrvideo übertragen. Warum? Weil es so bequem war. Und ich werde den entsetzlichen Gedanken nicht los, dass es das Ziel moderner Bildungspolitik ist, uns nach und nach digital zu ersetzen. Sonst würde man nicht in die Digitalisierung Milliarden investieren, sondern neue Lehrerstellen schaffen.

Zum Autor
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, Jahrgang 1972, unterrichtet an einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen Französisch und Geschichte. Der Lehrer ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen "Mama ist auf Dienstreise" und "Maupassant".
  • arneulbricht.de
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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
paulfreitag06 02.01.2018
1. die Tücken der neuen Technik
Ich habe auch die letzten Jahre vor der Pensionierung mit elektronischen Medien unterrichtet. Man hat deutlich mehr Möglichkeiten, den Unterricht zu gestalten. Allerdings erfordert das auch erheblich mehr Vorbereitungszeit. Außerdem muss man sich tiefgründig mit der Technik vertraut machen, das Pannenszenario inbegriffen. Smartboards waren anfangs noch viel störanfalliger, besonders wenn sie nicht fest an der Wand verschraubt waren. Auch wenn verschiedene Kollegen mit ihren Notebooks dran waren, war mitunter die Einstellung verändert. Anders als die gute alte Schreibtafel muss man generell vor jedem Unterricht einen Probelauf machen. Schlimm, wenn das zeitlich nicht möglich ist. Ich denke aber, in einigen Jahren werden diese Medien nicht nur zum Alltag gehören, sondern auch viel weniger Probleme bereiten. Bis dahin sollten alle Lehrer aber den Umgang beherrschen und gleichzeitig aber auch noch wissen, wie man bei Ausfall der Technik seinen Unterricht konventionell weiterführt, ohne dass die Schüler den Eindruck haben, hier wurde gerade ein Notprogramm abgespielt. Es ist auch nicht so pädagogisch wertvoll, wenn der Lehrer bei Problemen die Schüler um Hilfe bitten muss...erst Recht, wenn die das Problem dann lösen können. Aber es ist wie überall: am schlimmsten ist die Übergangszeit.
fatfrank 02.01.2018
2. So so...
...eine Lehrkraft beklagt sich, dass sie (vermeintlich) von IWB und Videos ersetzt wird. Kurze Frage: Wer hat entschieden, das IWB einzusetzen? Wer spielt die Videos ab, anstatt selbst die franz. Laute auszusprechen? Genau. Dann aber bitte nicht über "die" Technik oder "die" Digitalisierung schimpfen. Niemand wird gezwungen, das Zeug einzusetzen (es sei denn, die alten Tafeln werden abgenommen - soll auch schon vorgekommen sein). Besser an der eigenen Medienkompetenz arbeiten oder die Dinger eben nicht einsetzen. Die Entscheidung dafür aber liegt bei der Lehrkraft. Von daher: No excuses. Powerpoint (nur so als Beispiel) ist nicht schlecht, wenn es schlecht benutzt wird. Und: Gute Technik kann auch keinen schlechten Unterricht gut machen. Alle schimpfen immer auf [irgendwas]. Ja, dann nutzt es halt nicht - oder macht es selber besser.
maria3333 02.01.2018
3. Smartboard funktioniert zu oft nicht!
Der Beitrag trifft den Nagel auf den Kopf. Ich bin selbst Lehrerin und habe schon immer gern am Computer und mit technischen Geräten gearbeitet. Nach dem Referendariat habe ich mir ein Tablet zur Verwaltung meiner Klassen und Noten in einer App gekauft. Ich bin also keineswegs eine dieser technik-unfähigen Lehrerinnen. Aber Smartboards sind eine komplette Fehlentwicklung. Die Dinger hängen in Klassenzimmern, in denen Kinder toben und die Türen knallen. Nach ein paar Wochen ist deren sensibles Innenleben völlig hinüber. Ich hatte schon Smartboards, bei denen ich alle 2 Minuten eine Rekalibierung vornehmen musste. Vernünftiger Unterricht ist dann nicht mehr möglich. Manchmal funktioniert auch aus keinem ersichtlichen Grund der Ton nicht. Zu Hause an meinem eigenen PC könnte ich das sicher schnell beheben, aber an der Schule habe ich selbst für so simple Dinge keine Administratorrechte und muss dann Schüler losschicken, um mitten während der Unterrichtszeit den "Smartboard-Lehrer" zu finden, der das Problem lösen kann (in der Hoffnung, dass er selbst gerade eine Hohlstunde hat). Der Unterricht kann dann solange nicht weitergehen, wenn man z.B. geplant hat, einen abiturrelevanten Film zu analysieren. Ich habe es schon oft gesagt: Digitale Ausstattung an Schulen funktioniert nur, wenn JEDERZEIT ein IT-ler, der nur dafür zuständig ist, die Geräte zu warten und zu reparieren, im Haus ist. Das ist bei jeder Firma, die so viele Mitarbeiter hat, wie es Schüler und Lehrer an einer Schule gibt (ca. 1000 bei uns) auch der Fall. Ich mache zwar weiterhin Unterricht mit dem Smartboard, aber das Schreiben mit dem Stift auf dem Board lasse ich mittlerweile weitestgehend, da es immer unschön aussieht und in 50% der Fälle Kalibierungsschwierigkeiten gibt. Smartboards sind außerdem einfach zu empfindlich für Klassenzimmer. Eine Umstellung auf Computer + Beamer, mit runterfahrbarer Leinwand vor einer Filzstift-Tafel wäre meiner Meinung nach das Sinnvollste.
perino 02.01.2018
4. Kompetenz der Lehrkraft
Ein Unterrichtsmedium ist immer so gut oder schlecht wie die Kompetenz der Lehrkraft, die es nutzt. Auch schon in früheren Zeiten haben Kollegen die Schüler vor Fernsehern abgestellt und sich um andere Dinge gekümmert. Die waren bei den Schülern so lange beliebt, bis die Zeit der Prüfungen kam. Guter Unterricht erfordert immer eine Menge Vorbereitungszeit. Das ändert sich durch Smartboards nicht. Eher muss mehr Zeit investiert werden. Dadurch wird der Unterricht aber auch abwechslungsreicher, spannender und anschaulicher, als ?Kreidetafelunterricht?. Immer vorausgesetzt, man beherrscht das Medium auch umfassend.
Kaian 02.01.2018
5. Überbewertet
Wir hatten zu meiner Schulzeit Klassenzimmer mit Whiteboard und welche mit der "veralteten" Beamer/Tafel Kombi. Sowohl Schüler als auch Lehrer bevorzugen das "veraltete" Modell, denn das neue schränkt den Unterricht nur weiter ein. Beamer und Tafel sind nicht zu schlagen. Das Whiteboard ist nur der Versuch bin Ländern und Medien, symbolhaft mehr Geld in neuen technischen Schnickschnack zu investieren. Die Auswirkungen auf den Unterricht bleiben außen vor. Also unterstützt nicht auch noch die Alibi Politik. Man sollte nicht die Methode wählen, mir der man sich als zeitgemäß inszenieren kann, Diven mit der, welche dem Unterricht am meisten nützt.
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