Studie zu Sechs- bis Elfjährigen So leben Deutschlands Kinder

Haben sie ein Smartphone, was machen sie in ihrer Freizeit, wovor haben sie Angst, wie finden sie ihre Eltern und was denken sie über Flüchtlinge? Eine neue Studie zeigt, wie Kinder in Deutschland leben und fühlen.

Grundschulkinder (Symbolbild)
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Grundschulkinder (Symbolbild)

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Der Wecker klingelt fast immer zu früh, irgendjemand in der Klasse ist meistens doof und die Eltern, tja, die nerven oft. Viele Dinge erleben Kinder gleich, egal, zu welcher Zeit, in welchem Jahrzehnt sie Kind sind.

Doch einiges verändert sich, weil sich Trends ändern, Gesellschaften, Lebensformen. Rund 2,7 Millionen Kinder besuchen in Deutschland eine Grundschule. Wie ticken sie? Wie sieht ihr Alltag aus? Was wünschen sie sich?

Die4. World Vision Kinderstudie, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, stützt sich auf eine deutschlandweit repräsentative Umfrage unter mehr als 2500 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren. Die Befragung wurde vor einem Jahr durchgeführt.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Familie

Die Mehrheit der Kinder - 70 Prozent - zwischen sechs und elf Jahren in Deutschland wächst mit beiden leiblichen und miteinander verheirateten Elternteilen auf. 18 Prozent leben mit einem alleinerziehenden Elternteil, die anderen mit unverheirateten Eltern oder in Patchwork-Konstellationen.

Jedes dritte Kind von erwerbstätigen Alleinerziehenden klagt über zu wenig Zeit mit den Eltern. Sind die Eltern jedoch zusammen und beide in Vollzeit beschäftigt, empfinden nur acht Prozent hier einen Mangel. Insgesamt geht der Anteil der Familien, in denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist, immer weiter zurück.

36 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe haben einen Migrationshintergrund, wobei die meisten von ihnen die deutsche Staatbürgerschaft haben, da die Familien schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben.

Schule

Je älter die Kinder werden, desto weniger gefällt ihnen die Schule: Von den Sechs- und Siebenjährigen sagen 61 Prozent, dass ihnen der Unterricht sehr gut gefällt. Unter den vier Jahre älteren Kindern sehen das nur noch 33 Prozent so.

Ähnlich ist es bei der Zufriedenheit mit den Lehrern (von 64 auf 37 Prozent). Deutlich stabiler bleibt der Anteil derjenigen, die sich mit den anderen Kindern sehr wohl fühlen. Mädchen sind in all diesen drei Bereichen generell zufriedener als die Jungen.

Ob ein Kind das Abitur anstrebt, hängt dabei am stärksten von seiner sozialen Herkunft ab - und zwar unabhängig davon, wie es seine eigenen schulischen Leistungen einschätzt.

Freizeit

Sie verabreden sich, machen Sport und schauen YouTube oder Fernsehen: Das sind die häufigsten drei Freizeitbeschäftigungen von Sechs- bis Elfjährigen. Auffällig ist dabei laut den Studienmachern, dass sich Acht- bis Elfjährige heute seltener als noch vor zehn Jahren mit Freundinnen und Freunden treffen. Allerdings sei keine andere Beschäftigung deutlich angestiegen - im Gegenteil. Ob die Ganztagsschulen ein Grund sind, bleibt offen. Auch das Bücherlesen ist leicht zurückgegangen.

Eine zunehmende "Terminkindheit", in der die Kinder ständig verplant sind und von einer Aktivität zur nächsten hetzen müssen, sei laut der Studie ebenfalls nicht zu beobachten.

Handy und Internet

Fast jedes zweite Kind (45 Prozent) zwischen sechs und elf Jahren hat ein eigenes Handy, meistens ein Smartphone. 38 Prozent sind regelmäßig online, vor vier Jahren waren es noch 18 Prozent. Knapp jedes zweite Kind, das online geht, schaut "sehr oft" YouTube oder Filme. Andere nutzen vor allem WhatsApp oder Snapchat oder spielen Computer- oder Tabletspiele.

Doch keine Panik: Ob die zunehmende Zeit im Internet und die virtuellen Treffen mit Freunden auf Kosten der analogen Freundschaften gehen, sich die internetaffinen Kinder also seltener verabreden, wollten die Studienmacher wissen - und fanden heraus: "Die Ergebnisse unserer Studie stützen derartige kulturpessimistische Überlegungen keineswegs."

