Fotoreportage über Kinder in Iran "Ich bin glücklich, wenn ich etwas lerne"

70 Prozent der Iraner sind jünger als 35, viele Kinder müssen die Schule abbrechen, um zu arbeiten. Der Fotograf Kilian Foerster hat einige von ihnen porträtiert und erzählt ihre Schicksale.

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Sie können oft nicht richtig lesen oder schreiben, weil sie schon früh arbeiten müssen - auf dem Feld, beim Schuster, als Straßenverkäufer. Der Fotograf Kilian Foerster hat Kinder und Jugendliche in Irans Hauptstadt Teheran porträtiert. "Eine Kindheit, wie man sie in Westeuropa gewöhnt ist, kennen viele aus der sozialen Unterschicht von ihnen nicht", sagt er. "Die Kinder fangen früh an zu arbeiten, und um zu überleben und sich durchzusetzen, entwickeln sie ein Selbstbewusstsein, das Kinder bei uns in der Regel nicht haben."


Die Bilder aus Iran sind Teil der Reihe "Kindergeschichten". Für sie hat Foerster bereits Flüchtlingskinder aus Kriegsgebieten im Irak und in der Ukraine fotografiert und interviewt. Die ehrliche, unverblümte und direkte Sprache der Kinder mache die Brutalität eines Krieges und seine Folgen besonders deutlich, sagt Foerster. "Wenn man ihnen aber mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet, ist diese Form für mich die ehrlichste Art und Weise über Kinder in Extremsituationen zu berichten."

Die Menschen in Iran befinden sich, so Foerster, in einer schizophrenen Situation: Das öffentliche Leben ist bestimmt durch das repressive politische System und völlig anders als das private. So kommunizierten die Menschen in Gesprächen weniger über direkte Worte als über Gestik, Mimik und Blicke - zum Schutz vor dem autoritären islamischen Regime. Und viele Frauen trügen das Kopftuch nur auf der Straße und legten es in der Wohnung sofort ab.

Kinder der Oberschicht in snobistischer Seifenblase

"Obwohl die Folgen der internationalen Wirtschaftssanktionen gegen Iran besonders die soziale Mittel- und Unterschicht in dem Land treffen, empfangen die Iraner im Alltag Besucher aus Westeuropa mit großer Gastfreundschaft, Offenheit und Neugier", sagt Foerster. Wegen seines Atomprogramms unterliegt Iran seit knapp zehn Jahren Sanktionen aus dem Westen; im vergangenen Sommer kam es schließlich nach jahrelangen Verhandlungen zu einem Abkommen über eine schrittweise Aufhebung.

Die Frustration und Enttäuschung der überwiegend jungen Bevölkerung Irans - 70 Prozent sind jünger als 35 - haben jedoch auch andere Gründe: Misswirtschaft und Korruption sorgen für fehlende berufliche Perspektiven in ihrem Heimatland, die Jugendarbeitslosigkeit unter 15- bis 24-Jährigen liegt offiziell bei knapp 25 Prozent.

Die Kinder für sein Projekt fand Kilian Foerster in einem Park in Teheran und in einem regierungsunabhängigen Kinderhaus. Von vornherein ausgeschlossen hat der Fotograf Kinder aus der sehr reichen Oberschicht sowie Kinder, die im organisierten Straßenverkauf arbeiten: "Die Reichen können jederzeit das Land verlassen und leben häufig in einer snobistischen Seifenblase; und die anderen laufen Gefahr, große Probleme mit dem Staat oder ihren Auftraggebern zu bekommen, wenn sie offen über ihre Arbeitsbedingungen sprechen."

Teil 1 und Teil 2 der Fotoserie "Kindergeschichten" von Fotograf Kilian Förster sehen Sie hier:

Fotostrecke

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Fotostrecke

12  Bilder
Flüchtlingskinder aus der Ostukraine: "Ich wünsche mir, dass unser altes Haus von Luhansk nach Kiew transportiert wird"

Zur Person
Kilian Foerster, Jahrgang 1970, Fotograf aus Hamburg, hat gemerkt, dass ihn die typischen Frontbilder der Kriegsfotografie nur noch selten berühren. Deshalb fotografiert er lieber in der zweiten Reihe: Seine "Kindergeschichten aus dem Irak und aus Syrien" sind auch auf seiner Homepage www.kilianfoerster.de zu finden.

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