Fotoreportage über Kinder in Iran "Ich bin glücklich, wenn ich etwas lerne"

70 Prozent der Iraner sind jünger als 35, viele Kinder müssen die Schule abbrechen, um zu arbeiten. Der Fotograf Kilian Foerster hat einige von ihnen porträtiert und erzählt ihre Schicksale.

Von


Sie können oft nicht richtig lesen oder schreiben, weil sie schon früh arbeiten müssen - auf dem Feld, beim Schuster, als Straßenverkäufer. Der Fotograf Kilian Foerster hat Kinder und Jugendliche in Irans Hauptstadt Teheran porträtiert. "Eine Kindheit, wie man sie in Westeuropa gewöhnt ist, kennen viele aus der sozialen Unterschicht von ihnen nicht", sagt er. "Die Kinder fangen früh an zu arbeiten, und um zu überleben und sich durchzusetzen, entwickeln sie ein Selbstbewusstsein, das Kinder bei uns in der Regel nicht haben."


Milad, 8 Jahre:

"Ich war noch nie in einer Schule, kann nicht lesen und schreiben. Tagsüber sitze ich zu Hause rum, glücklich macht mich nichts. Freunde habe ich nicht, die Nachbarskinder sind viel älter. Vor meinem Vater habe ich Angst. Wenn meine Mama mit meinem Bruder Mirza auf den Bohnenfeldern arbeitet, passe ich zu Hause auf meinen kleinen Bruder auf. Er ist das Wertvollste für mich, ich mag ihn mehr als alles andere.

Meinen Geburtstag habe ich noch nie gefeiert, aber mein kleiner Bruder hatte eine Geburtstagsfeier und er hat Socken bekommen. Ich würde sehr gern eine Schule besuchen, das ist mein größter Wunsch. Manchmal bringt mir Mirza etwas aus seinen Büchern bei."

Mustafa, 17 Jahre:

"Ich lebe bei meinen Eltern und habe noch zwei Brüder. Mit neun Jahren habe ich angefangen zu arbeiten und als ich zehn war, habe ich die Schule abgebrochen, weil ich Geld verdienen wollte. Zuerst habe ich bei einem Sattler gearbeitet, später in einer Werkstatt für Haushaltssachen aus Plastik und danach in einer Bäckerei, in einem Fahrradladen und in einer Druckerei. Die Hälfte meines Lohnes haben meine Eltern bekommen, und die andere Hälfte habe ich selbst ausgegeben.

Heute bereue ich das und denke, dass Wissen und Lernen und Zufriedenheit wichtiger sind als Geld. Allein mit Geld kann man noch keinen Charakter kaufen. Ich möchte jetzt gerne einen Beruf lernen. Das Wichtigste ist aber, dass die Familie zusammenhält. Und man sollte sich nicht über Menschen, die weniger haben, lustig machen oder sich ihnen gegenüber gleichgültig verhalten. Wir müssen uns gegenseitig helfen."

Mirza, 11 Jahre (Bruder von Milad):

"Ich komme aus Afghanistan, habe zwei Brüder und lebe bei meiner Mutter. Ich weiß nicht genau, wie lange wir schon in Iran sind. Dieses Jahr wollte ich hier gern die zweite Klasse besuchen, aber die Schule hat mich nicht aufgenommen, weil meine Mutter das Schulgeld nicht bezahlen konnte. Jetzt schaue ich in meiner Freizeit in meine alten Schulbücher. Zwei Jahre lang habe ich bisher eine Schule besucht.

Nun arbeite ich manchmal zusammen mit meiner Mutter: Wir pflücken Unkraut in den Bohnenfeldern. Aber am glücklichsten war ich in der Schule – ich würde gern Ingenieur werden. Mein Wunsch ist, dass wir alle zusammen in einem großen Haus zu Abend essen: meine Mutter, meine Oma, mein Onkel, meine Brüder und ich. Und ich wünsche mir, dass in Afghanistan kein Krieg mehr herrscht."

Hannaneh, 13 Jahre:

"Meine Eltern sind geschieden und ich lebe bei meiner Mutter, die als Krankenschwester arbeitet. Seit meinem sechsten Lebensjahr gehe ich zur Schule, dort will aber niemand mit mir spielen, ich sitze immer in der Ecke und schaue den anderen zu und werde traurig und denke nach, warum die anderen nicht mit mir spielen. Ich würde gern mit jemandem meine Geheimnisse teilen, aber richtige Freunde hatte ich noch nie.

Ich habe zwei Wünsche: dass meine Eltern wieder zusammenkommen und dass ich viel Geld habe, damit ich ins Ausland gehen kann. Ich habe schon sehr oft versucht, meine Eltern wieder zusammenzubringen, aber sie wollen nicht. Hoffnung habe ich trotzdem noch, und ich wäre glücklich, wenn wir wieder eine Familie wären. Später möchte ich Kinderkrankenschwester werden, und Psychologie interessiert mich auch."

