"Wie werde ich..." Sarah Kuttner, Plaudertasche mit großer Klappe

Sie galt als die Rettung des Musikfernsehens, zeigte ihre Cellulitis und ließ keinen Fettnapf aus. Und trotzdem blieb Sarah Kuttner ganz normal. Im SchulSPIEGEL-Fragebogen verrät sie, warum sie gern vor Publikum scheitert.


Sarah Kuttner ist heute Moderatorin, weil... sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Nur wenige Monate vor meiner Bewerbung bei Viva ging ich zu einem Casting für MTV. Dort hat man mich nicht mal mit dem Arsch angesehen. Ich erinnere mich an ein eher doofes aber sehr hübsches blondes Mädchen, das vor mir aus dem MTV-Casting kam. Es meinte: "Die sagen vom Aussehen her passt es schon mal super und an dem Rest kann man ja noch arbeiten."


Wäre sie nicht Moderatorin geworden, ... hätte ich immer noch keine Ahnung. Ich wusste nie besonders gut was ich werden will. Bis heute bin ich jemand, der keine großen Ziele hat, sondern hofft dass alles schon irgendwie werden wird. Vermutlich würde ich immer noch Radio machen oder irgendwo Kabel tragen und Talkshowgäste betreuen.

In der Schule war sie... beliebt, recht aufgeweckt und bis zum Eintritt ins Gymnasium eine sehr gute Schülerin. Mit der Pubertät verschoben sich aber schnell meine Interessen. Ich habe in den letzten Schuljahren viel geschwänzt und mich schulisch eher mit Charme und Improvisation über Wasser gehalten.

Ihre Mitschüler haben sie deshalb... als Außenseiterin betrachtet. Man mochte mich, denke ich, ganz gern, denn ich war laut und lustig. Ich habe immer alleine den Aufstand gegen unliebsame Lehrer geprobt und hatte immer Zigaretten. Aber man nahm es mir wohl auch übel, dass mein soziales Netz außerschulisch war.

Mit 17 hat Sarah Kuttner davon geträumt, dass... sie für immer mit Martin zusammenbleiben würde. Weiter als bis zur jeweilig aktuellen Situation gingen meine Träume nie. Das tun sie auch heute nicht. Ich kann nicht gut in die Zukunft denken. Als alle meine Freunde schon wussten, was sie nach dem Abitur machen wollten, überlegte ich noch, was ich zum Abendbrot essen möchte.

Dass sie Moderatorin werden will, wusste sie, als ... sie mit 21 Jahren schon ein paar Monate als Redakteurin beim Radio arbeitete. Der Job den die Moderatoren dort machten gefiel mir gut und ich fand, dass ich ihn eben so gut hinbekommen könnte. Ich bat meinen damaligen Chef, es einmal ausprobieren zu dürfen, aber er ließ mich nicht. Wenige Monate später, direkt nachdem ich bei Viva anfing, bot er mir plötzlich diverse Sendungen an.

Sarah Kuttner war sich nie zu schade... sich im Fernsehen zum Idioten zu machen. Es ist lustig und wertvoll, den Menschen zu zeigen, dass man selbst auch nur mittelmäßig ist. Dass Scheitern nicht so schlimm ist. Ich habe im Fernsehen schon geweint, geschwitzt, fürchterliche Witze gemacht und in diverse Fettnäpfe gefasst. Ich habe Cellulites und Wissenslücken gezeigt. Ich habe morgens Mundgeruch wie alle anderen, weshalb das nicht zugeben?

Sie würde aber nie ... die Kontrolle abgeben wollen und eben genannte Dinge unter fremder Regie wie im Reality-TV zeigen. Ich mache mich gern schmutzig, und ich scheitere gern vor Publikum. Aber all das bitte zu meinen eigenen Regeln.

