Gewalttätige Mädchen im geschlossenen Heim Danke, ich bin eingesperrt

Sie kommt aus der scheinbar perfekten Familie, freundlich, gebildet. Trotzdem lief Emilia immer wieder weg, klaute, nahm Drogen, schlug zu. Mit 14 landete sie auf der Straße. Ihre Mutter fragte sich: Wie rette ich mein Kind? Und ließ ihre Tochter einsperren.

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Es muss viel passieren, bevor eine Mutter ihre Tochter einsperren lässt. Bevor sie einen Richter bittet, ihre Tochter in ein geschlossenes Heim zu schicken. Und es muss noch mehr passieren, bevor eine Tochter das nicht nur verzeiht, sondern dankbar ist dafür.

Früher, als sie auf der Straße lebte, sah Emilia zwei Alternativen: Entweder gibt sie auf und zeigt allen, dass sie schwach ist. Dann hätten Männer mit ihr gemacht, was sie wollen. Oder sie schlägt zu. Emilia schlug zu. Jungen, Mädchen, Starke, Schwache. Immer wieder.

Emilia besuchte mal das Gymnasium. Sie weiß, mit Messer und Gabel zu essen, höflich ist sie, offen, sympathisch, gepflegt und hübsch, sehr hübsch. Emilia, die eigentlich anders heißt, ist heute 16 Jahre alt. Wenn sie von damals erzählt, zittert sie leicht. Es sieht nicht so aus, als wäre sie stolz auf das, was sie erlebt hat: die Wohngruppen, das Schuleschwänzen, die Gerichtsverhandlungen.

Früher verdiente Emilias Mutter, eine freundliche, zierliche Frau mit festem Händedruck, eigenes Geld. Dann, so erzählt sie es heute, entschied sie sich, zu Hause zu bleiben und sich nur noch um ihre beiden Kinder zu kümmern, ihr Mann verdiente genug. Dass sie trotzdem nicht in der Lage gewesen sei, ihr Kind zu erziehen, dass sie fremde Menschen bitten musste, ihr zu helfen, das... ja, das sei nicht ganz einfach. Dieses Versagen. Und diese Fragen: Hätte ich früher etwas machen müssen? Habe ich ihr keine Grenzen aufgezeigt? Habe ich zu viel Druck ausgeübt?

Inzwischen, nach vielen Gesprächen mit Jugendamt, Pädagogen und Psychologen, wissen Mutter und Tochter in etwa, warum Emilia im geschlossenen Heim gelandet ist: Vieles hat sich vermischt, Enttäuschung, Wut, Gewalt, Verzweiflung, Angst. Wahrscheinlich wollte die Mutter ihrer Tochter zu viel recht machen und hat dabei vergessen, ihr die Grenzen aufzuzeigen, die ein Kind braucht, um seinen Weg zu finden.

Ihren leiblichen Vater hat Emilia nie kennengelernt. Als sie in der Grundschule war, bekam ihre Mutter mit ihrem jetzigen Mann noch ein Kind, und Emilia fühlte sich zurückgesetzt. Sie zählte an Weihnachten, wer wie viele Geschenke bekommen hat, sie rebellierte, ihre Mitschüler grenzten sie aus, sie flog von der Schule, stritt sich mit ihrem Stiefvater. Er schlug zu, wenn sie versuchte, ihre Mutter verbal zu verletzen, und er gar nicht weiterwusste. Mit 13 Jahren zog Emilia in eine betreute Wohngruppe. Es folgte noch eine. Und noch eine.

Emilia blieb anfangs, solange sie Hilfe brauchte, und ging, wenn ihr etwas nicht passte. Irgendwann kam sie gar nicht mehr, da war sie 14. Etwa sechs Wochen lebte sie auf der Straße, hier, dort, allein, in der Gruppe. Eine Zeitlang klaute sie für eine Gang. Es sei schwer gewesen, da wieder rauszukommen, sagt sie. Aus Angst hielt sie sich eine Zeitlang versteckt.