Behrouz, 14 Jahre:

"Ich möchte reich werden und die Einrichtung, in der ich lerne, unterstützen, damit auch andere Kinder von der Straße dort Hilfe bekommen. Ich komme aus Afghanistan und lebe mit meinen drei Schwestern und zwei Brüdern bei meinen Eltern. Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Waren mit einem Handwagen auf einen Basar hier in Teheran zu bringen. Viele Jahre habe ich dort gearbeitet, zeitweise auch als Straßenverkäufer. Man muss sich anstrengen, um in diesem Bereich Geld zu verdienen. Mein Vater betreibt einen Gemüsehandel auf der Straße, ich musste für das Haushaltsgeld mitarbeiten, und ich wollte auch nicht zu Hause rumsitzen. Dort ist es langweilig, und Männer wollen nicht zu Hause sein.

Ich kann bisher nur wenig lesen und schreiben, denn ich habe erst mit elf Jahren die erste Klasse besucht, nachdem mich eine Streetworkerin auf der Straße angesprochen und mir eine Möglichkeit gezeigt hat, wo ich etwas lernen kann. Ich bin glücklich darüber, denn es ist nervig, wenn man keine Straßenschilder lesen kann. Am meisten freue ich mich aber, wenn ich Sport machen kann, und mein größter Wunsch ist, ein guter Badmintonspieler zu werden."

Mohamed, 10 Jahre:

"Meine Mutter ist mit meinen drei Schwestern, meinen zwei Brüdern und mir aus Maschhad nach Teheran gezogen. Mein Vater ist schon vor meiner Geburt gestorben. Zuerst habe ich als Verkäufer gearbeitet und danach in einem Imbiss. Dort habe ich die Tische aufgeräumt und geputzt. Seit einer Woche bekomme ich Unterricht in einem Kinderhaus. Später würde ich gern Wissenschaftler werden. Geld ist mir nicht so wichtig, mein größter Wunsch ist, dass meine Mutter wieder gesund wird – sie hat Diabetes. Wegen ihrer Krankheit kann sie nicht arbeiten, aber sie kocht für uns. Morgens gehe ich ins Kinderhaus und abends helfe ich meiner Mutter."

Sara, 10 Jahre:

"Als Kind habe ich bei einem Schuster gearbeitet. Meine ältere Schwester hat mich angelernt, wir haben dort Schuhe in Kartons eingepackt. Jetzt arbeite ich nicht mehr, sondern besuche die dritte Klasse in einem Kinderhaus. Ich bin glücklich, wenn ich dort etwas lerne. Zu Hause mache ich dann meine Hausaufgaben. Mein größter Wunsch ist, dass wir in unserer Wohnung bleiben können – der Hausbesitzer hat uns gekündigt und gesagt, wir sollen uns etwas anderes suchen. Ich habe Angst, dass wir dann kein Zuhause mehr haben."

Mohamed, 15 Jahre:

"In der Schule gefällt mir besonders Physik. Ich verstehe zwar nicht so viel davon, aber ich liebe die Formeln, sie bringen mich immer zum Nachdenken. Nach der Schule muss ich mich kurz hinlegen, sonst bekomme ich Kopfschmerzen. Danach esse ich, treffe mich mit Freunden, und dann mache ich meine Hausaufgaben, und am nächsten Morgen geht es wieder in die Schule.

Ich bin mit meinem ganzen Stadtteil befreundet, von klein bis groß. Angst habe ich davor, dass ich Menschen verliere, die mir besonders lieb sind. Am meisten bedeutet mir meine Mutter, von ihr habe ich auch mein schönstes Geschenk bekommen, eine Rose. Ich möchte später Geschäftsmann werden und so eine ähnliche Firma wie Ebay aufmachen. Ich habe eine Projektidee, mit der ich so viel Geld verdienen möchte, dass meine Familie und Freunde vor Freude weinen."

Massoud, 15 Jahre:

"Ich bin der Jüngste in der Familie und habe vier Geschwister – drei Brüder und eine Schwester, die mit 25 Jahren an einer Krankheit gestorben ist. Mein Tag sieht normalerweise so aus: Um 7 Uhr gehe ich in die Schule und komme um 12.30 Uhr wieder nach Hause. Dann lege ich mich kurz hin, und danach beschäftige ich mich mit den Sachen, die ich in der Schule gelernt habe. Ich hatte ein paar Freunde, zu denen habe ich aber den Kontakt abgebrochen, weil sie Drogen genommen haben. Sie wurden von ihren Eltern rausgeworfen und leben jetzt auf der Straße. Manchmal sehe ich sie nachts. Die Eltern meiner ehemaligen Freunde haben die Hoffnung aufgegeben: Es gibt bei Drogen keinen Weg zurück ins normale Leben.

Ich freue mich, wenn wir wegfahren; zum Beispiel waren wir kürzlich am Kaspischen Meer. Oder wenn wir in einen Park in Teheran gehen und picknicken oder eine Tante besuchen. Das Wertvollste für mich sind meine Eltern, und ich fürchte mich nur davor, dass ich sie verlieren könnte. Später möchte ich Arzt werden, damit ich einen anständigen Beruf habe. Ich wünsche mir ein ruhiges und glückliches Leben."

