Nach Axt-Angriff in Würzburg "Jetzt haben wieder alle Angst vor uns"

In Würzburg ging ein junger Flüchtling mit der Axt auf Menschen los. Dietlind Jochims und ihr afghanischer Adoptivsohn Sharif müssen sich jetzt Fragen anhören wie: Wen hast du dir da ins Haus geholt? Und den Verdacht ertragen: Bist du auch so?

Junger Flüchtling in Deutschland (Symbolbild)
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Junger Flüchtling in Deutschland (Symbolbild)

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Sharif (Name geändert) stand eines Tages plötzlich vor ihrer Tür: ein minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan, der nicht wusste, wohin er in Hamburg gehen sollte. Man fand ihn zu jung für ein Erstaufnahmelager und zu alt für den Kinder- und Jugendnotdienst. Deshalb durfte er erst einmal bei Pastorin Dietlind Jochims bleiben. Übergangsweise.

Zwei Jahre ist das her. Inzwischen sind die beiden eine Familie. Dietlind Jochims wurde Sharifs Pflegemutter. Dann adoptierte sie ihn. Der Axt-Angriff des minderjährigen Flüchtlings in Würzburg hat die beiden erschüttert - aus verschiedenen Gründen.

Sharif: "Für mich war die Nachricht ein Schock. Ich habe im Internet ein Video von dem Angreifer gesehen und war sehr erschrocken. Er soll aus Afghanistan kommen, so wie ich, und er lebt in einer Pflegefamilie, so wie ich. Mehr haben wir nicht gemeinsam. Aber ich fürchte: Jetzt werden wieder alle Angst vor uns haben, vor mir und vor anderen Flüchtlingen aus Afghanistan. Das macht mich sehr wütend. Wir sind doch nur hierhergekommen, weil wir Frieden und Sicherheit wollen.

Menschen sind nicht alle gleich, nur weil sie aus demselben Land kommen oder die gleiche Religion haben. Oder sind alle Deutschen Nazis? Ich habe Angst, dass jetzt viele Leute denken, dass ich genauso wie dieser Junge aus Würzburg bin, dass ich gefährlich bin. Das bin ich nicht!"

Jochims: "Wenn solche Sachen wie in Würzburg passieren, wird das sofort auf Sharif und mich heruntergebrochen. Viele Leute fragen: Wie ist das denn bei euch? Mich hat die Tat entsetzt, aber wir haben damit eigentlich nicht mehr zu tun als andere Menschen auch. Sie betrifft uns jedoch mehr, weil wir sofort wegen einiger äußerer Merkmale gleichgesetzt werden.

Dazu kommt, dass verschiedene Gruppen die Tat sofort gefällig in ihr Weltbild eingepasst haben, obwohl die Hintergründe noch völlig unklar waren. Der IS hat den Angriff schnell für sich instrumentalisiert, und Rechtspopulisten haben die Tat genutzt, um Flüchtlinge als Gefahr für Deutschland darzustellen. Da geht es mir wie Sharif: Das macht mich unglaublich wütend.

Ich befürchte auch, dass Menschen dadurch abgeschreckt werden, Pflegeeltern zu werden und einen minderjährigen Flüchtling bei sich aufzunehmen. So nach dem Motto: 'Hilfe, wen holen wir uns da ins Haus?'"

"Ich werde das mein ganzes Leben lang nicht vergessen können"

Sharif: "Das ist ähnlich wie nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln. Ich habe mit einem Mädchen auf Whatsapp geschrieben. Dann wollten wir uns treffen, aber sie hat sich nicht getraut. Sie hat mir geschrieben, dass sie nach Köln Angst vor Ausländern hat. Das hat mich gekränkt. Ich bin Paschtune. Ein Paschtune würde nie eine Frau gegen ihren Willen anfassen.

Ich kann mir nicht erklären, warum der Junge diese Menschen angegriffen hat. Dieser Junge kann nur psychisch krank gewesen sein, aber selbst das ist keine richtige Erklärung. Ich selbst war auch psychisch krank. Das ewige Warten, ob ich in Deutschland bleiben darf oder nicht, diese Unsicherheit - das war schlimm. Es gibt auch einige Erlebnisse von der Flucht, die ich nicht vergessen kann.

Als ich 13 Jahre alt war, hat mich meine Mutter nach Europa geschickt, weil es bei uns zu gefährlich war. Ich bin durch elf Länder geflohen. In Griechenland war ich vier Wochen im Gefängnis. Das war sehr schlimm. In Frankreich habe ich im Park geschlafen. Ich wusste einfach nicht wohin. Niemand hat mir geholfen, deshalb bin ich immer weiter gegangen - bis nach Norwegen. Aber dort konnte ich nach zwei Jahren auch nicht mehr bleiben.