"Schlimmer als jetzt kann es nicht kommen"

Innerlich, sagt Emilia, sei sie kaputtgegangen. "Wenn jemand zu mir gesagt hat: 'Du landest im Gefängnis, wenn du so weitermachst', habe ich gedacht: Schlimmer als jetzt kann es nicht kommen." Auf der Straße, erzählt Emilia, habe sie angefangen, Drogen zu nehmen, eigentlich alles außer Heroin.

In der Zeit habe sie von ihrer Mutter nichts gehört. Dabei sei sie nur abgehauen, damit ihre Eltern denken: "Oh Gott, wir holen dich nach Hause."

In der Zeit loggte Emilias Mutter sich erstmals bei Facebook ein und freundete sich mit ihrer Tochter an, wenigstens virtuell. Hin und wieder postete Emilia etwas, und die Mutter wusste: Sie lebt.

Die Mutter holte sich Rat vom Jugendamt: Was soll ich tun, wenn sie nachts vor der Tür steht? Wenn sie Geld will? Ein Ladendetektiv anruft? Das Amt riet, ihr nichts zu geben, sie nicht vor der Polizei zu schützen. Emilia müsse lernen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat. "Sie hat geglaubt, ich mache nichts", sagt die Mutter. "Dabei hat Emilia vergessen, dass sie gegangen ist."

Nach sechs Wochen zog Emilia für ein paar Monate zu ihrer besten Freundin - auch sie schlug, klaute und nahm Drogen. Irgendwann stand sie wieder vor Gericht, und Emilias Mutter ging zum Staatsanwalt: Was sie noch machen sollte, fragte sie. Aus guter Erfahrung, sagte er, könne er ihr eins raten: "Warten Sie, bis Ihre Tochter richtig in der Gosse liegt." Die Mutter ging nach Hause und dachte: Das kann ich nicht. So erzählt sie es heute. Stattdessen entschied sie sich, ihrer Tochter ihr altes Leben zu nehmen, sie von ihren Freunden zu trennen, die längst die Familie ersetzten.

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Sie redete mit dem Jugendamt und einem Familienrichter; er sollte zustimmen, dass Emilia in die Niefernburg zieht, ein geschlossenes Heim im baden-württembergischen Niefern-Öschelbronn. Hier kommt ein Betreuer auf ein Kind, 250 Euro kostet das am Tag, die Eltern zahlen je nach Einkommen einen Beitrag dazu, den Rest übernimmt das Jugendamt. Rund 66.000 Kinder und Jugendliche leben deutschlandweit in offenen Heimen und Wohngruppen, nur etwa 400 in geschlossenen.

Immer wieder kritisieren Pädagogen und Politiker solche Heime. Erst kürzlich wieder: Junge Männer waren in Brandenburg aus Heimen der Haasenburg GmbH abgehauen. Einer sagte, er sei tagelang ans Bett fixiert worden, andere berichteten von Knochenbrüchen; der Betreiber weist die Vorwürfe von sich. Inzwischen wurden die Heime geschlossen. Gegner sagen, Kinder und Jugendliche gehören nicht eingesperrt. Emilias Mutter fragt: "Wie soll ich meinem Kind helfen, wenn es immer wegläuft?"

"In mir drin muss noch viel repariert werden"

Es ist ein Dienstag im Sommer, die Sonne scheint auf das helle Fachwerkhaus, das Tor zum Hof steht offen. Seit einem Jahr lebt Emilia in der Niefernburg; mit ihrer Familie sei alles wieder voll gut, sagt sie. "Aber in mir drin muss noch viel repariert werden."

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In dem Heim lebt Emilia mit fünf anderen jungen Frauen in einer Wohngemeinschaft, mit gemeinsamer Küche, Bad und Wohnzimmer. An den Wänden hängen Zettel, auf denen beispielsweise steht, wie die Mädchen respektvoll miteinander umgehen sollen, nicht schlagen, nicht lästern. Oder was sie bei Provokationen tun können, ignorieren, mit Erziehern reden. Dinge, die sie von ihren Eltern nicht gelernt haben. Wenn die Mädchen sich an Regeln halten, bekommen sie sogenannte Token. Die können sie sammeln und eintauschen, gegen eine DVD beispielweise, einen Kinobesuch oder Schminke.