Ahmed, 15 Jahre:

"Dreimal in der Woche habe ich nach der Schule noch Englischunterricht, und an den anderen Tagen gehe ich zum Sport. Geld ist sehr wichtig für mich, ich möchte reich werden und später als Architekt arbeiten. An meinem letzten Geburtstag hat mir mein Vater 40.000 Tuman geschenkt (circa zehn Euro). Dieses Geld habe ich für meinen Englischunterricht ausgegeben."

Massoumeh, 17 Jahre:

"Meine Eltern sind getrennt und ich lebe bei meiner Mutter. Das Wichtigste in meinem Leben sind meine Mutter und dass ich Erfolg habe. Ich habe schon im Theater gearbeitet und würde gerne Schauspielerin werden oder Philosophie studieren. Alles, was auf dieser Welt passiert, ist vorbestimmt. Egal was passiert – es gibt immer einen Grund."

Mohamed, 14 Jahre:

Ich unterhalte mich mit Freunden meistens über Computerspiele und welche Level wir geschafft haben. Mein Computer bedeutet mir viel, aber am Wichtigsten ist für mich meine Mutter. Besonders freue ich mich, wenn ich verreise. Im Sommer war ich am Kaspischen Meer, und die zwei Wochen dort waren die beste Zeit in meinem Leben. Ich liebe das Meer und würde mich sehr freuen, dort noch einmal hinfahren zu können. In der Schule gefallen mir die Naturwissenschaften am besten, weil ich Humanmedizin sehr mag und später Arzt werden möchte.

Die Bilder aus Iran sind Teil der Reihe "Kindergeschichten". Für sie hat Foerster bereits Flüchtlingskinder aus Kriegsgebieten im Irak und in der Ukraine fotografiert und interviewt. Die ehrliche, unverblümte und direkte Sprache der Kinder mache die Brutalität eines Krieges und seine Folgen besonders deutlich, sagt Foerster. "Wenn man ihnen aber mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet, ist diese Form für mich die ehrlichste Art und Weise über Kinder in Extremsituationen zu berichten."

Die Menschen in Iran befinden sich, so Foerster, in einer schizophrenen Situation: Das öffentliche Leben ist bestimmt durch das repressive politische System und völlig anders als das private. So kommunizierten die Menschen in Gesprächen weniger über direkte Worte als über Gestik, Mimik und Blicke - zum Schutz vor dem autoritären islamischen Regime. Und viele Frauen trügen das Kopftuch nur auf der Straße und legten es in der Wohnung sofort ab.

Kinder der Oberschicht in snobistischer Seifenblase

"Obwohl die Folgen der internationalen Wirtschaftssanktionen gegen Iran besonders die soziale Mittel- und Unterschicht in dem Land treffen, empfangen die Iraner im Alltag Besucher aus Westeuropa mit großer Gastfreundschaft, Offenheit und Neugier", sagt Foerster. Wegen seines Atomprogramms unterliegt Iran seit knapp zehn Jahren Sanktionen aus dem Westen; im vergangenen Sommer kam es schließlich nach jahrelangen Verhandlungen zu einem Abkommen über eine schrittweise Aufhebung.

Die Frustration und Enttäuschung der überwiegend jungen Bevölkerung Irans - 70 Prozent sind jünger als 35 - haben jedoch auch andere Gründe: Misswirtschaft und Korruption sorgen für fehlende berufliche Perspektiven in ihrem Heimatland, die Jugendarbeitslosigkeit unter 15- bis 24-Jährigen liegt offiziell bei knapp 25 Prozent.

Die Kinder für sein Projekt fand Kilian Foerster in einem Park in Teheran und in einem regierungsunabhängigen Kinderhaus. Von vornherein ausgeschlossen hat der Fotograf Kinder aus der sehr reichen Oberschicht sowie Kinder, die im organisierten Straßenverkauf arbeiten: "Die Reichen können jederzeit das Land verlassen und leben häufig in einer snobistischen Seifenblase; und die anderen laufen Gefahr, große Probleme mit dem Staat oder ihren Auftraggebern zu bekommen, wenn sie offen über ihre Arbeitsbedingungen sprechen."

Teil 1 und Teil 2 der Fotoserie "Kindergeschichten" von Fotograf Kilian Förster sehen Sie hier:

Fotostrecke

11  Bilder
Bilder von irakischen Flüchtlingskindern: "Sie verkaufen Zigaretten, sammeln Müll oder betteln"
Fotostrecke

12  Bilder
Flüchtlingskinder aus der Ostukraine: "Ich wünsche mir, dass unser altes Haus von Luhansk nach Kiew transportiert wird"

Zur Person
Kilian Foerster, Jahrgang 1970, Fotograf aus Hamburg, hat gemerkt, dass ihn die typischen Frontbilder der Kriegsfotografie nur noch selten berühren. Deshalb fotografiert er lieber in der zweiten Reihe: Seine "Kindergeschichten aus dem Irak und aus Syrien" sind auch auf seiner Homepage www.kilianfoerster.de zu finden.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.