Ängste

Zunehmend Angst haben Kinder vor: Terroranschlägen, dass ein Krieg ausbricht und vor Umweltverschmutzung. Allerdings räumen die Forscher ein, dass die Befragung kurz nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz stattgefunden hat, die Antworten also dadurch beeinflusst wurden.

Knapp die Hälfte hat außerdem Angst vor schlechten Schulnoten. Dass ihre Eltern arbeitslos werden, befürchten allerdings weniger Kinder als noch bei der vorherigen Befragung im Jahr 2013.

Selbstwirksamkeit

"Kinder müssen die Möglichkeit haben, die eigene Meinung frei zu äußern und sich bei Entscheidungen, die ihre Lebenswelt betreffen, aktiv einzubringen. Wenn Kinder vertrauensvoll ihre Wünsche und Hoffnungen, aber auch ihre Ängste und Sorgen äußern können und dabei von Erwachsenen respektiert und ernst genommen werden, steigert dies ihr Wohlbefinden und ihr Selbstvertrauen", schreiben die Studienmacher.

Allerdings, so zeigt die Studie: Nur jedes dritte der befragten Kinder hat das Gefühl, dass seine Meinung für Lehrer und Betreuer eine Rolle spiele. In den Familien sieht die Situation besser, aber noch lange nicht gut aus: Vom Vater fühlt sich etwa jedes zweite Kind (55 Prozent) in seinen Anliegen ernst genommen, von der Mutter zwei von drei Kindern (66 Prozent).

Und je sozial schlechter gestellt eine Familie ist, umso weniger haben die Kinder das Gefühl, ihren Alltag mitbestimmen zu können. Dazu gehört: Mit welchen Freunden sie sich treffen, was sie anziehen, wofür sie ihr Taschengeld ausgeben, was sie in der Freizeit machen, ob sie ohne Erwachsene draußen spielen oder zur Schule gehen dürfen.

Armut

Jedes fünfte Kind erlebt sich beziehungsweise seine Familie als arm. Die Begleiteffekte sind demnach "lang und deprimierend". Stufen sich Kinder im Grundschulalter als arm ein, beklagen sie zu wenig Zuwendung durch ihre Eltern. Sie haben deutlich weniger Vertrauen in die eigenen schulischen Leistungen. Sie betreiben deutlich häufiger exzessiven Medienkonsum, haben weniger Freunde, sind seltener in Vereinen aktiv, können seltener Freunde mit nach Hause nehmen und ihr Zugang zu Spielplätzen und zur Natur ist schlechter.

Die Angst vor Aggression und Konflikten ist bei dieser Gruppe zudem deutlich stärker ausgeprägt. Und sie sind häufiger Opfer von Mobbing und Diskriminierung. Entsprechend ist die Lebenszufriedenheit bei diesen Kindern deutlich geringer als bei Gleichaltrigen, die keine Armut erleben.

Im Video: Kinderarmut in Deutschland

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Mobbing

Jedes fünfte Kind gibt an, selbst Erfahrungen mit Ausgrenzung zu haben oder gemobbt zu werden. Zwischen Jungen und Mädchen gibt es dabei kaum Unterschiede. Dass sie "oft" von Ausgrenzung betroffen sind, geben jedoch nicht mehr als zwei Prozent der Kinder an.

Meist findet die Ausgrenzung in der Schule statt. Die betroffenen Kinder haben in der Regel auch weniger Freunde und weniger Selbstbestimmungsmöglichkeiten in ihrem Alltag.

Flüchtlinge

Rund ein Viertel der Asylsuchenden in Deutschland waren Kinder unter elf Jahren. Das heißt: Die Mehrzahl der Kinder (63 Prozent) haben in der Schule Kontakt zu geflüchteten Menschen. Je enger der Kontakt, desto positiver bewerten die Kinder diese Erfahrungen. Und 85 Prozent finden es richtig, Flüchtlingen zu helfen und etwas abzugeben. 27 Prozent der befragten Kinder gaben an, Angst davor zu haben, dass zu viele Ausländer nach Deutschland kommen - im Osten sagten dies sogar 45 Prozent der Befragten, während im Westen nur 25 Prozent zustimmten. Die Studienmacher warnen: "Hier zeigt sich, wie früh eine fremdenfeindliche Atmosphäre auf die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft abfärbt."