Rein und raus kommt hier nur, wer einen Schlüssel hat. Die Mädchen haben keinen. Wobei sie trotzdem abhauen könnten, wenn sie wollten, beim gemeinsamen Einkauf mit den Erziehern etwa. Der Gedanke daran nehme den Mädchen den Druck, sagt Carina Eisele, die stellvertretende pädagogische Leiterin.

In ihren Zimmern können sie das Fenster nur kippen, die Schränke haben keine Türen, damit die Mädchen sie nicht rausreißen. Die Erzieher können den Mädchen auch den Strom abdrehen, wenn sie sich mit anderen schlagen beispielsweise. Ist Emilia schon passiert.

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Sie sagt: "Es hört sich blöd an, aber mir gefällt es gut." Die Struktur, Mittagessen um 13 Uhr, Abendessen um 18 Uhr, ihr gefalle, dass man sich hier wieder verträgt, nachdem man sich gestritten hat. Dass die Erzieher zuhören, dass sie auf Problemen nicht herumreiten. Ihr gefalle das Fairness-Training, in dem sie in Rollenspielen lernt, Konflikte zu lösen. Ihr gefalle, dass es sehr oft sehr lustig ist. Dass die Erzieher nicht so geschwollen reden, dass sie Piercings, Tattoos und Baggy-Pants tragen statt Anzug und Krawatte.

"Die Bücher enden alle mit: Tja, verkackt." Das gefällt ihr

Auf ihrer Fensterbank liegen einige Bücher. Sie liest viel, gern über Drogenabhängige und Straßenkinder. "Pille" beispielsweise, "Sehnsucht Ecstasy", "Ghetto Kidz". Emilia sagt: "Die Bücher enden alle mit: Tja, verkackt." Auch das gefällt ihr. Sie wisse schließlich, dass es auf der Straße kein Happy End gebe.

An den Wänden hängen Bilder von ihrem Stiefvater, ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder. Auf ein Bild hat er geschrieben: "Hap Dich lieb." Sie lachen auf den Fotos. Herzlich, offen, gutaussehend.

Manche Mädchen seien wohlstandsverwahrlost, sagt die stellvertretende Leiterin. Andere lebten als Kind getrennt von ihren Eltern, so wie Laura*, deren Mutter von Moldau nach Deutschland ging, um Geld zu verdienen (Lesen Sie hier ihre Geschichte). Wieder andere wuchsen bei Eltern auf, die selbst psychische Probleme haben, so wie Verena* (Lesen Sie hier ihre Geschichte). Manchmal, erzählt die Leiterin, forderten Mutter und Vater: Repariert mein Kind, wir haben damit nichts zu tun. "Es ist eine große Kunst, sich nicht über manche Eltern zu ärgern." Emilias Eltern, sagt sie, gehörten nicht dazu. Sie hätten hart an sich gearbeitet.

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An diesem Tag im Sommer sieht Emilias Mutter ihre Tochter zum letzten Mal für eine lange Zeit. Emilia zieht erst mal für ein Jahr ins Ausland, im Rahmen eines Kooperationsprojekts der Niefernburg, weit weg von all dem, das ihr nicht immer gutgetan hat. Die Mutter läuft über den Hof der Niefernburg, trägt eine große Sonnenbrille und schluchzt. Frau Eisele: "Haben Sie sich verabschiedet?" Emilias Mutter hält sich die Hand vor den Mund. Frau Eisele lächelt sie an, verständnisvoll und warmherzig: "Ich habe Sie schon so oft weinen sehen, das macht jetzt auch nichts mehr." Emilias Mutter nickt und geht.

Im November lebt Emilia schon seit einigen Monaten in einer Familie, die mit ihr umgehen kann. Emilias Mutter sagt am Telefon, ihr gehe es gut. Von Emilia hat sie noch nichts gehört, noch haben sie Kontaktsperre. Eine Auflage der Niefernburg, daran hält sich die Mutter, sie möchte alles richtig machen. Jeder soll zur Ruhe kommen, Emilia, Mutter, Stiefvater, Bruder. Es solle ein guter Start werden für alle, sagt die Mutter, wenn Emilia zurückkommt.

* Alle Namen von der Redaktion geändert

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