Ich bin oft heimlich auf Lastwagen mitgefahren, unter der Ladefläche zwischen den Reifen und der Hydraulik. Wenn ich heute Lastwagen sehe, merke ich, dass ich sofort wieder diese Angst von damals spüre. Ich werde das mein ganzes Leben lang nicht vergessen können.

Es hilft mir, dass ich regelmäßig mit einer Therapeutin spreche. Aber ich weiß, wie verzweifelt man als Flüchtling sein kann. Es gab Tage, an denen ich nicht mehr leben wollte. Ich kenne einen Afghanen, der sich in Norwegen vor einen Zug geworfen hat."

"Es ist eine stille Wut"

Jochims: "Ich habe unterschätzt, wie lange traumatische Erfahrungen einen Menschen belasten können. Ich merke auch, wie viel Wut oft in Sharif steckt. Das ist keine aggressive Wut, die er gegen jemanden richten würde, überhaupt nicht. Es ist eine stille Wut.

Ich glaube, sie hat viel mit dem Gefühl zu tun, hilflos ausgeliefert zu sein. Er hat das in Afghanistan und bei seiner Flucht erlebt, aber auch hier in Deutschland.

Manchmal habe ich den Eindruck: Was vorher noch nicht kaputt war, das wird hier kaputt gemacht. Ich finde die Verfahren zur Anerkennung als Asylbewerber teilweise entwürdigend. Sharif hatte zum Beispiel einen afghanischen Pass. Aber die Behörden haben nicht geglaubt, dass die Altersangaben stimmen.

Ein Mitarbeiter hat ihn ein paar Minuten lang begutachtet und fand dann, Stirnfalten und Körperbehaarung seien zu ausgeprägt. Er müsse schon volljährig sein. Später musste Sharif sich noch einmal von einem Arzt untersuchen lassen, der sein vermeintliches Geburtsdatum feststellen wollte. Demnach wäre Sharif zwei Monate älter als er eigentlich ist. Das ist doch lächerlich.

Immer wieder hieß es: warten. Wie groß Sharifs Angst war, wieder weggeschickt zu werden, habe ich gemerkt, als ich ihn adoptieren konnte. Damit war für ihn auch klar, dass er bleiben darf. Mit dieser Sicherheit geht es ihm viel besser. Für mich ist es nur merkwürdig, plötzlich Mutter von einem Jugendlichen zu sein - die zweite Mutter neben seiner Mutter in Afghanistan.

"Ich möchte am liebsten immer weiterlernen"

Sharif: "Für mich ist das gar nicht merkwürdig. Ich wohne gerne mit Didi zusammen. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren eigentlich gar keine Probleme gehabt. Okay, außer als ich aus Versehen den falschen Handyvertrag abgeschlossen habe oder wenn ich morgens mal zu spät aufstehe (lacht).

Ich möchte jetzt am liebsten noch lange in die Schule gehen und immer weiterlernen. Ich war in Afghanistan nur in einer Koranschule, und ich bin in Norwegen zwei Jahre zur Schule gegangen. Mehr nicht.

Wenn ich sehe, wie Didis Nichten und Neffen aufwachsen, dass sie spielen oder ihre Eltern ihnen vorlesen, dann denke ich, dass das eine schöne Kindheit ist. Die hätte ich auch gerne gehabt. Bei mir waren immer wieder Bomben, Gewalt und Menschen, die sich geschlagen haben."

Jochims: "Ich freue mich, dass ich Sharif eine Perspektive geben konnte. Für mich ist das aber keine edle Tat, sondern ich mag ihn einfach, und ich lerne sehr viel von ihm. Ich merke, wie schwierig es für ihn ist, sich in diesem gesamtkulturellen Kodex in Deutschland zurechtzufinden.

In afghanischen Familien werden Erwachsene zum Beispiel nicht hinterfragt. Dass man verschiedener Meinung ist, Auseinandersetzungen mit Worten löst, das hat Sharif in Afghanistan nicht kennengelernt. Ich finde beeindruckend, wie sehr er sich jetzt darauf einlässt.

Manchmal kommt mir Sharif viel älter vor, als er eigentlich ist. Dann wieder wirkt er auf mich so instabil, dass man ihn für viel jünger halten könnte. An seinem 18. Geburtstag hat er einen sehr treffenden Satz gesagt: 'Ich kann noch gar nicht erwachsen sein, ich war doch noch gar nicht Kind.'"

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Dietlind Jochims ist Pastorin und Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche. Sie lebt in Hamburg und hat Sharif, 18, vor zwei Jahren bei sich aufgenommen. Zunächst war er ihr Pflegesohn, später konnte sie ihn adoptieren. Sharif heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht nennen, weil er Sorge hat, dass Menschen ihm gegenüber dann Vorurteile haben.
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