Zehntklässler-Pisa Hyperaktive Lehrer und passive Schüler

Weil Lehrer nach veralteten Methoden unterrichten, lernt ein Drittel der Schüler in der neunten Klasse nichts hinzu, hat eine Pisa-Sonderstudie ergeben. Statt Lehrervortrag und Stillarbeit sollten Schüler zum Forschen angeregt werden, fordern Experten.


Frankfurt/Main - "Fördern und Fordern" - was in Deutschland zum Schlagwort für die Arbeitsmarktpolitik geworden ist, sollte eigentlich auch für den Schulunterricht gelten. Doch die neueste Pisa-Sonderstudie zeigt, dass nach wie vor ein großer Teil der Schüler nicht ausreichend gefördert wird – ein Drittel von ihnen lernt zwischen der neunten und zehnten Klasse in Mathematik und den Naturwissenschaften nichts hinzu.

Pisa-Studie: Nichts dazugelernt?
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Pisa-Studie: Nichts dazugelernt?

In der Pisa-Folgestudie kassierten nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer schlechte Noten: Dass der Unterrichtsstoff bei nur etwa 40 Prozent der Jugendlichen hängen bleibe, liege daran, dass die Lehrer fortschrittliche Methoden nicht anwendeten oder erst gar nicht kennen, so die Pisa-Forscher.

"Bei uns machen die Lehrer das, was eigentlich die Schüler machen sollten: Wir haben sozusagen hyperaktive Lehrer und passive Schüler", erklärt der Schulreformer Heinz Klippert, was im deutschen Schulunterricht oftmals noch schief läuft. Viele Lehrer praktizierten den traditionellen lehrerzentrierten Unterricht mit Lehrervortrag, Tafelbild und lehrergelenktem Unterrichtsgespräch. "Aber Kompetenzvermittlung ist etwas anderes als vor der Tafel zu reden und Schüler abzufragen", so Klippert.

"Lehrer müssen sich mehr zurücknehmen"

Vielmehr sollten Schüler lernen, wie sie eigenverantwortlich Arbeiten können und so Wissen erwerben. Dazu brauchen sie laut Klippert Lernsituationen, die vielseitige Anforderungen an sie stellen. "Die Schüler müssen nicht nur schreiben und lesen, sondern auch selbst forschen und entdecken und ihre Ergebnisse präsentieren", erklärt Klippert. Das spiele an deutschen Schulen aber meist noch eine zu geringe Rolle.

"Lehrer müssten sich im Interesse der Schüler mehr zurücknehmen." Denjenigen Lehrern, die diese neuen Methoden nicht praktizieren, will Klippert dabei aber keinen Vorwurf machen: "Viele Lehrer sehen ein, dass sich etwas ändern muss und akzeptieren die Konsequenzen aus der Pisa-Studie - aber ihnen fehlt einfach das Handwerkszeug."

Schließlich arbeiteten Lehrer nach langjährig eingeübten Mustern, die sie aus dem Stegreif beherrschten. "Was wir brauchen, sind neue Stegreifkompetenzen und mehr Teamarbeit." Das müsse aber auch alles organisiert werden, und hier gebe es noch viele Mängel, kritisiert der Klippert, der als Methoden-Trainer für Lehrer Fortbildungskurse anbietet. "Es ist eine Illusion, dass man Lehrern nur neue Bildungsstandards vorgeben muss, und dann wird alles besser." Fortbildungen für Lehrer müssten häufiger und gezielter eingesetzt werden.

Damit bestätigt Klippert genau den Befund des Pisa-Konsortiums: "Zusammenfassend zeigt sich somit, dass theoretisch viel diskutierte Unterrichtsprinzipien bisher kaum Einzug in die Unterrichtsrealität gefunden haben", heißt es in der Studie Pisa-I-Plus.

cpa/AP



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