Sarah Kuttner regt echt auf, dass... sie sich so schnell und gewaltig aufregen kann. Ich kann ein wirklich unangenehmer Zeitgenosse sein. Ich bin sehr viel emotionaler als andere mir zutrauen. Laufen Sachen nicht wie geplant, fange ich schnell an, zu wüten oder zu weinen. Und dabei geht es nicht um fehlende weiße Lilien im Backstage-Raum, sondern eher um den Verhaltenskodex. Ich habe ein recht empfindliches moralisches Wertesystem. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das erstrebenswert. Nur hängt da bei mir die Limbostange unrealistisch weit unten.

Der entscheidende Moment in ihrer Karriere war... vermutlich ihre erste eigene Sendung "Sarah Kuttner - die Show" im Jahre 2004. Hinzu kam, dass zur selben Zeit Anke Engelke leider bei Sat.1 scheiterte und die Boulevardpresse dann Vergleiche zwischen ihr und mir zog. Ich erinnere mich an eine Doppelseite in der "Gala": Anke vs. Sarah. Lächerlich, natürlich. Aber ich hatte in dieser Zeit enorme Presse. Und obwohl die Sendung nie hysterisch viel gesehen wurde, galt ich plötzlich zwei Jahre lang als die Rettung des Musikfernsehens.

Sarah Kuttner wäre gern mal für einen Tag... Mutter. Nur um mal zu sehen, wie sie ist, diese Liebe, die man dann für sein eigenes Kind spüren soll. Irgendwann in ein paar Jahren wäre ich dann gern auch für längere Zeit Mutter, aber zurzeit würde ich es nur mal probieren wollen. Dann könnte ich bei der Gelegenheit auch gleich mal sehen, wer der Vater ist.

Der schönste Tag ihres Lebens war... Ach. Ich bin schrecklich entscheidungsunfreudig, deshalb leider kein Typ für Superlative. Ich werde oft nach dem "besten", "schönsten" und "liebsten" gefragt. Aber ich kann mich nie entscheiden. Es gibt zu viele schöne Songs, Filme oder Tage, um einen davon final auszuwählen und ihm eine Goldmedaille umzuhängen.

Ihr größter Fehler war ... Es mag pathetisch klingen, aber ich habe nicht das Gefühl, einen wirklich großen Fehler gemacht zu haben. Natürlich habe ich Sachen oft genug verhauen, mich daneben benommen und falsche Entscheidungen getroffen. Aber nichts davon war schlimm genug, um es dringend rückgängig machen zu wollen. Hätte ich verschiedene Sachen anders gemacht in meinem Leben, wäre ich jetzt vielleicht auch wo- und wer anders. Und mir gefällt es hier mit mir ganz gut.

Sich selbst findet sie... ganz in Ordnung. Ich habe inzwischen recht passabel gelernt, mit mir selbst umzugehen. Ich habe fürchterliche Seiten, aber ich bin mir sicher, auch ein paar ganz entzückende zu haben. Ich muss nur aufpassen, mir beider bewusst zu bleiben. Solange mein privates Umfeld mich noch gerne zum Kuchen einlädt, ist wohl alles in Ordnung.

Der nächsten Sarah Kuttner wünscht Sarah Kuttner... ein paar steinharte Eier in der Hose. Die habe ich nämlich nicht. Ich stopfe meinen Schritt auch nur mit Socken aus, deshalb schmerzt und verunsichert vieles sehr schnell. Ich wünsche der nächsten Sarah Kuttner, dass sie sich noch mehr zutraut. Und dass sie ehrgeiziger ist als ich. Ich bin vermutlich die faulste Nuss auf Erden.

Könnte sie ihr Leben noch einmal leben, dann... Entschuldigen Sie! Ich bin noch nicht einmal dreißig! Ich bin erst seit zwölf Jahren aus der Pubertät raus und habe somit erst gut zehn Jahre meines Lebens wirklich aktiv gelebt. Nein, ich blicke geradeaus. Nicht besonders weit, aber immerhin nach vorn.

Aufgezeichnet von David Scherf

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