Zur Methodik der Studie:

Für die 4. World Vision Kinderstudie wurde eine deutschlandweit repräsentative Befragung von 2.550 Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren durchgeführt. Konzeption und Koordination lagen bei einem Team rund um Sabine Andresen von der Universität Frankfurt und dem Institut Kantar Publik (vormals TNS Infratest Sozialforschung).

Die Kinder wurden demnach persönlich-mündlich auf Basis eines eigens entwickelten vollstandardisierten Erhebungsinstruments zu Hause befragt. Zusätzlich wurde ein Elternteil um ergänzende Auskünfte zu Herkunft und sozialer Lage der Familie gebeten. 374 Kantar-Interviewerinnen und Interviewer führten die Befragung durch, die durchschnittlich pro Kind 34 Minuten dauerte. Sie fand im Zeitraum von Ende Januar bis Ende März 2017 statt.

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neogener 15.02.2018
1. Fragliches Fazit zur Internet und Handy-Nutzung
Das Fazit der Studie zum Thema Handy und Internet erschließt sich mir nicht ganz: Die Zeit der Nutzung von Internet und Handy steigt an, gleichzeitig wird weniger Zeit mit den Freunden verbracht. Das gezogene Fazit lautet: “keine Panik, es besteht kein eigentlicher oder besorgniserregender Zusammenhang.” Aber eine Begründung zu dieser Aussage sucht man vergeblich. Wer 1 und 1 zusammenzählen kann und die Entwicklung der eigenen Kinder beobachtet, dem wird eben dieser Zusammenhang recht eindeutig vor Augen geführt.
andreasclevert 15.02.2018
2. Smartphone-Nutzung der 6 - 11 Jährigen
So dargestellt, wie auch in der Pressemitteilung von World Vision macht es ja den Eindruck, dass fast jeder zweite Sechsjährige ein Smartphone hat. Wenn man die Alterskohorte aber etwas aufteilt, sind es - lt. der Studie - 82 % der 10 - 11 - Jährigen, die vor allem diesen hohen Mittelwelt pushen (ich habe jetzt nicht mehr zwischen Handy und Smartphone unterschieden). Daran können sich immer noch die Geister scheiden. Aber definitiv ist es nicht so, dass in einer ersten Klasse die Hälfte der Kids unterm Tisch mit WhatsApp arbeiten...-
Crom 15.02.2018
3.
Zitat von andreasclevertSo dargestellt, wie auch in der Pressemitteilung von World Vision macht es ja den Eindruck, dass fast jeder zweite Sechsjährige ein Smartphone hat. Wenn man die Alterskohorte aber etwas aufteilt, sind es - lt. der Studie - 82 % der 10 - 11 - Jährigen, die vor allem diesen hohen Mittelwelt pushen (ich habe jetzt nicht mehr zwischen Handy und Smartphone unterschieden). Daran können sich immer noch die Geister scheiden. Aber definitiv ist es nicht so, dass in einer ersten Klasse die Hälfte der Kids unterm Tisch mit WhatsApp arbeiten...-
Logisch, denn ein Kind muss erst einmal Lesen und Schreiben ansatzweise lernen, ehe es z.B. WhatsApp effektiv nutzen kann und das gilt auch für andere Apps.
frau_m_aus_d_an_der_e 15.02.2018
4. Wer's glaubt ...
Hinsichtlich Smartphone/Intenret hätte man die Eltern befragen sollen. Die Kinder wissen genau, dass sie das "nicht soviel machen sollen". Würde mich auch nicht wundern, wenn die Kinder angegeben hätten, 20 Minuten am Tag Zähne zu putzen und 1 Stunde für die Schule zu lernen. Erinnert mich an die Studie über's Fremdgehen, wo Männer viel mehr als Frauen fremd gingen, was nur daran lag, dass die Angabe der Frauen von ihrem schlechteren Gewissen beeinflusst war. Definitiv frisst Smartphone andere Freizeitaktivitäten - der Tag hat nunmal nur 24 Stunden. Wir werden sehen, (ob da) was die Folge ist.
obergner 15.02.2018
5. Das Positive
überwiegt doch alles in allem. Vielen Kindern scheint es in Deutschland überwiegend gut zu gehen. Im Allgemeinen ist ja die persönliche Anschauung kein verlässlicher Maßstab, in diesem Fall deckt sie sich aber mit den Studienergebnissen.
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